Das Festival "Crash Test Dummy" reist mit seiner interventionistischen Medienkunst durch vier europäische Großstädte. Immer dabei: Marko Peljhan und seine Antiüberwachungs-Überwachungs-Drohnen.
Text: Sami Khatib aus De:Bug 104

Who watches the watchmen?
”Crash Test Dummy“-Festival und Marko Peljhan

Das profane Leben des Crash Test Dummys spielt sich üblicherweise zwischen den Stationen Aufprall und Auswertung ab. Unterfüttert man dieses Bild mit aktuellen Diskursfragmenten zu den Themenkomplexen Überwachung, öffentlicher Raum und Biopolitik, avanciert der Crash Test Dummy zur perfekten Allegorie des heutigen Bürgers. Gewagte These?
Das ”Crash Test Dummy“-Festival jedenfalls, das derzeit durch Budapest, Prag, Ljubljana und München tourt, buchstabiert seine Untertitelparole ganz ähnlich: “Das neue europäische ‘Ich’ im biopolitischen Crashtest.“ “Bei Crash Test Dummy geht es um zukünftige Aufprallszenarien“, erklärt Dietmar Lupfer, der 42-jährige künstlerische Leiter des Projekts. “Der Bürger sieht aufgrund von Veränderungen auf technologischer wie sozialpolitischer Ebene keiner sicheren Zukunft entgegen.“
Das subjektive Sicherheitsbedürfnis setze aber nicht in der Forderung nach Stärkung sozialer Sicherungssysteme an, deren Verlust (hallo Hartz IV) empfindlich spürbar ist, sondern artikuliere sich auf dem Diskursfeld der Inneren Sicherheit. So ließe sich mit Crash Test Dummy die steile Hypothese formulieren, dass der Grad an Überwachung (z.B. Videoüberwachung öffentlicher Plätze, biometrische Pässe etc.) zugleich über den Grad an sozialer Unsicherheit Auskunft geben kann.

So viel zur Theorie. In der Praxis verfrachtet Dietmar Lupfer zusammen mit Organisatorin Alexandra Weltz vier thematisch nah- bis fernverwandte Kunstprojekte auf zentrale öffentliche Plätze, um die politischen Interventionen von Crash Test Dummy einer möglichst großen Laufkundschaft zugänglich zu machen.
“Medienkunst ist heute mehr Volkskultur als jedes Volkstheater“, lautet Lupfers Devise. Als Leiter der Münchner Muffathalle und Ex-Tourmanager der Einstürzenden Neubauten und Henry Rollins scheint elitäres Kunstkammerspiel seine Sache nicht zu sein.
Die mediale Bandbreite von Crash Test Dummy reicht von Tanzperformances (Marguerite Donlon/Helena Waldmann) über eine Videoinstallation von Du Zhenjun bis zum Projekt “Bodyspin“ der österreichischen Künstlergruppe “Time’s Up“. Letzteres besteht aus einer begehbaren Kugel, in der wie in einem überdimensionalen 3-D-Simulator virtuelle Szenarien sozialer Unsicherheit projiziert werden.

Das sympathisch größenwahnsinnigste Projekt dieses multimedialen Wanderzirkus präsentiert sich aber in einer Radom-artigen Zelthalbkugel. Eine überdimensionierte Steuerkonsole mit flackernden Bildschirmen, ein kleines sonderbares Flugzeug und ein Hauch von Star Trek oder James Bond: S-77CCR heißt das Projekt und stellt laut Eigendarstellung ein “taktisches urbanes Gegenüberwachungssystem für bodengelenkte UAV (unbemannte Luftfahrzeuge) sowie luftgestützte Drohnen“ zur “Beobachtung des öffentlichen Raumes“ dar. Mit der Abkürzung CCR für “Civil Counter Reconnaissance“ betreibt es bereits terminologisch eine augenzwinkernde Mimikry an bekannte Bezeichnungen staatlicher Aufklärungs- und Sicherheitsapparate.

Eyes in the Skies, Democracy in the Streets

Schnell wird klar, dass es sich bei dem vermeintlichen Spielzeugflugzeug um ein funktionstüchtiges UAV mit hochauflösender Videokamera handelt, wie es bisher fast ausschließlich aus dem militärischen Bereich bekannt ist.
Ziel ist die Überwachung staatlicher Überwachungs- und Repressionsorgane gegen Demonstrationen, also eine Überwachung der Überwacher. Das UAV soll dabei polizeiliche Rechtsverletzungen dokumentieren und der Protestiererseite taktische Informationsvorteile über Bewegungen der Gegenseite zu sichern.

Derartige UAVs haben im urbanen Raum mit der Radarsignatur einer groß gewachsenen Taube quasi Stealth-Eigenschaften – einmal davon abgesehen, dass man sie nur schwerlich mit gewöhnlichen Luftabwehreinheiten über bewohntem Gebiet abschießen kann.
Gehört auf polizeilicher Seite die mobile Videoaufklärung mittlerweile bei fast jeder Demonstration zum Standardprogramm, holt S-77CCR auf technischer Ebene zum ultimativen Gegenschlag aus: Es fordert das staatliche Überwachungsmonopol heraus.

