Text: jochen ditschler aus De:Bug 14

Markant Feelings Jochen Ditschler jochen.ditschler.amt32@stadt-frankfurt.de Glaubt ihr an den genius loci? An die Vorherbestimmung musikalischer Sozialisation durch regionale Herkunft? Und das nicht etwa in den bekannten Metropolen, sind doch dort die Rolle gemeinsamer Multiplikatoren erfahrungsgemäß nie ganz auszuschließen, sondern in einem 50.000-Seelen-Großdorf am Inn, das eigentlich vor allem Eishockey- und Marianne-Sägebrecht-Fans ein Begriff ist. Out of Rosenheim stammt jedenfalls neben den Autechre-Wahlverwandten von Funkstörung auch das Markant-Label, aber außer gegenseitigem Respekt und dem gemeinsam gepflegten, latenten Blick ins Vereinte Königreich braucht ihr erst gar nicht nach inzestuösen Verbindungen Ausschau zu halten. Dennoch kein Wunder, daß die Handlungsstränge aller genannten Personen sich auf das Autechre/Skam-Showcase im Ultraschall fokussieren lassen, ja ohnehin immer eine nette Lokalität, um über den Konsum von Musik auch in den Diskurs derselben eintreten zu können. Waren die ersten EPs noch eher etwas ungelenke und deutlich härtere Melodie/Breakbeat-Exkursionen, präsentieren gerade die No. 6, 7 und 8 ein inzwischen völlig gereiftes Verständnis für melancholische Harmonieführung, dezent elektrifizierte DnB-Konstrukte und futuristische Experimentalia. Vielleicht macht es aber erst einmal Sinn, die biographischen Standards einer etwas eingehenderen Betrachtung zu unterziehen, ist doch die nüchterne Corporate Identity des Sammlerlabels einer personellen Nabelschau nicht gerade dienlich. Labelmanager, Produzent, einziger Artist und Grafiker in Personalunion ist der 26jährige Carsten Endraß aus besagtem Rosenheim. “Zunächst war ich erst einmal selbst begeisterter Plattenkäufer und habe Hell und Electric Indigo beim Hardwax über Jahre genervt mit meiner Suche nach andersartiger Musik. Caustic Window, Evolution, Aphex Twin, halt so die ganzen Schmankerln. Ich habe früher in Augsburg gewohnt, dort auch aufgelegt und mit ein paar Freunden als DJ-Kollektiv “Fresh Underground-Team” Partys gemacht, das war so eine Veranstaltungsreihe im dortigen Jugendzentrum. Da hatten wir dann auch mal den Leo Anibaldi, das war echt fetzig. Aber irgendwann haben die meinen Sound überhaupt nicht mehr verstanden, die waren halt mehr auf so straighteren Techno aus.” Edutainment ist schließlich nicht jedermanns Bier, auch und gerade was die klangschriftstellerische Tätigkeit beim “Virus”-Magazin angeht, immerhin fand sich in der zweiten (und letzten) Ausgabe auch mal ein Basic Channel-Interview. “Ich hab früher Platten gekauft ohne Ende, aber irgendwann habe ich zehn Körbe mit Platten in den Laden gestellt und meine ganzen alten Sachen verkauft, und da haben dann alle gedacht: Jetzt spinnt er total. Heute habe ich noch zwei Plattenboxen, da ziehst du aber auch eine nach der anderen raus. Mehr brauche ich auch nicht.” So viel zur biographischen Bühnenkulisse, interessant wird die Sache aber mit der Materialisation der ersten Markant im Februar letzten Jahres. “Eigentlich wollte ich ja schon immer Musik machen. Aber mit diesen ganzen englischen Platten als Hintergrund war das erst einmal gar nicht so einfach, sich da ranzuwagen. Das sind einfach Riesenvorbilder. Ein Freund von mir hatte so ein kleines All-In-One-Gerät, also wirklich nix besonderes, mit dem habe ich dann mal einen Termin abgecheckt. Die Markant I ist mehr so aus Spaß entstanden, das waren auch wirklich die ersten Tracks, die ich gemacht habe. Zuerst hatte ich mir überlegt, die Sachen zu Rephlex zu schicken, England-Orientierung schön und gut, aber Thorsten vom Hardwax hat mich dann beflügelt, die Sache einfach selbst in die Hand zu nehmen. Ich wollte auch nicht, daß es nur als weiteres Label-Release untergeht, wo der einzelne Artist schon fast sekundär ist. Wir haben dann 300 Stück gepreßt. Die II und die III hatten ziemlich klassische Sounds und waren ziemlich schnell. Mit der Markant 4 (August 97), bin ich erstmals in die Richtung gegangen, die ich auch heute noch habe. Ende März diesen Jahres habe ich schließlich meinen Laden für Wohnaccessoires in Rosenheim eröffnet, und direkt im Anschluß kamen die Nummern 7 und 8. Für mich ist es total wichtig, daß nicht nur zweimal im Jahr eine Platte rauskommt. Es gilt mit Kontinuität zu arbeiten, die Leute an einer Entwicklung teilhaben zu lassen. Auf der Neun gibt es ein Stück “Christianes Rückkehr”, da