Wenn es sonst niemand tut, dann mach' du es. Marco Passarani produziert die Platten, die er auflegen will, notgedrungen selbst - und rettet damit den Idealismus in Techno.
Text: Malte Carli aus De:Bug 90

Ein Schlag in finst’re Fressen
Marco Passarani

Zum Glück gibt es immer noch Orte, die nicht völlig durch Trendgesetze und Hype-Uniformierung gleichgeschaltet sind. Orte, an denen sich musikbegeisterte Menschen gezwungen sehen, ihren Scheiß von Partys über Produktion bis hin zu Labels und Vertrieb komplett selbst zu machen – und zwar so, wie sie es sich vorstellen. Die wunderbare kleine Realität um Nature Records und Final Frontier in Rom ist so ein Ort. Und Marco Passarani ist der leidenschaftliche Typ, der diese Wirklichkeit geschaffen hat.
Die Initialzündung von Acid und Rave in Rom war mächtig. So stark, dass Marco immer noch davon angetrieben wird und heute, nach 15 Jahren Pionierarbeit unter Bedingungen, die von der anfänglichen Euphorie schnell wieder ins krasse Gegenteil gekippt waren, mit derselben Energie weiter nach vorne prescht.
An eine Flucht raus aus dem widrigen Ambiente, weg von der italienischen Dance-Ignoranz hatte er oft gedacht, doch mittlerweile weiß er, dass er das bisschen Negativität um sich rum sehr gut als Antrieb verwerten kann, ja sie zu einem gewissen Grad sogar braucht. “Vom Gesichtspunkt der Musik, der Produktion und des Arbeitens habe ich wirklich sehr oft daran gedacht, Rom zu verlassen. Aber die Sache ist die, dass ich es einfach nicht schaffe. Es ist unmöglich. Das angenehme Klima, das Essen, Freunde auf der Straße treffen – das könnte ich nirgendwo anders haben. Ich lebe gerne in Rom, ich mag es, mein Ding von hier aus zu machen, und ich mag, dass es schwierig ist. Das gibt mir Befriedigung, es ist eine dauernde Herausforderung, die mich inspiriert.“

Unterstützt von Mario Pierro und Francesco de Bellis von Jolly Music schmilzt Marco in seinen Produktionen und auf seinen Labels all das zu magischen Momenten zusammen, was Techno sein kann, was es einmal war und sein sollte: Unmittelbarkeit, Frechheit, Knall und dabei immer auch Romantik und Gefühl. So ziemlich all das vermisst er derzeit schmerzlich und setzt deshalb mit dem vollen Programm von Acid über Detroit und Electro bis zurück zu Italo-Disco dagegen. Die Wurzeln reichen weit hinunter in die Geschichte der Tanzmusik, der Blick geht nur nach vorn – gegen die Ödnis nicht nur in Rom und Italien, sondern auch gegen den Frust, den Marco generell angesichts der aktuellen Szene empfindet. Der im Titel seines neuen Albums “Sullen Look“ genannte mürrische Blick und auch die daraus ausgekoppelte “Fed Up”- EP spielen deutlich darauf an. Marco setzt dagegen den Impact, mit dem z.B. auch die Maxis auf Pigna Records, einem vor drei Jahren ins Leben gerufenen Sublabel von Nature, den Dancefloor treffen. “Pigna haben wir auch gegründet, weil wir keine Platten mehr fanden, die wir mit wirklicher Überzeugung kaufen oder auflegen konnten. Die ersten zwei Minuten gefallen uns vielleicht, aber dann kackt es ab. Pigna bedeutet auf römisch auch Schlag, etwas Hartes, Starkes, das dich unmittelbar trifft. Was wir machen, ist zwar nichts Neues – da sind wir die ersten, die das zugeben –, aber es geht darum, Qualität zu liefern. Wir wollen die Sachen so machen, wie wir sie uns auch von anderen wünschen.“
Während anderswo also bis zur Verrottung Soundpartikel poliert oder Attitüdenwettkämpfe ausgetragen werden, behauptet Marco Substanz als ein Kriterium. Er will Funk, so griffig, so scharf und zugleich melancholisch wie Detroit in seinen besten Momenten, er will kantige Beats, die Nackenhaare in Schwingungen versetzen wie vor einem Jahr seine Single “I House U“, und er will immer auch Emotion. Klar, der Mann ist Traditionalist und ein Dickschädel, und er hat wohl nichts dagegen, als solcher bezeichnet zu werden, denn er jagt immer noch diesem Urknallgefühl von damals hinterher. In der säurehaltigen Rock-Retro-Trance-Suppe da draußen fehlt derzeit einfach der entscheidende, der zündende Funke, den er selbst zurückbringen will: eine Botschaft, ein Gefühl, Seele. Und natürlich eine Pigna, direkt rein in die finstere Fresse, die alle endlich loswerden sollen.

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Elektronische Lebensaspekte.