Der Neapolitaner, Interims-Offenbacher und Jetzt-Londoner Marco Carola ist bei den Technohalbstarken für skillfullen Schranz vergöttert. Mit seinem neuen Album "Open System" verführt er jetzt auch Minimalbleep-Feingeister, sich zwischen die Trichterhosen zu drängeln. Eine glückliche Konversion.
Text: felix denk | superfelix@iname.com aus De:Bug 53

techno

Schöngeistigkeit im Sinne des Schranz
Marco Carola

Jeff Mills – prinzipiell Gott, in diesem Zusammenhang aber eher Moses – sagte mal, Techno ist immer dann, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert. Das ist nicht nur ein hoher Anspruch an die Gläubigen, sondern auch ein strenger Maßstab, der sich in den real existierenden Partybedingungen nicht jederzeit erfüllen lässt. Das verständliche Bedürfnis nach einem gewissen Mindestmaß an Planungssicherheit führt ja oft zu einem recht selbstgenügsamen Pragmatismus aller Beteiligten. Wenn Clubbetreiber, DJ, Label, Produzent ein bisschen auf Nummer sicher gehen, kann das im negativsten Fall dazu führen, dass am Ende alle selig schlummern – allerdings vor Langeweile und nicht vor Erschöpfung.

Marco Carola kennt diese Dynamik. Als Produzent minimaler Technotracks der härteren Gangart hat er sich einen guten Namen in der Branche gemacht. Neben unzähligen Maxis veröffentlichte er 1998 das Album “Focus” – einer Sammlung dichter, perkussiver Tools, so druckvoll wie schlicht. Seine Skillz als Dj brachten ihn auch in entlegene Ecken der Technoinfrastruktur. Außerdem betreibt er zusammen mit Corrado Izzo die Labels “Question” und “Zenit”. Er hätte es sich also auch einfach machen können, ein Sequel zu Focus produzieren und alles wäre so wie immer geblieben.

Marco Carola ist aber Techno, und zwar nicht nur im herkömmlichen Sinne, das wussten wir sowieso, sondern auch im Jeff Mills Sinne. Sein neues Album “Open System” ist ein großer Schritt für Marco Carola, der sein Repertoire beträchtlich erweitert. Aber auch ein kleiner für die Menschheit, zumindest den Teil, der Techno mag und hier im speziellen so soundscapy Sachen mit verschachtelten Beats zu schätzen weiß – Dekor, den der Schranz mit der Rigorosität maoistischer Kulturrevolutionäre weggeballert hat. Vor allem ist Open System aber ein in seinem Variantenreichtum völlig unerwartetes Album. Die Idee dazu kam nicht über Nacht, wie Marco Carola seine Konversion in die eher bleepigen Gefilde des Techno erklärt: “So ein Album hat mir schon lange vorgeschwebt. Ich wollte mal etwas anderes machen. Mir kommt es beim Produzieren immer auf das Finden neuer Sounds an.”

Escape from Italo Disko

Und die Zeiten, als man diese noch mit der Lupe suchen musste, sind jetzt auch vorbei. Denn gerade das äußerst detailverliebte Sounddesign verleiht Open System eine Tiefe, wie man sie von Marco Carola bisher nicht kannte. Eine neue Produktionsweise, die auch erst mal gelernt sein will: “Das Problem war, dass ich noch nie an solchen Listening Sachen gearbeitet habe. Wenn man etwas Neues ausprobiert, muss man sich am Anfang ganz schön reinknien. Ich habe jetzt eine ganze Menge Tracks, die ich zwar nie veröffentlichen werde, die mir aber geholfen haben zu lernen und den neuen Sound zu finden.” Diese Suche macht seine Tracks äußerst mitteilsam, versprühen sie doch den Charme des gerade neu Entdeckten, des unbedingt etwas ausprobieren Wollens; sie fragen, wie funktioniert das? Und liefern gleich eine Antwort mit. Dieses dunkle, manchmal unüberschaubare Gemenge aus nach hinten gemischten Streichern, dronigen Basslines und obskuren Bleepsounds möchte man natürlich erst mal als Verweise lesen – verstärkte Detroit Exegese, Retrofuturismus vom Stand 91, obskure Flohmarktkäufe als Inspiration usw. – aber wie so oft ergibt die Summe der einzelnen Teile dann doch etwas völlig anderes. Marco Carola sieht die neue Vielseitigkeit in seinen Tracks ohnehin eher als Kompensation eines Informationsdefizits aus der Zeit, als er noch in Neapel lebte: “In Neapel konnte man erst ab 93/94 ein umfassenderes Bild von der elektronischen Musik bekommen. Von diesem Zeitpunkt an habe ich mich dann verstärkt auch für die alten Sachen interessiert. Auch deswegen kommen meine Einflüsse von vielen verschiedenen Platten, schließlich habe ich in den vergangenen Jahren die Musik eines ganzen Jahrzehnts gehört.”

Bei der Gelegenheit muss ihm auch die ein oder andere Deephouse Platte untergekommen sein, denn anders lässt sich seine Kollaboration mit dem bekennenden NuGroove Afficionado Sasse nicht erklären. Zusammen, und mit der Unterstützung der Gadgets, gelang ihnen mit “Fusion” ein Album, bei dem sich die Fähigkeiten der einzelnen Mitwirkenden potenzierten, was bei den unterschiedlichen Herangehensweisen weit weg von selbstverständlich war. Marco Carola macht jetzt also auch noch Deephouse? Überraschen muss einen das nicht, Marco Carola ist ja schließlich Techno.

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Elektronische Lebensaspekte.