Eine Frage des Timings - Zwei Dekaden britische Musikgeschichte
Text: Georg Lauteren aus De:Bug 130


Mark Pritchard ist eine Institution. Zwei Dekaden britischer Musikgeschichte tragen seine Handschrift. Auch wenn er mittlerweile nach Australien gezogen ist, bleibt sein Schaffen unverkennbar mit dem Südwesten Englands verbunden. Als Harmonic 313 wartet Mark Pritchard nun mit neuen Stilblüten auf.

Kaum ein Musikstil der britischen Inseln, dem Mark Pritchard in den letzten 20 Jahren nicht seinen Stempel aufgedrückt hätte. Gemeinsam mit Tom Middleton betrieb er das legendäre Label Evolution/Universal Language, entwarf Ambient-Meisterwerke als Global Communication und befeuerte die Electro-Renaissance als Jedi Knights, bevor er sich Ende der 90er zunächst Drum and Bass, dann HipHop und schließlich der Library Music zuwandte.

Mit seinem neuen Album als Harmonic 313 schiebt der Neo-Australier nun ein ausgewachsenes Bassmonster Richtung Dancefloor. In Sydney ist es bereits nach Mitternacht, als Mark Pritchard das Telefon abhebt. Doch der Mann ist guter Dinge. Grime-Star Wiley hat ihn soeben im Studio besucht und fand sein neues Album toll, was ihn freut, aber wenig verwundert.

“When Machines Exceed Human Intelligence”, Pritchards erstes Album seit vier Jahren, beeindruckt mit wuchtigen Bassläufen, knarzigen 8bit-Samples und synkopiert-metallischen Beats, die bis auf die durchgehend HipHop-kompatible Geschwindigkeit nur wenig mit den schöngeistigen Grooves der letzen Jahre gemeinsam haben.

“Als ich 2005 nach Australien zog, war ich besorgt, dass ich nun nur mehr sonnige Musik produzieren würde. Aber irgendwie ist eher das Gegenteil passiert. Ich hatte schon in England begonnen, elektronischere Tracks zu schreiben, und hier wurde dann bald klar, dass das ein eigenes Projekt werden würde.

Das Album ist definitiv von Detroit Techno und New Wave beeinflusst, daher auch das 313 im Namen als Wink Richtung Detroit. Viele Leute hören auch Dubstep durch, aber für mich steht es eher in der Tradition klassischer UK-Clubmusik von Reggae bis Dancehall sowie auch Dubstep und Grime.”

Pritchards Umzug nach Australien hat seine geographische Distanz zu den Epizentren der britischen Clubmusik nicht eben verringert. Trotzdem ist “When Machines Exceed Human Intelligence” in gleichem Maße ein Rückgriff auf die industrielle SciFi-Ästhetik aus Pritchards Vergangenheit wie ein aktuelles Statement zur Lage des Dancefloors. Ein Album, in dem sich Dubstep und HipHop, Wonky und Chiptunes, Grime und Elektronika zu einem dichten Amalgam verbinden.

Für die Nähe zu HipHop und Detroit gleichermaßen steht etwa die Beteiligung der Motor City Rapper Elzhi von Slum Village und Phat Kat, die auf “Battlestar” für einen Oldschool-Höhepunkt des Albums sorgen. Heimcomputernerds werden sich hingegen über Pritchards neue Obsession für 80er-Jahre-Gamesounds freuen, etwa wenn er in “Cyclotron C64 SID” Martin Galways “Arkanoid” zitiert.

“Vor ein paar Tagen erst habe ich mich durch hunderte C64-Songs gehört, um davon ein paar für meine DJ Sets zu mastern. Manches davon ist wirklich großartig, und das damals zu programmieren, muss eine richtige Mission gewesen sein. Ich habe auch eine modifizierte Atari-2600-Konsole, von der stammen die Sounds auf dem letzten Track des Albums, ‘Quadrant 3’.”

Somerset im Herzen

Geographische Isolation ist nichts, was jemanden wie Mark Pritchard beirren könnte. Sein Schaffen ist untrennbar mit dem Südwesten Englands verbunden, von wo aus er die Geschichte der britischen Clubmusik mitgeschrieben hat: Cornwall, Devon, Somerset. Ein beschaulicher Landstrich, neolithische Steinkreise, schroffe Klippen und ehemalige Hippie-Städtchen, die sich von Glastonbury aus westwärts ziehen.