war eine Freundin in Amerika, und das war das erste Mal, wo mich dann meine Freundin gefragt hat, ob ich ihrer Freundin einen Track so als Geschenk machen könnte. Und das habe ich dann versucht, als akustischen Film zu realisieren, von Rosenheim nach New York und wieder zurück. Eigentlich erzählen die meisten meiner Tracks eine Geschichte, das hat so einen Spannungsbogen, meistens sehr persönliche Dinge. Auf der Markant 7, das dritte Stück mit dem Saxophon, das habe ich auch für meine Freundin gemacht. Das ist dann ein ganz anderer Kontext, als wenn du dich jetzt hinsetzt und sagst: “Hey, wir machen jetzt mal einen 08/15-Techno-Track.” Gerade bei den letzten Beiträgen zur Markant-Historie hat sich das eigene Mastering voll ausgezahlt, trotz der ja nicht immer mit dem besten Leumund behafteten tschechischen Pressungen. “Ich versuche, so viele Tracks wie möglich draufzupacken, meistens so fünf oder sechs, ich will ja den Leuten auch was geben. Ich mache laminierte Cover, das ist allerdings mit Kosten verbunden. Deshalb mache ich limitierte Pressungen (derzeit 200 pro Exemplar). Genügend interessierte Plattenkäufer gibt es. Markant muß erst einmal seine Kreise ziehen, aber ich höre die Platten eigentlich auch als gemasterte CD, und für mich ist es definitiv CD-Musik – wer würde so etwas auch auflegen wollen.” Daß Markant als Medium für den Multiplikatorenprozeß nun gerade Vinyl gewählt hat, hat eher mit der Auflage als mit musiktheoretischen Überlegungen zu tun. “Markant muß erst einmal seine Kreise ziehen, aber ich höre die Platten eigentlich auch als gemasterte CD, und für mich ist es definitiv CD-Musik – wer würde so etwas auch auflegen wollen.” Wichtig für das Markant-Verständnis und das Umfeld aus dem die Platten entstehen, ist die Tatsache, daß über das zweite (oder erste ?) Standbein des eigenen Ladens der Kopf frei ist für weniger verkaufsorientierte Ansätze. “Ich pflege, wobei da manche Leute in der eigentlichen Szene vielleicht ein Problem bekommen, eine gewisse Höflichkeit und Respekt. Zu mir kann jeder in den Laden kommen, egal ob ein armer Student oder jemand mit Geld. Der kriegt erst mal einen Kaffee, und dann kommt das andere. Wenn andere bei schönem Wetter in den Biergarten gehen, setze ich mich hin und mache Musik. Ich arbeite halbtags im Laden. Das ist wichtig, weil ich muß halt nicht veröffentlichen. Mit der Prämisse kommen die Tracks heraus. Ich habe mein JD-800, ich habe meine R8, Mischpult und noch so ein paar Effekte, und das war’s dann auch. Es gibt bestimmt tausend Leute, die mehr Plan von Technik haben. Mir ist wichtig, wie sich alles zum Schluß zusammensetzt. Ich fühle mich sehr wohl mit meinem Equipment, am Computer sitzen und Balken verschieben. Das hat nichts mit Feeling zu tun. Man kann Gefühle nicht erzwingen, und wenn ich an einer Ecke nicht weiterkomme, hör ich lieber ganz auf. Ein Freund hat mir mal gesagt, ich hab dieses Amalfi-Gefühl. Da gibt es auch Bild von mir, da stehe ich mit ausgebreiteten Armen oberhalb von Taormina, und hinten siehst du das Meer. Ich bin sehr oft und gern in Italien. Du stehst am Strand, es ist schön warm, die Sonne scheint und du hast dieses Relaxed-Gefühl. Wenn ich Sachen mache, will ich durchatmen können, und das ist Markant, das kann man schwer beschreiben. Gerade kurz vor der Ladeneröffnung konnte ich keine Musik machen, und da komm ich dann echt Scheiße drauf. Der eine kriegt halt seinen Adrenalin-Kick, wenn er vom fünften Stock runterspringt, ich muß mich eben hinhocken können und Musik machen. Andererseits ist es auch nicht meine Welt, acht Monate an einem Track zu arbeiten, da arbeite ich lieber ein paar Tage und die restliche Zeit fahr ich in den Urlaub, trink einen Orvieto Classico, da hab ich mehr davon. Das muß halt alles in einem Verhältnis stehen. Meine Freundin unterstützt mich aber absolut in meinem musikalischen Schaffen. Musik ist nicht alles, ich habe meinen Laden, mein Privatleben, meine Freundin. So allein auf eine Schiene sich zu konzentrieren, da gingen dann einfach Sachen verloren, so bin ich von allem ziemlich losgelöst, von dem ganzen Zirkus kriege ich nahezu nichts mit. Meine Tracks hören meine Freundin und mein Nachbar wegen der Bässe, und das war’s dann auch.” ZITATE: Meine Tracks hören vorab meine Freundin – und mein Nachbar wegen der Bässe. Das war’s dann auch.

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Elektronische Lebensaspekte.