Text: natascha aus De:Bug 08

Marsmenschen Wie die Außerirdischen gesucht und erfunden wurden. Herausgeber: Justus Fletscher und Robert Stockhammer Reclam Verlag Leipzig 1997 Mars macht mobil 1686. Planet Erde. Philosoph sitzt mit Marquise turtelnd im barocken Hofgarten. Er weiß zu beeindrucken, mit Wissen von fremden Welten auf fernen Planeten. Er erzählt von Decartes’ Wirbeln bis dem Marquise ganz blümerant wird und verspricht für den nächsten Tag Fixsterne, die alles überträfen was die verwirbelte Madame bis dato erlebt hätte. 1998. Selber Planet. Die Außerirdischen haben die Unterhaltungsindustrie in ihre Gewalt gebracht. Die endgültige Machtübernahme wird vorbereitet. Aliens werden von nun an die Geschicke auf der Erde lenken. Andere Welten werden völlig selbstverständlich in die Bewusstseinspalette der Bevölkerung integriert. Ende des Jahres wundert sich kein Mensch mehr, dass das Sun Ra Arkestra mehr Platten verkauft als die Spice Girls und die X-Files Plichtlektüre für den Schuluntericht werden. Der richtige Moment, um sich durch Aufarbeitung von Daten und Fakten auf den Stand der Wissenden zu katapultieren. Auf daß uns keiner das Köpfchen verwirbeln kann. Dazu – Aufarbeitung/Wirbel- gab es letztes Jahr reichlich Gelegenheit. Im Internet gab es Marsphotos mit Sojourner im Anschnitt bis zum abwinken. Mars Attacks, Alien, usw. im Kino und die Spex widmete den Außerirdischen eine ganze Nummer, gekoppelt an die dreitägige Veranstaltung “Loving the Alien” in Berlin. Die Bandbreite der angebotenen Reflektion ist so unermesslich wie outta space selbst. Das Buch “Marsmenschen – wie die Außerirdischen gesucht und erfunden wurden”, herausgegeben von Justus Fetscher und Robert Stockhammer, bewegt sich am Rand dieses Spektrums und trifft trotzdem einen zentralen Punkt. Eine rein auf Mutmaßungen beruhendeTheorie – wichtiges Element des Science Fiction, also eher zukünftig – historisch zu betrachten, ist Grundlage dieses Buchs. Zukunft ist nicht mehr zwangsläufig nach der Vergangenheit und seit der Telekom hat die Zukunft sowieso schon begonnen. Außerdem gab es auch in der Vergangenheit schon Zukunft und dieser Umstand ist besonders interessant, wenn die Spekulationen bis heute nicht näher und nicht weiter in den Bereich der Fakten, Fakten, Fakten gerückt sind. Fetscher und Stockhammer haben, statt sich aktueller Quellen zu bedienen, ganz tief in die Bücherkiste gegriffen und Texte, die teilweise dreihundert Jahre sind zusammengestellt. So steht ein Text von Johannes Kepler aus dem 16.Jahrhundert neben dem von Nikola Tesla. Voltaire berichtet von einem Siriusbewohner namens Mikromegas und Stanislaw Lem schreibt über die Geschichte der Solaris. In dem Nachwort, verfasst von den Herausgebern selbst, wird klar, worum es dann doch vor allem geht: um das Hier und Jetzt. Die Beschreibung anderer Welten passiert immer in Analogie zur Eigenen. Ob in der Ethnologie, Botanik oder UFO Suche. Alienforschung beruht auf selbstbezogenen Weltvorstellungen und gibt Auskunft darüber, wie der Horizont gespannt ist. In der antiken Mythologie war der Himmel auch schon bevölkert. Die Götter die dort residierten, hatten Ähnlichkeit mit den Menschen. Sternbilder wie Stier, Widder, Fische entstanden aus dem Jahreszyklus der Natur am Nil. Das Auftauchen der Tiere zu bestimmten Jahreszeiten wurde in den Himmel projeziert. Umgekehrte Analogien finden sich z.B. im Absolutismus des Sonnengotts Louis XIV. Er bezog die Heliozentrik auf sein Königtum. Terminologien aus der kosmischen Theorie wurden Modevokabeln der höfisch-galanten Konversation. H.G.Wells “The War of the Worlds” von 1897 führte die technische Überlegenheit der Außerirdischen und damit die feindliche Invasion mit anschließender Kolonialisierung ein. Für die Kolonialmacht England eine vorher ungeahnte Bedrohung. Bei der Aufführung der Hörspielfassung von Orson Welles 1938 im Radio kam es zu einer Panik unter der Bevölkerung. Der Krieg der Welten, wie er heute für das Eintreffen der Aliens prognostiziert wird, wäre ohne den Stand der Waffentechnologie undenkbar. Wobei sich beide Faktoren vermutlich gegenseitig beeinflußen, spätestens seit auf der Erde kein ernstzunehmender Feind mehr zu finden ist. ”Und wer versichert uns” fragt die Marquise, “daß wir immer dort bleiben werden, wo wir sind? Mich überkommt die Angst, daß wir die Torheit begehen, uns einem derart wagemutigen Planeten wie Jupiter zu nähern, oder daß er auf uns zukommt, um uns zu vereinnahmen; denn ich habe den Eindruck, daß die Himmelsmaterie, weil sie so stark bewegt ist, wie Sie sagen, die Planeten unregelmäßig hin und her treiben, bald gegenseitig annähern und bald voneinander entfernen müßte.” ”Wir könnten dabei ebensogut gewinnen wie verlieren” antwortet der Philosoph taschentip

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Elektronische Lebensaspekte.