Wie entgeht man der heiligen Differenz von Partymusik und Konzeptkunst, von Experimentellem und allzu Einfachem? Markus Schmickler aka Pluramon, seit Jahren Teil vom Kölner A-Musik Laden, weiß die Antwort: Es ist ein Scheinproblem.
Text: oke göttlich | oke@nonplace.de aus De:Bug 52

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Nur das Produkt zählt
Pluramon Schmickler

Marcus Schmickler studierte bis 1999 Komposition in Köln und musiziert neue elektronische Musik an den Grenzen zwischen Improvisation, Experiment und Konzept. Auf A-Musik erscheint gerade mit Param nach Wabi Sabi und Sator Rotas sein dritter Teil der Verdichtungen, Schichtungen, Überlagerungen und Komposition von Klang und Ausdruck auf Basis eines historischen Bewusstseins musikalischer Ausdrucksformen. Als Teil von “Brüsseler Platz-10A-Musik” vermengt er gemeinsam mit Georg Odijk und gelegentlich Jan Werner unter Rückgriff auf unterhaltungselektronische Medien Loops aus bereits bestehendem Material zu neuem Material. Mit Pluramon verwirklicht Schmickler seine Ideen mehr als typischer Produzent neuer elektronischer Musik wie auch auf der Veröffentlichung Christian Daniel auf Thomas Brinkmanns Max-Label. Schmickler darf in vielen seiner bearbeiteten und unterschiedlichen Bereiche als Ideenquelle vieler erst später erkannter Strömungen angesehen werden. Ehre gab es dafür von Ars Electronica bis zur Stadt Köln.

De:Bug: Improvisation oder Experiment? Gibt es einen Grundgedanken bei deiner Arbeit an Musik?

Marcus Schmickler: Das ist so eine Alles- oder Nichts-Frage. Ich nutze die Improvisation als ein Teil der Möglichkeiten. Eine Form von spielerischem Umgang mit Musik, der eine Komplexität schafft, ohne beliebig zu wirken. Für mich ist es relativ reizlos, eine improvisatorische Platte zu machen, das kann und will ich gar nicht. Ich versuche lediglich, Material zu schaffen, aus dem ich später komponieren kann. Experiment stimmt in so fern nicht, als dass es zwar einen experimentellen Faktor gibt, ich aber das Publikum oder den Hörer nicht mit einem Versuch konfrontieren möchte. Ein Experiment soll letzten Endes zu einem konsistenten Ergebnis führen. Wenn man sich das grafisch vor Augen führt, hat alles eine klare Form und ist kein Versuch. Wabi Sabi, Sator Rotas und Param, alle auf A-Musik, sind Stücke, die ursprünglich in Mehrkanal und mit mehreren Lautsprechern aufgeführt wurden. Die dann irgendwann mal “fertig” wurden, so dass sie auch auf einem Stereo-Tonträger funktionieren. “Bart”, ein Projekt mit dem Kölner Synthesizer-Spieler Thomas Lehn, ist schon eine Weiterentwicklung: sehr radikal und eigenständig. Pluramon hat eher den Aspekt des Arbeitens unter gewissen Parametern. Das fällt dann eher unter Produktion. Bei A-Musik arbeite ich normalerweise ohne Beat. Der Beat ist zu sehr Style für mich, der nur in begrenzten Kontexten aktuell ist. Die A-Musik-Sachen sind unabhängig von so was, während Pluramon sich von diesen Grundgedanken einschränken lässt und auch mit Gitarren und oder Beat arbeitet. So eine Sache wie auf Max, die für meine Verhältnisse extrem hysterisch ist, mache ich auch gerne, um zu testen, wie ich wohl in einem vermeintlichen Techno-Bereich arbeite. So kommt man auch weg von einer häufig anzutreffenden elitären Art von Komponisten, die immer meinen: U-Musik kann ja jeder. So einfach ist es dann auch wieder nicht.

De:Bug: Also schon eher ein Konzept-Ansatz?