Kein offensichtlicher Ort für musikalischen Aufbruch; und doch wurde gerade diese Gegend in den frühen 1990er Jahren zu einem Kulminationspunkt der elektronischen Musik. Wie Detroit für die dystopische Zukunftsvision der krisengeschüttelten Autostadt steht, so ist der britische Südwesten der Rave-Folklore synonym für den Bruch mit musikalischen Konventionen und dem urbanen Clubkontext schlechthin: langhaarige Jungs, die sich auf Open Air Raves die Birne mit Acid vollknallen und in den Garagen ihrer Eltern irre Musik aus kleinen Plastikkisten zaubern. Aphex Twin und Rephlex, Clatterbox und Clear und natürlich Mark Pritchard mit seinem langjährigen Partner Tom Middleton.

“Tom und ich hatten uns 1991 kennen gelernt. Er war gerade nach Taunton in Somerset gezogen, weil er dachte, da sei etwas mehr los als in Cornwall, was sich aber als ziemlicher Irrtum herausstellte. Tom hatte eine Menge Kassetten aus Cornwall mitgebracht – Musik von ihm und einem Typen namens Aphex Twin.

Das war, bevor dessen erste Platten erschienen waren, und ich war völlig überwältigt. Ich hatte damals schon die Idee, ein eigenes Label zu starten, und irgendwann dachten wir uns: Wieso machen wir das nicht zusammen? Das war der Beginn von Evolution.” Pritchard hatte zu diesem Zeitpunkt bereits einen Top 10 Hit auf seinem Konto: Die Rave-Version der Titelmusik zum BBC Cartoon “Rubarb and Custard” brachte dem damals 17-Jährigen bis auf Platz 7 der britischen Charts, “Top of the Pops”-Auftritt inklusive.

So besaß Pritchard ein eigenes Studio, in dem er unter dem Namen Reload an weit experimentellerem Material für Evolution arbeitete: harte, schwere Acid-Monster mit stolpernden Bassdrums und Breakbeatloops, aber stets angereichert mit dieser atmosphärischen Entrücktheit, die man bald mit dem Wort “intelligent dance music” etikettieren würde.

harmonic 313-2

“Unser erstes Studio war in Crewkerne, im Haus meiner Eltern. Ich hatte mir dort einen schalldichten Raum eingerichtet und Tom kam immer für ein, zwei Wochen runter und schlief auf der Couch. Wir waren ziemlich abgeschnitten von der Welt, aber es war sehr produktiv. Es gab kaum Ablenkung, und wenn man Unterhaltung wollte, musste man eben selbst dafür sorgen.

Allerdings musste ich auch manchmal aufpassen, nicht völlig von der Erdoberfläche zu verschwinden. Das war für mich schon recht seltsam: Du siehst lange Zeit keine Menschenseele und stehst dann plötzlich in einem vollen Club. Das hat mich manchmal ziemlich ausgefreakt und ich brauchte eine Weile, da die richtige Balance zu finden.”

Das Reload-Material erschien 1992 als “A Collection Of Short Stories” im Albumformat auf Infonet, dem kurzlebigen Techno-Sublabel von Alan McGees legendärer Plattenfirma Creation. Von da an ging es Schlag auf Schlag. Wohl auch durch den Einfluss des klassisch ausgebildeten Pianisten und Cellisten Middleton werden die Kompositionen der beiden ruhiger und melodischer. Unter dem Namen Global Communication zählen sie schnell zu den Vorreitern der aufkeimenden Ambient- und Elektronika-Bewegung.

Mit Remix zum Ruhm

“Als erstes Global-Communication-Album erschien eigentlich ‘Blood Music: Pentamerous Metamorphosis’, ein komplettes Remix-Album für die Indie-Band Chapterhouse. Der Gitarrist der Band war aus Exeter und ein Fan von Aphex Twin, Warp und eben auch Evolution. Sein Konzept war, dass wir ihr ganzes Album dekonstruieren sollten.

Eine ziemlich irre Idee für die Zeit. Unglücklicherweise ging für Chapterhouse das Ganze nach hinten los, da unser Album ziemlich gut ankam und ihres nicht. Am Ende wurden wir auf dem Label gesignt und sie gefeuert, was mir sehr leid tat, da es ziemlich coole Jungs waren.”