Kopf von S-77CCR ist der slowenische Medienkünstler und Aktivist Marko Peljhan.
Er hat Theaterwissenschaft und Radioregie an der Universität von Ljubljana studiert und lebt heute in Los Angeles, Riga und Ljubljana.
Die zahlreichen Projekte des 36-Jährigen lassen sich gerade noch in die ausgefranzte Kategorie “Medienkunst“ einsortieren. 1992 gründet er zunächst das Projekt ATOL, in dessen Rahmen er im Bereich Performance, Visuelle Kunst und Kommunikation arbeitet. Drei Jahre später wird er Gründungsmitglied des LJUDMILA (Ljubljana Digital Media Lab) und nachfolgend Koordinator einer internationalen high frequency Radionetzwerk-Initiative sowie des Makrolab-Projekts (1997-2007).

Sein eigenwilliges Interesse für Flugzeug- und Überwachungstechnik reicht in die frühen 1990er Jahre zurück. Die Kriege in Ex-Jugoslawien dienen Peljhan als ideales Beobachtungsfeld neuer Kriegs- und Überwachungstechniken.
“Wir haben in Jugoslawien den ersten massiven Einsatz von ‘Unmanned Aerial Vehicles’ erlebt. Die amerikanischen ‘Predators’ flogen ab 1995 von CIA-betriebenen Basen in Albanien und Kroatien Aufklärungseinsätze über Bosnien. Einige wurden gar abgeschossen.“

Peljhans Bekanntschaft mit dem “Predator“ bringt ihn Ende der 1990er Jahre auf die Idee, selbst ein funktionstüchtiges UAV-System zu entwickeln. Auf der Suche nach subversiven Anwendungsmöglichkeiten avancierter Technik fällt seine Wahl nicht zufällig auf den Luft- und Raumfahrtsektor.

“Luft- und Raumfahrt sind der kompletteste Integrator des menschlichen Technikwissens. Im Aerospace-Bereich sind verschiedenste Wissensfelder interdisziplinär zu einem System verbunden. In diesem Sinne – und nicht nur als Metapher – verstehe ich Aerospace als komplexes Kunstwerk.“
Wie aber der dem Militarismus komplett unverdächtige Wehrdienstverweigerer, Medienkünstler und Privatmann Peljhan an derartiges militärisches Know-how kommen konnte, dass sich selbst die slowenische Armee für sein neues, im Rahmen des ”Crash Test Dummy“-Festivals vorgestelltes UAV “C-Astral“ interessiert, gibt Rätsel auf.

“Ich habe in den 1990er Jahren meine Informationsanfragen ganz offen an Rüstungs- und Luftfahrtunternehmen gestellt. Es war die Zeit vor 9/11. Ich stellte mich immer als slowenischer Rüstungskonzern vor und vor allem amerikanische Konzerne waren überaus zuvorkommend. Es handelt sich um ein offenes System, wenn man erst einmal Teil des industriell-militärischen Informationsaustauschs geworden ist.“

Derart mit Informationen ausgerüstet, ist der Weg zur eigenen funktionstüchtigen Minidrohne nur konsequent. Das nötige Geld und Fachwissen hat Peljhan im Rahmen des S-77CCR-Projekts gebündelt. Eine erste Vorstellung der ”Civil Counter Reconnaissance“-Anlage findet 2004 in Wien statt. Als sozialpolitisches Kunstprojekt getarnt, requiriert Peljahn indes weiter Fördergelder und mit dem 23-jährigen Nejc Trost findet er einen passenden Ingenieur für das aktuelle Fluggerät. Trost hat zwar noch kein UAV konstruiert, längere Flugtests hat der obskure Self-Made-Aufklärungsvogel aber schon hinter sich.

Always mistrust the government

Dem Vorwurf einer schleichenden Militarisierung emanzipatorischer Anti-Überwachungsstrategien sieht Peljhan indes gelassen entgegen.
“Das Militär wird immer über solche Systeme verfügen, mit oder ohne uns.“
Was einst Brecht in seiner Radiotheorie (1930) für die Radiotechnik erkannte (Sender und Empfänger sind technisch dasselbe) und damit die Frage nach der gesellschaftlichen Techniknutzung auf die Agenda der politisch-ästhetischen Debatte setzte, nimmt auch Peljhan für seinen Umgang mit der UAV-Technik in Anspruch: Technik kann prinzipiell immer beides sein, Ermöglichung und Verunmöglichung des Möglichen, Aktivierung und Ausschluss, Emanzipation und totalitäre Repression.
Kampfzonen wie den Info-War um den letzten Irakkrieg (“Embedded Journalism“) gibt Peljahn deshalb noch lange nicht verloren, denn politisch-juristische Fragen sind nicht selten auch technische.
“Mein Hauptziel ist ein legales System, zu dem die Zivilgesellschaft von Anfang an technisch den Zugang hat.“
Ein Blick auf die Geschichte selbstverständlicher Alltagstechnologien vom Computer über das Internet bis zu Global Positioning System (GPS) spricht Bände über die militärische Herkunft technischer Innovationen.
Mit Civil Counter Reconnaissance wird es Zeit, den Spieß umzudrehen.

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Elektronische Lebensaspekte.