30 Jahre The Fall sind nicht genug
Text: Jörg Sundermeier aus De:Bug 113


The Fall sind ein Monument störrischen Indietums, seit 30 Jahren. Das proletarische Nordengland ist ihr Humus, Mark E. Smith ihr Kopf. Wenn das Wort einmal Sinn macht, dann hier: Querdenker. Sein Projekt mit Mouse on Mars markiert wichtige künstlerische Einschnitte für beide Seiten. Der lebenslange Fall-Fan Jörg Sundermeier deckt es auf.

Wie schön ist es, in der Gegenwart zu leben. Die Vergangenheit ist unsicher, die Zukunft scheint abgeschlossen. Da bleibt uns ja nichts als das Hier und Jetzt, wenn’s spannend zugehen soll. Nur die Gegenwart lässt sich nie umfassend beschreiben, nur in ihr gibt es Überraschungen. Wie schön.

Treffen sich drei in dieser Gegenwart und machen eine Band. Zwei von den dreien sind eins: Mouse on Mars. Dieses Duo war immer schlau, seine Musik allerdings ist auf eine wunderbare Art immer einfacher geworden. Ihre Konzerte sind oft: der Hammer. Jan St. Werner und Andi Toma haben sich seit Jahren von der Schlaufrickelei abgewandt, die immer nur denen Spaß macht, die gerne vorm Tanzen die Bedienungsanleitung lesen. Zwar geht alles, aber nicht alles muss. Ihre Tracks wurden rockiger – und ich rede jetzt wirklich von Rock -, sie wurden zu Songs.

Der dritte von den dreien ist auch nur einer, doch ist er ganz viel, obschon er immer nur eins gewesen ist: Mark E. Smith nämlich ist ein Sänger von Tracks. Alles dreht sich bei ihm und seiner Band The Fall, die die kindischen wie die ernst zu nehmenden Verehrerinnen und Verehrer dieser Band “The mighty Fall“ nennen, um Sound. Für Jüngere: The Fall gibt es seit 1976, es ist eine Band der Arbeiterklasse, sie ist immer nur so lange eine “linke Band“, wie es ihr unantastbarer Führer erlaubt, sie macht Rock für Nichtrockisten, sie (in Gestalt von Mark E. Smith) hat mehr Bandmitglieder verbraucht als eine Kleinstadt Menschen beherbergen kann, und, nein, nein, man muss wirklich nicht alle Platten dieser Band kaufen.

Für die kindischen Fans: doch, halt!, ja ja, natürlich muss man alle Platten kaufen. Aber das kann man doch gar nicht. Kann man doch? Ist aber sehr teuer. Es sind laut offizieller Fall-Website 26 Studio-Alben, dazu kommen fünf “Part Studio/Part Live“-Alben, 29 Livealben und 41 Alben, auf denen Greatest Hits und Raritäten gesammelt worden sind, und zwar fast immer so, dass man mindestens ein Stück oder eine Version doch noch nicht kennt, auch wenn man alles kennt. Und diese Diskographie ist wahrscheinlich sogar unvollständig, einige Fans zählen anders, vielleicht besser. Für die, die es leichter haben wollen: “Chicago Now“ in der Fassung auf “Sinister Waltz“ (eine dieser Compilation-Alben) ist eines der schönsten Stücke der Weltgeschichte. Noch mal für Kindische: ja ja, es gibt auch andere “schönste Stücke der Weltgeschichte“ von The Fall. Und für alle: Sonic Youth, Radiohead, Locust Fudge, Pavement, Tocotronic, Long Fin Killie, Bloc Party, Franz Ferdinand, LCD Soundsystem und andere haben von The Fall gelernt.

Smith’ Motto könnte sein: “Alles ist vorbei, lass es beginnen.“ Es könnte sein: “Fuck off.“ Denn wir verstehen ihn nicht. Jedenfalls nicht wirklich. Seine Texte sind gelallt, gestammelt, verstolpert, verschluckt, gebellt, geschrieen, verzerrt, verdoppelt, verdreifacht, verhallt, verständlich. Das, was einige Hingegebene auf ihrer Unofficial Fall Websitey als “Lyrics“ abdrucken, ist ein Versuch, Verständlichkeit dorthin zu bringen, wo keine ist. Das Buch “The Fall Lyrics”, das 1985 im Verlag Lough Press in Berlin erschien, hilft ebenso wenig weiter. Warum sollte es auch? Wie gesagt, Mark E. Smith ist ein Sänger von Tracks. Und er liebt Sound. Und zwar den so genannten “schlechten“.

