Rassismus-Peter-Pan als US-Pop-Tradition
Text: Anton Waldt aus De:Bug 125


Margo Jefferson
Über Michael Jackson
Berliner Taschenbuch Verlag

Pulitzer-Preisträgerin Margo Jefferson hat keine Michael-Jackson-Biografie verfasst, sondern eine ausführliche Betrachtung des Phänomens Michael Jackson. Damit schlägt sie einen eleganten Haken und umgeht so ziemlich alle offensichtlichen Fallen, die das Thema mit sich bringt.

Wo sie es für nötig hält, referiert Jefferson Fakten, in anderen Passagen belässt sie es bei Kommentaren, Assoziationen und ihrer intelligenten, subjektiven Interpretation. “Über Michael Jackson” ist damit eine extrem kurzweilige und augenöffnende Lektüre, die auf 176 Seiten im Plauderton wesentlich mehr leistet, als es eine Biografie jemals könnte.

Vor allem gelingt es Jefferson, Jacksons Werdegang in eine Tradition zu stellen, die mit den Vaudeville-Varietés des 18. Jahrhunderts beginnt. Irgendwo zwischen Freakshow, Zirkus-Nummern und Entertainment wurde damals die Basis der US-Popkultur gelegt. Aber über diesen allgemeinen Traditionszusammenhang hinaus zeigt Jefferson, wie Michael Jackson ganz konkret in dieser Geschichte verwurzelt ist.

Denn die Figur des schwarzen Ex-Kinderstars gab es schon vor 150 Jahren, und auch die Tragik-Dimensionen waren ähnlich gigantisch. Michael Jackson exerziert seinen Rassismus-Peter-Pan demnach nicht im luftleeren Raum seiner persönlichen Neurosen, sondern im erstaunlich engen Korsett eines Künstler-Prototyps, der seine sensationellen Momente mit Abgründen, Schmerz und Selbstzerstörung bezahlen muss.
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