Die elektronischen Produktionsverhältnisse schreien nach Repräsentation, ökonomischer Relevanz, Öffentlichkeit: Messen und Kongresse sollen kompakte Sichtbarkeit schaffen; neben der bröckeligen Popkomm sind es in Berlin Musik & Maschine und Bärenmarken/ MarkeB. In einem Email-Interview kommentieren Thomas Fehlmann, Gudrun Gut und Verleger der zugehörigen Publikation Jörg Sundermaier ihr Event Marke B.
Text: Alexis Waltz aus De:Bug 69

Der Blick auf den Blick
Die Berliner Labelmesse Marke B und ihre Not(wendigkeit)

Debug: Die Zeiten des heimlichen Glücks in der selbst erfundenen Mikroökonomie, am Laptop und in der Kellerdisco scheinen vorbei zu sein. Was wollt(et) ihr mit der konzertierten Veranstaltung aus Messe und Konzert ”Bärenmarken/ Marke B” entfachen? Auf welchen Mangel reagieren sie? [Jörg: Was war an dem Katalog-Projekt spannend?]

Gudrun/ Thomas: Den Faktor Label, der sich größtenteils nicht öffentlich manifestiert, aber kräftigst am gestalten musikalischer Konzepte mitarbeitet und deren Stellenwert in der Musikkultur oft nicht wahrgenommen wird, soll Marke B in den Mittelpunkt rücken. Mit diesem Ansatz wollten wir die Berliner Musikszene aus einem anderen Winkel beleuchten und für Kenner und Nichtkenner, Macher und Konsumenten zu einem Ereignis machen, das ohne elitären Anstrich die komplexen Vorgänge der Berliner Musikszene einerseits und der Labelarbeit andererseits thematisiert.

Jörg: Der Katalog war insofern spannend, als dass er zum ersten Mal unabhängige Berliner Labels versammelt. Leute können was damit anfangen, weil das Buch ja hübsch ist, auch den Labels hilft, sich zu präsentieren. Es hält einen Augenblick fest.

Debug: Mich irritiert, dass die sonst eher mikropolitisch agierende elektronische Musikszene Berlins zu einem Metaereignis verschmolzen wird, das sich auch noch mit Zeichen staatlicher Repräsentation (Berliner Bär) schmückt. Habt ihr euch mit solchen Problemen auseinandergesetzt?

Jörg: Wir haben im Vorfeld gesagt, dass es nicht darum geht, zu sagen: Berlin ist besser als Hamburg oder Johannisburg oder sonst eine Stadt. Im Gegenteil. In Berlin tut sich wie in Johannisburg oder Hamburg was, das steht hier drin. Zusammengeschmolzen wird da ja nichts. Vielmehr galt es, das Disparate zu zeigen. Und der Berliner Bär ist kein Zeichen staatlicher Repräsentation, sondern ein Stadtwappen. Er steht vielleicht symbolisch für die Stärke dieser (Königs)Stadt, nicht aber für den Staat. Der hat den Adler. Berlin ist durch MTV und Universal nicht schöner geworden, war aber auch schon vorher nicht besonders schön. Dieses Buch ist nicht gedacht als Beförderung des Berlinhypes (dafür hätte es andere Töne gebraucht, ein Vorwort von Wowereit wäre für ein solches Ziel auch nicht schlecht gewesen), es ist eher so was wie eine Compilation mit Indieelekronika der local scene, nur eben ohne Musik, dafür mit Diskographien und Layouts.

Gudrun/ Thomas: Ob man’s nun mag oder nicht, ernährt sich ein Label von Umsätzen. Dieser existierende ”unkünstlerische” Zwang brachte uns auch auf den Gedanken, hier nicht mit der Kultur-, sondern mit der Wirtschaftsbrille hinzuschauen. Dass unser Projekt von der Musikwirtschaftsinitiative des Senats für förderungswürdig befunden wurde, hat uns überrascht und gefreut. Die Spielregeln sind unsere. Die Empfängeradressen solcher Förderungen liegen ja sonst meist nicht in unserer Nachbarschaft. Ein gemeinsames Auftreten der Label stärkt sie, da kann man ruhig hemmungslos sein. Verschmolzen wird nur ein Abend im Fluss dieser rasanten Entwicklung, aber keine Profile oder Identitäten.

Debug: Es gab jene Widerständigkeit: Im Hardwax findet man sich nicht ohne weiteres zurecht, im Ostgut ebenso. Diese Orte verlangen dem Publikum ein Insistieren ab. “Marke B” könnte man im Auswärtigen Amt etwa diplomatischem Besuch anempfehlen, ohne das Verunsicherung oder Irritation entstünde (vermute ich? Wie sieht die aus?). Wie definiert ihr für eure Veranstaltungen Widerständigkeit? An wen richtet sich Marke B? Welcher Geilheit, welcher Exzess, welche Extase, welche andere Lebenspraxis soll entstehen?

Gudrun/ Thomas: 1. Ob’s bei Marke B oder im Hardwax übersichtlicher ist, sei mal dahingestellt. Feststeht, dass wir gerne auch jeden Interessierten mitnehmen, der sich z. B. manchmal eher schämt, in einen Plattenladen zu gehen und eventuell unpassende Fragen zu stellen. 2. Diplomatenbesuch ist erwünscht, du Scherzkeks! 3. Die Widerständigkeit manifestiert sich durch die Labels und Künstler und die Vermittlungsform lässt den individuellen Exzess, die Geilheit und die Extase zu. Unser Anliegen bei Marke B ist nicht so sehr die Party als unser Motto der “sinnstiftenden Unterhaltung”.

Jörg: Keine andere Lebenspraxis. Das kann kein Buch. [Hervorgehobener Satz:] Geilheit, Exzess, Extase sind willkommen, würden mich aber eher überraschen. Marke B ist ein schönes Buch. Wenn auch für Diplomaten, dann auch für Diplomaten. Und die Widerständigkeit ist hier gering – es ist ein Buch von der für die Szene. Wie das Ostgut und das Hardwax ja auch ein Club/Laden ist. Für nicht Musikversessene ist das Buch eher nichts, vielleicht noch für DesignerInnen. Es ist ein lustiger Luxus, weil es nicht notwendig gebraucht wird (es ist nicht Brot, nicht Butter, nicht Wasser etc.), und weil es keinen Erkenntnisgewinn produziert oder Distinktionsgewinn verkauft. Es ist einfach da, schön (wie gesagt), es ist ein bunter Luftballon. Und nichts gegen Luftballons bitte. Es ist Pop.

Debug: Die Information, die im Buch enthalten ist, kann zum größeren Teil auch im Netz abgerufen werden. Was ist das Surplus des BUCH-Formats?

Jörg: Bündelung. Festhalten. Carpe diem.

Gudrun/ Thomas: Die Flüchtigkeit der Entwicklung für einen Moment einzufangen und ihr damit eine andere Wertigkeit zu geben – das ist die Idee. Außerdem mögen wir Bücher, aber das Netz auch.

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Elektronische Lebensaspekte.