House Music Not All Night Long
Text: Jan Peter Wulf aus De:Bug 151

Bilder Andreas Chudowski

Besonders oft hat es Marshall Jefferson, in den letzten beiden Jahrzehnten nicht nach Deutschland verschlagen. Er kann sich auch nicht wirklich daran erinnern, wann er das letzte Mal in Berlin gewesen sein soll. Dass er allerdings zur Begrüßung von seinen Begegnungen mit Westbam, Cosmic Baby und Marusha erzählt, deutet darauf hin, dass es schon eine ganze Weile her gewesen sein muss. Überhaupt wurde es relativ still um den Chicagoer Musiker. Aber gut 25 Jahre nach dem Release seines legendären Piano-House-Tracks „Move Your Body“, dem Initialfeuer der Dancekultur schlechthin, kommt Jefferson wieder zurück, mit Neuaufnahmen seiner Klassiker, seinem neuen Label Open House Recordings und einem grundlegend neuen Selbstverständnis. Über das richtige Gefühl in der Musik, schlechte Geschäftsmanieren in Chicago und karge Zeiten im Hotel Sandman.

Debug: Anfang der Neunziger Jahre warst du sehr regelmäßig in Deutschland.

Marshall Jefferson: Ja, sehr oft. Ich habe dann immer im Tresor übernachtet, die hatten ja nicht nur den Club, sondern auch ein Hotel. Eine Art Hotel jedenfalls. Die Räume waren ungefähr so groß (breitet seine Arme aus). Kein TV, kein gar nichts. Nur ein Bett. Es wurde “Hotel Sandman“ genannt, weil man darin nichts tun konnte außer schlafen. Ich habe mir für meinen Raum einen Fernseher und eine Stereoanlage gekauft und das Zeug da gelassen. Danach wurde der Raum dann in die “Marshall Jefferson Suite“ umbenannt.

Debug: Ihr habt in Chicago House maßgeblich entwickelt. Wie war es dann für dich, hier auf die Berliner Technoszene zu treffen?

Jefferson: Die Techno-Jungs wie Westbam haben mich gefragt, welches Equipment wir in Chicago benutzen. Es war interessant für mich, zu sehen, wie man hier das weiter entwickelt hat, was wir mit den Instrumenten begonnen haben, also der 303 und anderen Geräten. Es war definitiv nicht House, wie wir ihn gemacht haben, sondern von Anfang an Techno. Viel schneller, viel energetischer. Der größte Unterschied aber ist, dass sie die Instrumente hier auf der Bühne live gespielt haben. Stundenlang! Cosmic Baby zum Beispiel, zum dem habe ich wirklich hinaufgeblickt. Der war musikalisch so viel besser als ich.

Debug: Der hat aber auch schon als Kind eine klassische Ausbildung am Konservatorium genossen.

Jefferson: Echt? Ok, aber das muss auch nichts heißen. Ich habe schon so viele Leute mit musikalischer Ausbildung spielen gehört, die so richtig schlecht waren. Und andersrum völlig ungebildete Acts, die dann aber den Vibe super rüberbringen.

Debug: Wie schaffst du das mit dem Vibe?

Jefferson: Viele meiner Ideen kommen aus dem Rock‘n‘Roll. Ich habe immer versucht, die Stimmung aus diesen Liedern in meine Stücke zu übertragen. Das Gefühl, das Led Zeppelin oder Elton John in ihre Songs packen. Jetzt kann man natürlich sagen: Marshall, in dem Stück höre ich aber keine Elton-John-Bassline. Aber darum geht es ja auch nicht. Es geht ums Feeling. Weißt du, bei uns in Chicago gab es früher nie das reine House-Ding. Wir haben Underground Music in verschiedensten Facetten gehört und gespielt. Nummern von First Choice und von Kraftwerk liefen da genauso wie die B52´s. Alles auf demselben Floor, und 5.000 schwarze Kids haben dazu getanzt.

Alle waren offen für neue Styles. Ich habe damals gedacht, House würde mal das werden, was Rock‘n‘Roll zuvor war – mal schnell, mal langsam, variantenreich. Music that takes you to places. Aber es wurde immer eingeschränkter.

Debug: Inwiefern? Immer zugeschnittener auf den Dancefloor?

Jefferson: Es kam immer weniger von Herzen.

Debug: Und wie siehst du die aktuelle Entwicklung, speziell in Chicago? Traxx oder Tevo Howard?

Jefferson: Ich verfolge nicht wirklich, was da passiert. Es kommt heute so unglaublich viel raus. Ich kann allein den ganzen Kram, der in meinem E-Mail-Postfach landet, gar nicht hören.

Debug: Und wie schaut es mit der Clubszene in Chicago aus deiner Sicht aus?

Jefferson: Die ist ziemlich seltsam. Die Menschen lieben House immer noch. Aber keiner ist wirklich bereit, Eintritt zu zahlen. Zwei Dollar, das ist die Obergrenze. Davon kann man doch nicht mal die Kellnerin bezahlen (lacht). Die Warehouse-Partys haben 1980 schon zehn Dollar gekostet. Wie viel sind das heute – dreißig Dollar? Damit hast du die DJs und den ganzen Aufwand unterstützt. Heute sieht es anders aus.