So kam es, dass das erste richtige Global-Communication-Album 1994 auf dem Indie Dedicated erschien, eher bekannt für Shoegaze-Bands wie Spaceman 3. Vielleicht kein schlechter Schachzug, denn “76:14” schaffte mit seinem melodischen Downbeat den Crossover in den Mainstream und gilt bis heute als herausstechendes Werk des Ambient-House-Kanons, vom Guardian gewürdigt und jüngst erst wieder für den Soundtrack von Grand Theft Auto IV lizenziert.

“Mit ‘76:14’ haben wir ein ganz anderes Publikum erreicht, Leute, denen Reload zu industriell und zu hart war. Für mich hat das Album gerade die richtige Balance, um nicht zu seicht und ‘easy listening’ zu sein. Es konnten mehr Leute etwas damit anfangen, weil es melodischer war. Aber gleichzeitig hatte es genug Spannung und Darkness, um nicht als New Age Music durchzugehen.”

Doch anstatt dem Erfolg noch eins draufzulegen und mit Enigma um die Gunst der Afterbusinessloungebesucher zu buhlen, stand Pritchard und Middleton der Sinn nach anderem. So enthielt das Folgealbum “Remotion” lediglich eine Sammlung bereits veröffentlichter Tracks, denn die beiden waren längst auf neuer Mission: als Jedi Knights die Wiedergeburt des P-Funks anzuführen. Die erste EP erschien im Januar 1995 auf Clear: “May The Funk Be With You” lautete die unmissverständliche Botschaft.

Funk für Cartoon-B-Boys

“Wir waren beide schon länger Fans von altem Electro und P-Funk. Um 1994 herum hatten wir das Gefühl, dass der Musik dieser Funk verloren gegangen war. Speziell europäischer Techno war sehr straight und kalt geworden. Das ganze Jedi-Knights-Konzept war also eine Reaktion auf die Musik der Zeit. Zum einen sehr augenzwinkernd mit diesen Sciene-Fiction-B-Boy-Cartoons, aber gleichzeitig versuchten wir ernsthaft, der Musik den Funk zurückzugeben.”

Die EP und das ein Jahr später erschienene Album “New School Science” trugen maßgeblich zum Electro-Revival in der zweiten Hälfte der 90er bei und wieder war Cornwall so etwas wie ein Gegenstück zu Detroit: An die Stelle von Drexciyas düsteren Blubberarpeggios und Atlantis-Legenden setzten Pritchard und Middleton selbstironische Funkgitarren und Captain-Future-Ästhetik.

harmonic 313-3

Mit dem Jedi-Knights-Projekt hatten Pritchard und Middleton nicht nur das dritte wegweisende Album innerhalb weniger Jahre veröffentlicht, sondern auch das Prinzip der permanenten Neuerfindung zum Konzept erhoben. Weitere Genres, die in Nebenprojekten abgehandelt wurden: House als NY Connection (Pritchard solo) und Secret Ingredients (mit Tom Middleton), sowie Drum and Bass als The Chameleon, dessen “Links” 1995 auf LTJ Bukems Good-Looking-Label zu einem kleinen Hit wurde. Die chameleonartigen Wandlungen stießen allerdings nicht nur auf Gegenliebe, wie sich Mark Pritchard erinnert.

“Tom und ich mochten beide eine Menge verschiedener Stile und das hat sicher einige Leute verwirrt. Ich kann mich erinnern, dass Leute über das Jedi-Knights-Album gemeckert haben, ebenso über das von Global Communication. Das passiert so ziemlich bei jedem neuen Projekt, aber ich nehme mir das nicht zu Herzen.

Es gab auch ein paar komische Kommentare. Als ich etwa den ersten Troubleman-Track aufgenommen hatte, ein Remix für Stereo People, sagte jemand zu mir, das sei das erste Brauchbare, was ich jemals gemacht hätte.”

Doch bevor Pritchard erstmals als Troubleman auf den Plan trat, war nochmal Trouble anderer Art angesagt. Evolution Records, das – inzwischen in Universal Language Productions umbenannt – Künstler wie Danny Breaks, Steven Horne (The Horn) oder Matthew Herbert (als Wishmountain) veröffentlicht, schlittert in die Insolvenz. “Wir hätten wohl ein Jahr früher aufhören sollen”, meint Pritchard, dem ein Haufen Schulden bleibt und der Trost, ”gute Musik herausgebracht” zu haben.

