Popstars mit Fagott
Text: Lea Becker aus De:Bug 159

Eine neue Stecknadel auf der House-Landkarte? Vidmantas Cepkauskas alias Vidis hat sich vorgenommen für seine in Sachen elektronische Musik bisher nicht weiter in Erscheinung getretene Heimat Litauen genau die zu setzen. Zwei Labels hat er dafür gegründet: Silence Music und Best Kept Secret. Gemeinsam mit Mario Basanov hat er außerdem als Mario & Vidis das Doppel-Album “Changed” veröffentlicht. Aus den Popstars werden langsam ernstzunehmende Househelden.

In Litauen kam “Changed” bereits im Dezember 2010 auf den Markt, das Debüt-Album war dort damals längst überfällig, denn in ihrer Heimat sind Mario & Vidis ein angesagter Pop-Act. Warum sie sich mit dem weltweiten Release ein gutes Jahr Zeit ließen, erklärt Vidis – seit Jahren nicht nur DJ und Label-Chef, sondern auch Radiomoderator und Promoter – so: “Die meisten Leute hören sich neue Musik gar nicht an, die lesen bloß Namen. Nach der Veröffentlichung von ‘Changed’ in Litauen beschlossen wir, einigen netten Labels einzelne Album-Tracks als Singles zur Verfügung zu stellen, um dadurch international an Sichtbarkeit zu gewinnen und das Album dann vor diesem Hintergrund weltweit zu re-releasen. Veröffentlichungen auf Future Classic, Best Works und Endless Flight, oder auch ein Remix von Soul Clap, das sind in diesem Zusammenhang eben gute Tags. Das klingt zwar blöd, aber genauso läuft es halt.

Gute Tags, das klingt eigentlich gar nicht so blöd, sondern vielmehr nach Strategien aus dem Online-Marketing und das gekonnte Netzwerken im Internet wiederum ist für Mario & Vidis tatsächlich essenziell. Die beschauliche litauische Hauptstadt Vilnius zählt nur knapp eine halbe Million Einwohner und wenn die beiden zum Auflegen nach Berlin fliegen, dann müssen sie in Kopenhagen umsteigen, weil es zwischen den Hauptstädten keinen Direktflug gibt. Tatsächlich klingt “Changed” so, wie man sich Vilnius vorstellen würde: unaufgeregt, leicht melancholisch und ja, auch ein bisschen reaktionär. Sie selber nennen ihre fast ausschließlich in Moll gehaltenen Produktionen gern “sad music to make people dance”.

Stravinsky-PlugIn
Neben diesem Quäntchen Melancholie zieht sich durch die Produktionen des Duos vor allem die Sehnsucht nach etwas “Echtem”. Zwar ist jeder Track in seiner Essenz computerbasiert, doch alle Stücke enthalten auch etwas Analoges – ob Vocals, Trompete, Drums oder einen analogen Synthesizer. “In den Neunzigern gab es eine große Welle von Vocal House, diese ganze New Yorker House-Szene à la Masters at Work zum Beispiel. Das war eigentlich in House gekleidete Pop-Musik“, so Vidis. Und weiter: “Durch Minimal sehnten sich die Leute dann aber wieder nach Melodie und menschlicher Stimme. Außerdem ist heutzutage die Technologie für Musikproduktion extrem leicht verfügbar, also produzieren eine Menge Leute Musik, von denen aber nur wenige wirklich talentiert oder gut ausgebildet sind. Es gibt unheimlich viele Tracks aber kaum richtige Kompositionen – manche Produzenten veröffentlichen nichts weiter als Loops. In diesem Kontext fängt man an, sich nach etwas zu sehnen, das irgendwie realer ist – nach echter Musik.

In einem entsprechend organischen Prozess entstehen auch die Vocal-Tracks der beiden, die rund 50% der Doppel-CD ausmachen: Die Sänger schreiben ihre Parts auf zweiminütige Instrumental-Entwürfe, ausgehend davon entwickeln Mario & Vidis die Musik wiederum weiter. So entstehen Songs, in die sich die Stimme nicht nur auf eine natürliche Art und Weise einfügt, sondern zum integralen Bestandteil wird. Das Paradebeispiel für diese Arbeitsweise ist der Titeltrack des Albums, auf dem der Schwede Ernesto singt: Vom ursprünglichen Instrumentalentwurf blieb nach Eingang seiner Vocals lediglich die Tonart bestehen.

