Gedruckte Performationen sind das Markenzeichen des Designers Markus Dreßen. Für das unabhängige Kunstmagazin Spector cut+paste hat er dieses Prinzip entwickelt und in einem preisgekrönten Katalog für den Künstler Olaf Nicolai perfektioniert. Doch große Preise und seine Rolle als Mitherausgeber von Spector sind nicht das einzige, was Dreßen als Grafik-Designer auszeichnen: Hieroglyphen, ikonografische Zeichensätzen und die strikte Ablehnung von Tautologien machen seine Arbeit ebenso unverwechselbar, wie die strikte Weigerung, Aufträge hinsichtlich der Honorarhöhen zu bewerten.
Text: Arne Linde aus De:Bug 83

Radikale Vernetzung
Markus Dreßen gestaltet Spector cut+paste

Das Kunstmagazin “Spector cut+paste” aus Leipzig funktioniert anders als die meisten anderen Magazine. Hier machen Künstlerinnen und Künstler Texte selbst, werden Gast-Editoren eingeladen und Text- und Bildstrecken parallel zueinander entwickelt. Das kleine Redaktions- und Grafikteam zelebriert die Selbstausbeutung. Markus Dreßen ist der Grafiker und zugleich Mitherausgeber – was nach verzwickter Doppelbelastung klingt. Doch herkömmliche Hierarchien und Aufgabenverteilungen widersprechen dem konzeptionellen Arbeiten des Magazins ohnehin – ”Spector ist ein kollektives Projekt”, betont er. In der nun erscheinenden dritten Ausgabe wird es zentral um ”radikale Vernetzung und die Produktion von Kultur” gehen, und genau nach diesen Prinzipien ist Spector #3 auch selbst entstanden: Für die inhaltliche Konzeption vernetzten sich Spector-Redakteur Tilo Schulz und der Glasgower Künstler Mark Hamilton, die Gestaltung wurde in Zusammenarbeit mit dem in London ansässigen Grafiker Oliver Klimpel vom ’büro international’ entwickelt. Anfang Juni erscheint das kollektive Druckwerk in gewohnt ausgefeiltem Erscheinungsbild. Zwischen Layout-Konzeption in London und einer Preisverleihung auf der Leipziger Buchmesse nimmt Markus Dreßen das Heft in die Hand und berichtet über die Arbeitsweisen von Spector cut+paste, grafische Ansprüche und finanzielle Realitäten.

Debug:
Bei Spector wird Wert darauf gelegt, dass im Produktionsprozess Text und Grafik von Anfang an ineinander greifen. Du bekommst als Grafiker also keine redaktionell fertig gestellten Inhalte auf den Tisch, um sie anschließend gut aussehen zu lassen.

Markus Dreßen:
Stimmt. Schon während die Texte entstehen, werden bei uns Möglichkeiten der Visualisierung besprochen. Wir betrachten im Konzept der Zeitung die Grafik von Anfang an als einen wichtigen Bestandteil bei der Übersetzung von Inhalten. Für uns ist es wesentlich, darüber nachzudenken, wie man mit Grafik und Bildern argumentieren kann. Was man sich textlich zum Beispiel sparen kann, weil es bildlich viel besser darzustellen ist. Wir wollten mit Spector aus diesen klassischen Genres raus, in denen Bilder lediglich als Illustration, als eine Art Affirmation dem Text beigegeben werden.

Debug:
Ist dieses arbeitsintensive Verfahren auch ein Grund dafür, dass Spector in sehr viel größeren Abständen erscheint, als ursprünglich geplant – statt drei Ausgaben gibt es nun eine im Jahr?

Markus Dreßen:
Nicht unbedingt. Die größeren Abstände haben vor allem mit den Ressourcen aller Beteiligten zu tun. Es war utopisch zu denken, dass man in der Qualität, die uns vorschwebte, mit drei bis sechs Leuten so schnell arbeiten könnte. Und es war irgendwann klar, dass wir nicht an der Qualität sparen wollen. Mittlerweile haben wir dieses zeitaufwändige Arbeiten auch akzeptiert. Außerdem will niemand von uns ausschließlich für Spector arbeiten. Das ist erstens finanziell nicht drin und zum anderen haben wir alle noch andere Interessen und Projekte.

Debug:
Spector spielt also finanziell nicht wirklich etwas ein?

Markus Dreßen:
Ursprünglich hatten wir den fast schon kommunistischen Traum, dass alle Beteiligten innerhalb weniger Ausgaben ihr Leben mit Spector finanzieren können würden. Und wir wollten die erste Zeitung Deutschlands werden, die ein ordentliches Autorengehalt zahlt. Im Moment ist es aber immer noch so, dass der einzige, der etwas Geld bekommt, der Übersetzer ist.