Bilder Andreas Chudowski

Debug: “Move Your Body“ feiert dieses Jahr quasi seinen 25. Geburtstag. Gibt es einen Moment, der dir mit dem Stück besonders positiv in Erinnerung geblieben ist?

Jefferson: Das ist 20 Jahre her, da hab ich in einem Park in New Jersey aufgelegt. Eine Umsonst-Veranstaltung, es waren 20.000 Leute da. Es lief sehr viel unterschiedliche Musik. Als ich “Move Your Body“ gespielt habe, kannten das alle Kids und haben mitgesungen. Genau da wollte ich immer hin: Alle kennen deine Musik, alle mögen verschiedene Musik-Stile.

Debug: Die Vielzahl der Neu-Interpretationen, der offiziellen und inoffiziellen Remixe von “Move Your Body“ ist beachtlich. Das Stück hat ein richtiges Eigenleben.

Jefferson: Es ist schon schön zu sehen, wie sich der Song verbreitet hat. Aber ich wünschte, ich hätte damals einfach mehr Sachen veröffentlichen können. (Zögert einen Moment) Ich habe mich nicht so weiter entwickelt, wie ich es mir vorgestellt habe. Zwei komplette Alben, die ich damals aufgenommen habe, sind nie rausgekommen. Auf einem war auf jedem Stück das Chicago Symphony Orchestra zu hören. (Es wurde nicht veröffentlicht, weil der A&R des damaligen Labels Big Beat gefeuert und alle seine laufenden Projekte eingestampft wurden, d. Red.).

Debug: Man munkelt, dass du mit ”Move Your Body“ auch nie Geld verdient hast.

Jefferson: Ja, das stimmt. Deswegen habe ich es auch neu eingespielt, Note für Note (greift zu seinem iPad und spielt die neue Version an). Frankie Knuckles hat auch eine neue Version aufgenommen (skippt mit dem Finger auf dem iPad durch den Track). Ich bin gerade dabei, meinen ganzen Katalog neu aufzunehmen. Aus rechtlichen Gründen: Ich habe 20 Jahre lang mit Trax um die Rechte an meiner Musik gestritten. Um meine eigene Musik zurückzugewinnen, bringe ich sie jetzt nach und nach als Remake auf meinem eigenen Label “Open House Recordings“ raus, das ich letztes Jahr gegründet habe.

Debug: Dann wird es auch neue Sachen von dir geben?

Jefferson: Ich habe schon ein Album mit Curtis McClain aufgenommen (tippt kurz eine Wah-Wah-Disco-Nummer auf seinem iPad an). Das Album wird Deliverance heißen. Ich werde ab jetzt ausschließlich Alben machen, ein einzelnes Stück kann einfach keinen Künstler repräsentieren. Aber darum geht es mir: Vielfalt, nicht nur House. Ich will, dass alle zu allem tanzen, alle alles hören. Wenn ich jemanden sehe, dass jemand die ganze Nacht nur zu House tanzt – den würde ich am liebsten abknallen (lacht).

Debug: Was sind denn deine Ziele?

Jefferson: Ich will Dance Music in seiner Vielfalt endlich bei uns im Radio hören. In der normalen Rotation, meine ich. Richtig harten Techno, Drum and Bass, alles eben. Aber die Stationen spielen nur noch HipHop.

Debug: Dabei wird Dance Music doch immer populärer in den USA?

Jefferson: Stimmt, aber es gibt keine entsprechenden Sender. Noch nicht.

Debug: Wirst du etwa einen starten?

Jefferson: Hmm, vielleicht. Wir produzieren momentan auch Videos für die Songs auf meinem Album. Damit wollen wir es in die Musikvideo-Kanäle schaffen.

Debug: Wenn du noch mal von vorne beginnen könntest, was würdest du heute anders machen?
Jefferson: Ich würde definitiv besser auf mein Business achten. Nicht meinen Job an den Nagel hängen, sondern erst einmal weiter in dem Postamt arbeiten, in dem ich damals beschäftigt war. Einfach, um mehr Ressourcen zu haben. Dann hätte ich “Move Your Body“ nämlich auf einem eigenen Label veröffentlichen können. Und zwar schon 1985. Nicht erst, nachdem ich es ein ganzes Jahr lang von Kassette abgespielt habe. Und ALLE wären zu meinem Label gekommen, statt zu Trax zu gehen: Fingers, Inc., Phuture, Adonis, inklusive meiner eigenen Projekte wie Jungle Wonz. Eigentlich alles. Bis auf den ganzen Bullshit, den die auf Trax damals auch releast haben (lacht). Das wäre was gewesen!

Marshall Jefferson spielt am Wochenende bei Reisen macht den Kopf frei in Berlin

2 Responses

  1. Das Kraftfuttermischwerk » Just my daily two cents

    […] Chicago: Marshall Jefferson | De:Bug Lesenswertes Interview mit dem Mann des Chicago Sounds, von dem ich hier noch so einige Platten stehen habe. Mit dem immer wieder geäußerten Missfallen, dass der Techno irgendwann im Business landete und genau dieser Umstand so einiges an Idealen gesprengt hat. […]