Auch gehen Pritchard und Middleton nun musikalisch immer öfter getrennte Wege. Die Kollaborationen werden rarer und andere Projekte rücken für Pritchard in den Vordergrund: Zum einen Drum-and-Bass- und HipHop-Produktionen, die zusammen mit Dave Brinkworth unter den Namen Use Of Weapons und Harmonic 33 entstehen.

Zum anderen das Soloprojekt Troubleman, vielleicht Pritchards persönlichstes Projekt, das sich im 60er-Easy-Listening auf Spurensuche begibt und fragile Meisterwerke wie das 2004 erschienene Album “Time Out Of Mind” hervorbringt. All diesen Projekten gemein ist Pritchards zunehmendes Interesse für organische Sounds und Drumbreaks – konsequent zu Ende gedacht auf “Music For Film, Television And Radio Volume 1”, einer Sammlung von Library Music, die 2005 auf Warp erscheint.

“Für Harmonic 33 haben Dave und ich sehr viel mit Samples gearbeitet oder haben versucht, unsere Aufnahmen wie alte Samples klingen zu lassen. An einem Punkt dachten wir uns, wir sollten ein komplettes Album machen, das so klingt wie das Material, das wir sampleten, aber komplett selbst gespielt war. Es war aber auch eine Reaktion auf die Krise der Musikindustrie, die damals offensichtlich wurde. Ich wollte auf keinen Fall Musik machen, die mich nicht interessierte, also probierten wir einfach ein neues Businessmodell aus. Und es funktionierte: Wir wurden etwa in CSI Miami gespielt und verdienten damit vier- bis fünfmal mehr als mit dem Album selbst.”

Jetzt also Harmonic 313. Vielleicht doch ein typisches Mark-Pritchard-Album eines Mannes, dem so rasch wie wenigen anderen die Schubladen zu eng werden, der mit derselben Akribie wie zuvor brasilianische Bossanova-Platten nun “hunderte C64-Songs” nach Samples absucht. Und es wäre nicht Mark Pritchard, wenn der nächste Erwartungsbruch lange auf sich warten ließe: Ein gemeinsames Album mit Soulsänger Steve Spacek unter dem Namen Africa Hitech folgt in Kürze bei Warp. Auch ein neues Reload-Album, seit vielen Jahren angekündigt, soll endlich erscheinen: “definitiv 2010”. Schließlich plant Pritchard noch, einen zweiten Teil von “Music For Film, Television And Radio” aufzunehmen.

“Dave lebt jetzt in Brasilien und wir haben den netten Plan, das Album in Rio zu machen. Es ist bloß eine Frage des Timings.”

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

4 Responses

  1. aHeadwork » Blog Archive » Sonntagssong

    […] Ursprünglich wollte ich auf dieses Video verweisen: Erstes 3D-Video ohne Brille, hieß es. Von wegen, erstens:  Das ist kein 3D, sondern eine künstlich erzeugte Raumtiefe (Fachwort unbekannt, Schärfentiefe trifft es glaube ich nicht) und zweitens: Das gab es schon vorher, nämlich in einem Song namens “Everybody have fun tonight” von Wang Chung, in dem diese Technik bereits in den 80ern verwendet wurde. “Everybody have fun tonight” wurde von VH-1 übrigens zum dritt-schlimmbesten Song aller Zeiten gewählt. Darüber hinaus noch dieser Song, ebenfalls vor “Blue Roses” veröffentlicht. In diesem Fall stören mich die Raps leider ein wenig, ich hätte gerne die Instrumental-Version des Songs. Krass guter Beat auf jeden Fall. Enjoy. Mehr Infos über Mark Pritchard aka Harmonic 313 hier. […]

  2. De:Bug Musik » Reunion: Global Communication

    […] das letzte Mal in ernstzunehmender Form zusammen gearbeitet, für Fabric. Pritchard war zuletzt als Harmonic 313 und Africa HiTech auf Warp aktiv. Die gemeinsame Live-Show und anschließendes DJ-Set ist der […]