Die anderen Interessen und Projekte, von denen Markus Dreßen spricht, lesen sich in seiner Biografie wie ein reichlich und edelmetallisch bestückter Kaminsims eines Leistungssportlers:
Die ”Goldene Letter”, die höchste Auszeichnung im Wettbewerb ”Schönste Bücher aus aller Welt”, die er in diesem Jahr zusammen mit Kristina Brusa für den Werkskatalog des Künstlers Olaf Nicolai verliehen bekommen hat, zehn weitere Auszeichnungen in diesem Wettbewerb aus den letzten drei Jahren strahlen mit kontinuierlichen Platzierungen im ”Wettbewerb der 100 besten Plakate Deutschlands” um die Wette. Aufträge für die Galerie für Zeitgenössische Kunst in Leipzig, die Leipziger Oper, das Kulturamtes der Stadt und die Technischen Sammlungen der Stadt Dresden, Bücher, Künstlerkataloge und Plakate tragen seine Handschrift.

Debug:
Sind solche Auszeichnungen und Referenzen die Katalysatoren, die deine Arbeit rentabel machen?

Markus Dreßen:
In den letzten Jahren sind zwar die Honorare gestiegen, aber für Grafik-Designer macht es meines Erachtens wenig Sinn, zwischen gut bezahlten, schlecht bezahlten und unbezahlten Aufträgen zu unterscheiden. Auszeichnungen, auch undotierte, und Projekte wie Spector, die ja eher unkommerziell sind, helfen einem, in seiner Arbeit ernst genommen zu werden. Es sind die unkonventionellen Arbeiten, die einen mit Auftraggebern in Kontakt bringen, die auch eher aufgeschlossen sind. Die verfügen allerdings nicht unbedingt über viel Geld – sie sitzen meist in den Kulturbetrieben, wo es im Moment eben wenig zu verdienen gibt. Spector ist für mich persönlich ein wichtiges Mittel, um exemplarisch meine Arbeitsweise vorzustellen. Aber auch um ein Modell zu schaffen, das Möglichkeiten zeigt oder eben in Frage stellt, wie Journalismus, Zeitung und Grafik auch funktionieren können. Wir wollten mit Spector nie das Zeitungsgewerbe revolutionieren, wir wollten uns eine Plattform schaffen, um ein anderes Arbeiten ausprobieren zu können. Für mich heißt das mehr Arbeit, aber auch mehr Freiheit.

Debug: Zu deiner grafischen Arbeit. Lassen sich Grenzen, Ziele oder Regeln, die du dir gesetzt hast, beschreiben?

Markus Dreßen (überlegt ziemlich lange):
Wie viele Fotos müssen wir noch sehen, auf denen schlicht abgebildet ist, was schon im Text steht? Bei vielen Zeitschriften habe ich den Eindruck, dass die Bildstrecke nur illustrativ eingesetzt wird. Das ist tautologisch! Das ist etwas, was ich unbedingt vermeiden will. Zudem denke ich, dass grafische Spielereien oder Effekte, die ich natürlich auch verwende, auf ihre inhaltliche Aussage hin befragt werden müssen.
Man könnte mir unterstellen, dass die Perforation, also perforierte Linien, meine Handschrift bestimmen. Es ist nichts wirklich perforiert, sondern nur mit Schriftzeichen angedeutet. Ich versuche grafische Systeme konsequent durchzuhalten, aber das Prinzip an einem Punkt zu brechen, um die Werkzeuge sichtbar zu machen. In der letzten Zeit erweiterte ich den Zeichensatz der lateinischen Schriftzeichen oft um simple geometrischen Zeichen, die dann wie ein grafisches Repertoire funktionieren. Ich versuchte eine Einheit zwischen Schrift und Bild zu erzielen, und zwar als eine Art hieroglyphisches System. Dieses Prinzip habe ich z.B. bei Spector auch ausprobiert. Damit zu arbeiten hat für mich aber erst richtig Sinn gemacht als grafischer Kommentar im Katalog von Olaf Nicolai.

Und damit ist das Stichwort gefallen, Markus Dreßen muss los, um die ”Goldene Letter” 2004 entgegenzunehmen. Die Festplatten in London und Leipzig werden sich noch ein paar mal vernetzen müssen, damit die nächste Ausgabe von Spector cut+paste in den Druck gehen und der Diskurs weiter gesponnen werden kann:
Ein Text von Tilo Schulz spürt Handlungscodes und sozialen Mustern zwischen Pulp-Magazinen, Marathon-Tänzen und Reality Shows nach. Mark Hamilton untersucht Strategien des fiktionalen Schreibens im ”Zick-Zack durch den Amerikanischen Westen”. Die amerikanische Künstlerin Liza McConnell hat für Spector #3 ein Bildessay über Modelle und Landschaften entworfen, eine Videoarbeit über ”Bushaltestellen und Partys” wird als Print-Adaption vorgestellt und die englische Theoretikerin Sadie Plant zu sozialen und technischen Veränderungen befragt. Alles nachzulesen ab voraussichtlich Anfang Juni 2004. Falls nicht der hohe inhaltliche und gestalterische Anspruch den Erscheinungstermin doch noch hinauszögert. Denn bei Spector gilt auch noch in der Nacht vor dem geplanten Drucktermin: An Qualität wird nicht gestrichen.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.