Wir wollen ein besonderes Gefühl erzeugen, einen Live-Eindruck“, erklärt Vidis die Philosophie hinter ihrer Musik.”Bei einigen Tracks nutzen wir dafür einfach nur Geräusche wie die Atmung unserer Sänger. Auch wenn wir diese analogen Sounds selbstverständlich samplen, kann man trotzdem spüren, dass sie echt sind, das funktioniert auf einer unterbewussten Ebene. Du hörst es nicht wirklich, aber diese Information wird trotzdem transportiert.” Auf “When Nobody Listens”, einem Lieblingstrack der beiden, wird die gesamte Harmonie durch ein von Mario eingespieltes Fagott erzeugt. Darauf angesprochen meldet sich denn auch dieser endlich zu Wort: “Als wir im Gravity Club in Vilnius aufgetreten sind, holte ich mein Fagott unter dem Tisch hervor und begann zu spielen. Die Typen dort hatten sowas noch nie vorher gesehen. Viele Leute kamen auch zu uns, nachdem sie den Track auf der Platte gehört hatten und fragten, was für ein Synthesizer oder PlugIn das wäre. Ich liebe das Fagott, weil es sehr vielseitig ist. In den russischen Cartoons zum Beispiel wurde es eingesetzt, um den Auftritt des bösen Wolfs und ähnlicher Charaktere zu untermalen. Gleichzeitig gibt es zum Beispiel ein Fagott-Solo in Stravinskys ‘Le sacre du printemps’, das übrigens auf einem alten litauischen Volkslied basiert.

Summer of Hype
Der wortkarge Mario – übrigens Litauens gefragtester Pop-Produzent, der nebenbei auch HipHop und R’n’B kann – besuchte in seiner Jugend ein Musikgymnasium und taut im Interview generell immer dann auf, wenn man nach Instrumentierung und Arrangements fragt. Dann trommelt er mit den Händen auf dem Tisch herum oder spielt imaginäre Blasinstrumente. Vidis dagegen ist nicht nur ein gut vernetzter Promoter sondern auch House-Musik-Nerd mit gigantischer Plattensammlung. Ganz dem Klischee gemäß wurde man einander durch gemeinsame Freunde vorgestellt und traf sich eines Abends zum Durchhören besagter Plattensammlung. Gemeinsam produzierten sie eine Weile vor sich hin, bis es Mitte 2008 in ihrem Heimatland zu einem riesigen und unerwarteten Hype um das Produzentenduo kam: Der mit Sängerin Jazzu entstandene Track “I’ll be gone” wurde von der Mercedes-Benz-Plattform “mixed tape” gefeatured und gleichzeitig von einem lokalen Alkoholhersteller zu Werbezwecken benutzt. Der Song avancierte zum Sommerhit, das Video zum meistgesehenen baltischen Musikvideo überhaupt und Jazzu, ebenfalls bei Silence Music unter Vertrag, zur bekanntesten Pop-Sängerin des Landes.

Als ich Silence Music gestartet habe,” so Vidis, “dachte ich, dass es ein reines House-Label sein würde. Durch den phänomenalen Erfolg von Jazzu wurden wir jedoch zu einem Elektronika-Label mit Pop-Appeal, das elektronische Musik für die Massen macht.” Der illustren Reihe von Acts und Genres, die auf Silence Music vertreten ist, merkt man an, dass sie vor allem auf dem persönlichen Geschmack des Label-Chefs basiert. Neben der poppigen Jazzu und ihrem IDM-Side-Project mit dem Produzenten Leon Somov gehören zur “Silence Family” unter anderem der Techno- und Deep-House-Producer Few Nolder sowie der in Brüssel lebende Singer/Songwriter Adomas.

Das Dancefloor-Versprechen
Als Reaktion auf den in seinen Augen viel zu ausdifferenzierten Markt für elektronische Musik entschloss sich Vidis vor kurzem, ein weiteres Label ins Leben zu rufen: Best Kept Secret ist ein richtiges House- und Techno-Label, die erste Veröffentlichung ist die EP “Staar Wars” von Mario & Vidis selbst, die das Dancefloor-Versprechen denn auch prompt mit einer guten Portion Deep House einlöst und die Pop-Anmutungen nur einmal kurz auspackt, wenn die Londonerin Michelle Bee aka Miss Bee für den letzten Track ein bisschen Feature-Gehauche beisteuert.
Im ehrgeizigen Unterfangen Litauen auf der House-Landkarte zu platzieren, soll auch Best Kept Secret seinen Beitrag leisten, demnächst durch die internationale Veröffentlichung einer Label-Compilation. Laut Vidis ist die House-Szene in Vilnius derzeit so kreativ wie nie zuvor, insbesondere schwärmt er von Silence-Music-Eigengewächs Few Nolder, dem Produzentenduo Downtown Party Network und dem erst neunzehnjährigen Brokenchord, der zuletzt von Radiohead mit einem Remix beauftragt wurde. Und wenn es einer schafft, das gut gehütete Geheimnis zu lüften, das Litauens House- und Techno-Szene derzeit für den Rest der Welt noch darstellt, dann ist es mit Sicherheit Vidis.

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