Von Südenfed
Auf Jan St. Werner und Andi Toma traf er bei einem Konzert. Ihm gefiel, dass es laut war. Später Gesang von Smith für Mouse on Mars, nun dieses Trio. “Von Südenfed“ heißt es, ein Wort, dass man nicht gut aussprechen kann (Smith liebt es, über das Deutsche zu witzeln). Die Tracks heißen “Speech Contamination/German Fear Of Osterre“ oder “Fledermaus Can’t Get Enough“, zu letzterem wurde übrigens ein phantastisches Video produziert, in dem wunderschöne Transen das misogyne Gebell von Smith nachmachen.

Die Platte klingt zunächst wie eine Fall-Platte, auch wenn das Trio anders heißt. Auch wenn hier keine Rockband im Hintergrund stoisch am hüftsteifen Beat arbeitet. Sie hätte gut in die Fall-Diskographie gepasst, am besten wäre sie gleich 1997, nach dem maßgeblich von der Keyboarderin und Programmiererin Julia Nagle mitgestalteten Fall-Album “Levitate“ erschienen. Ein Album, bei dem sich, scheint es, Mark E. Smith von Nagle stark bremsen ließ. So dass er seiner Manie, das immer gleiche Album noch einmal anders aufzunehmen, nicht völlig nachgeben konnte. “Levitate“ ist daher eines der spannungsreichsten Alben in der Fall-Geschichte.

Auch verläuft “Tromatic Reflexxions“ wie eine Fall-Platte, es gibt ein alle Tanzwut ausbremsendes Fieldrecording-Stück (“Jbak Lois Lane“), es gibt das sanfte “Dear Dear Friends“, schließlich noch zur Gitarre “Chicken Yiamas“, das am Ende herrlich wegtickt. Nur die obligatorische krude Cover-Version fehlt.

Doch täte man den beiden anderen Bandmitgliedern Von Südenfeds unrecht, wenn man behauptete, der fünfzigjährige Patriarch habe ihnen seine Musik aufgezwungen. Eher hat er ihnen geholfen, es auch mal gut sein zu lassen, wenn es gut oder gut schlecht klingt. Er hat offensichtlich nicht “ja“ gesagt bei der Produktion, sondern “nein“, und so sind die Stücke geil unperfekt geblieben. Bei dem Projekt Von Südenfed wird weder der Produktionswut von Toma und Werner nachgegeben noch kann sich Smith die Songs, die Tracks sind, vollständig anverwandeln.

Toma und Werner, die – laut Copyright-Angabe – sehr darauf bestehen, dass von ihnen die Musik stammt, Smith lediglich den Gesang beigesteuert habe (aber was ist sein Gesang anderes als Musik, als Sound?), haben für diese Platte tief in ihren Soundarchiven gewühlt, haben aber längst nicht all das Tolle mitgenommen, das sie hätten mitnehmen können. So bleibt das Album elegant abgespeckt und bummst uns mit Wumms an die Wand, wenn es will, und lässt uns dann zu beinahe lyrischen Passagen langsam wieder von der Wand abgleiten.

Unter den Fall-Fans herrscht die etwas irrationale Angst vor, Mark E. Smith könne bald sterben. Sicher, der Mann hat offensichtlich vieles zu sich genommen, was den Körper schädigt, er sieht sehr alt und verbraucht aus. Auch ist seine Tontechniker tötende Unart, dauernd das Mikro zu wechseln und etwas desorientiert über die Bühne zu stolpern, nicht unbedingt beeindruckend (für die Kindischen: nee, klar, ist super beeindruckend, echt voll Rock). Irrational ist diese Fan-Angst, weil wir nicht allein sind, wenn unsere Lieblingskünstlerinnen und -künstler uns allein lassen, wenn sie sterben oder nicht mehr arbeiten können/wollen. Sie haben uns ja schon immer viel gegeben.

Das Album “Tromatic Reflexxions“, das Smith, Toma und Werner uns gegeben haben, ist sehr viel. Vielleicht geben sie uns mehr, vielleicht nicht. Von Südenfed jedenfalls ist, so wie es ist hier und jetzt, absolut großartig. Weil: zwingend.

Weiterlesen: Mouse on Mars: Von Mark E. Smith gegängelt.
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Elektronische Lebensaspekte.