Schmickler: Das kommt eher als Kunstbegriff vor, der nur schwer in die Musik zu transferieren ist. Konzeptkunst ist was anderes und alles eine Frage, in wie weit sich Musik transzendieren lässt. Auch wenn Titel eine Rolle spielen, stehen sie nicht am Anfang, wie bei Clicks’n’Cuts, was dann gleichzeitig als Konzept funktioniert. Ich versuche eher, aus einem historischen Bewusstsein heraus Musik zu machen, mit einer Idee oder meinetwegen Versuchsanordnung, als Konzept, ohne die Möglichkeit, das Konzept in Frage zu stellen oder zu korrigieren. Konzept ist eine Grundlage, kein Dogma. Es geht eher darum, möglichst klar den Sound in eine Form zu bringen, ohne bei der Vielzahl der Möglichkeiten den Faden zu verlieren. Es geht um empirische Schlüssigkeit, nicht darum irgendwelche Experimente auf den Hörer loszulassen. Bei näherer Betrachtung geht es bei meiner Musik statt um die Arbeit an Klangeigenschaften doch in erster Linie um den Ausdruck von Form. Es ist beängstigend, wie reaktionär das erst mal klingt. Jedoch sind vielerorts Versuche, dies zu leugnen, perfider Lobbyismus. Irgendwas muss sich doch mitteilen, sonst bleibt es doch ein Experiment im leeren Raum. Ausdruck bedeutet ja nicht nur alle bekannten Klischees rauf- und runterzuzitieren. Eine neue Gestalt des Ausdrucks ist dann nicht mehr verbal beschreibbar. Deswegen wählt man ja Sound. Die Eigenschaften des Klangs sind eher Mittel zum Zweck. Musik wird doch uninteressant, wenn man nur Konzepte hört.

De:Bug: Wie verhält es sich dann mit den aufgegriffenen Konzept-Brandings Clicks’n’Cuts, Modulation’n’Transformation oder Timba-Clicks?

Schmickler: Branding ist ein Marketingbegriff und damit das letzte, was man im Zusammenhang von Musik so richtig gut finden kann. Letzten Endes dienen alle CIs und Brandings doch nur als Catchyness und Feelgood-Faktor, weil viele glauben, dass ihre Rezipienten mit der reinen Beschreibung dessen, was eigentlich stattfindet, überfordert seien. Was nebenbei eine schiere Unverschämtheit ist. Insgesamt bezieht sich die Bezeichnung auf ein technologisches Konzept. Und wenn Björk darüber redet, wird es natürlich (durch Marketing) zum Massenphänomen. Auch wenn sie nicht verstanden hat, dass Matmos ganz und gar keine Clicks’n’Cuts Leute sind. Für Musiker, die ihre Karriere vorantreiben, ist Marketing aber absolut unverzichtbar. Es erscheint nur so lasch: eigentlich will jeder richtig viele Platten verkaufen, aber bitte p.c. und nach eigenen Konditionen. Wenn allerdings Matmos Björk produzieren, dann geht sicher in Zukunft noch einiges anderes.

De:Bug: Eine Sache, die dir auch Spaß machen würde?

Schmickler: Ja, reizen würde mich das schon. Man macht ja seine Experimente nicht, um sich zurückzuziehen. Außerdem werden die Versuche der Innovation anerkannt und als zeitgemäße Musik wahrgenommen. Es ist eine technologische Erscheinung. Mit Laptop und viel weniger Know-How ist man in der Lage, hochwertige Produktionen zu erstellen auch ohne hervorragende Infrastruktur. Es dreht sich immer mehr um das Know-What. Ich finde es erfreulich, dass solche Möglichkeiten auch ohne aufwendige Marketingmaßnahmen entstehen.

De:Bug: Wie beurteilst du den aktuellen Weg und Wert elektronisch produzierter Musik?

Schmickler: Der aktuelle Weg ist ja schon mehrspurig. Elektronische Musik ist ja überall schon mittendrin. Überall und nirgends. Sie wird von anderen und sich selbst ständig überholt. Elektronische Musik hat nichts an Reiz verloren. Faszinierend ist immer wieder der vermeintliche Geist aus der Maschine. Man ist einen Moment lang desorientiert. Sehr spannend. Aber was ist elektronische Musik. Techno? Gerade, ungerade? Oder Björk oder Bart? Alles geht weiter. Der grosse CPU-Knall, der Realtime Audio ermöglicht hat, hängt noch so im Raum. Aber es geht nicht um die Domäne elektronischer Musik, sondern von vornherein immer um Sound generell. Es bringt nichts, selbst in einem Elektronischen-Lebensaspekte-Magazin, Sound auf elektronische Musik zu reduzieren. Klingt zwar gut, ist aber zu wenig. Elektronische Musik ist immer nur mit dabei. Das, was in den letzten Jahren zum Teil mit Hilfe elektronischer Medien erzeugt wurde, hat sicher über die Grenzen des Mediums hinaus Perspektiven eröffnet. Man hat immer mit unterschiedlichen Tools gearbeitet, um zu begreifen, was welches Instrument kann und was nicht und wieso. Der Wert eines Technologie-Vorsprungs wird bleiben. Die Spezialisten machen natürlich weiter. Es hat natürlich auch eine politische Dimension.

De:Bug: Was sind bei dir Thema und Wert der Musik?

Schmickler: Ich bin nicht sicher, inwieweit der Wert zum Beispiel bei Elektronikpopstars außer im siebenstelligen Kontoplus sonst irgendwo liegt. Vieles bleibt, wie es vorher war. Des weiteren liegt für mich eher wenig Wert in diesem hyperslicken Produktdesign-Kitsch, mit dem man den Leuten alte Kamellen im neuen Kunststoff-Look aus der Recyclingtonne zaubert. Oder auch eine Experimentaltheorie ohne Praxistest. Mich interessiert Komplexität und dass man was zu hören bekommt, was man noch nicht gehört hat. Es ist zwar schwierig zu sagen, aber doch ein schönes Kriterium. Außerdem schon auch so was wie ein Beruf.

De:Bug: Der Beruf des Autors tritt aber mit den Entwicklungen der letzten Jahrzehnte in den Hintergrund. Welche künstlerischen Perspektiven ergeben sich?

Schmickler: Weg vom Werk, hin zum Prozess und der Interaktion waren sicher die wichtigsten Ideen der letzten dreißig Jahre. Inklusive Dilletantismus. Wunderbar, dass man nicht Musiker sein muss, um eine Rebirth auf seinem Rechner laufen zu lassen. Gar nicht mal mit dem Ziel, das Resultat zu releasen und gleich eine Karriere aufzubauen, sondern einfach nur so. Wichtig auch, dass Nicht-Musiker zeitweise die Profis im Eiltempo in Sachen Innovation überholt hatten. Auf Dauer geht es aber nicht ohne Technik und nicht nur mit Style. Man wird sich öffnen, damit sich diese Vorstellung in nächster Zeit auf andere Bereiche ausweitet. Dadurch entsteht eine Zusammenarbeit an allen medialen Schnittstellen. Kulturaustausch. Hohes Niveau, klarere Trennung zwischen sinnlosem Kommerz und guten Ideen. Weiterhin ergeben sich die künstlerischen Perspektiven wie immer nur aus allen möglichen und unmöglichen Kombinationen. Die Diskussion um Autorenschaft tritt eher in den Hintergrund. Auch wenn die Überschreitung des Normalen immer vom Menschen – wenn nicht produziert- dann zumindest erkannt werden muss, da sie sonst wertlos ist. Wenn sich die innovativen Themen mehr bündeln, um an gesellschaftlicher Relevanz zuzunehmen. Die Frage nach dem Unterhaltungswert und Ernsthaftigkeit wird ja gerade vielerorts verschoben und mittelfristig aufgehoben. Weg vom Schnickschnack und der Semiotik.

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Elektronische Lebensaspekte.