Sie ist die wichtigste Fotografin der entstehenden HipHop-Kultur in New York. Schon Martha Coopers Fotoband "Subway Art" ist eine Art Standardwerk für die Geschichte von Graffiti gewesen, jetzt öffnet die Fotografin mit "Hip Hop Files" ihr Archiv. Anlässlich der Veröffentlichung sprachen wir mit der Fotografin.
Text: Verena Dauerer aus De:Bug 86

Hip Hop Files / Graffiti-Dokumentation von Martha Cooper

Spielsachen, Straßenmomente oder Frauen mit Fotoapparaten: Martha Cooper sammelt Dinge und Menschen mit der Kamera. Die Foto-Journalistin reist viel, interessiert sich für Kinder, Jugendliche und lokale Kulturen und featuret mit ihrer Website kodakgirls.com andere Fotografinnen – bekannt ist sie aber vor allem für ihre HipHop-Dokumentation. Als sie anfing, Graffiti-Züge zu sammeln, war sie Anthropologin und schon in den Vierzigern. Als eine der ersten Fotografen hat sie damals die Graffiti-Bewegung und die Breakdance-Szene in New York ab 1979 bis Mitte der 80er begleitet. Sie hat die Breaker, Sprayer, MCs und DJs, sie hat Dondi, Duro, Blade, Lee, Futura 2000, Lady Pink, die Rock Steady Crew überhaupt erst mit ihren Bildern in der Village Voice und der New York Post bekannt gemacht, die seitdem unter dem Aufkleber HipHop zusammengesteckt werden. Ihr Fotoband “Subway Art” ist bis heute Sprayerfibel und Standardwerk für urbane Street Art. Jetzt kommen, als archivierte Dokumentation, ihre “Hip Hop Files”, für die Akim Walta aka Zeb.Roc.Ski von MZEE drei Jahre lang die Kids von damals in New York aufgespürt und interviewt hat.
“HipHop Files” zeigt die Ruinen aus der Bronx. Streckenweise Bilder wie von Kriegsschauplätzen, rauchende Trümmerlandschaften aus “Full Metal Jacket”. Nur da leben noch Menschen in den Bildern: Kids, die sich an Metallgitter hängen. Auf anderen Fotos tragen Knirpse ihre Unterlage zum Breaken, zusammengefaltete, große Pappwände von Kartons durch die Gegend. Martha Cooper knipst DJs beim Scratchen und Crews beim Skizzieren in ihren Blackbooks. Sie begleitet 1982 den Dreh vom Klassiker “Wild Style”, in der sich die Akteure eigentlich selbst spielen: Lee, Patti Astor, Grandmaster Flash, Rammellzee, Fab 5 Freddy. Auch wenn es mittlerweile als Kunstform akzeptiert ist, hat es Graffiti auch heute noch auf der Straße schwer, wie Martha Cooper meint: “Die meisten halten es für Anti-Bush-Slogans an den Wänden. Ich verstehe es als Reaktion auf die Werbung, auf die bezahlten Reklamewände. Graffiti hat das Verständnis von: Ihr nehmt uns den Platz für die Reklame weg, also eignen wir uns den öffentlichen Raum an, und dafür bezahlen wir nicht”.

Züge jagen
Zu Graffiti kam Martha Cooper über Umwege. 1979 arbeitete sie als Fotojournalistin bei der New York Post, als sie Sprayer Dondi vorgestellt wird: “Er hat sein Blackbook aufgemacht. Darin hatte er einen Zeitungsausschnitt von einem meiner Fotos geklebt, auf dem im Hintergrund ein Tag von ihm zu sehen war. Ich glaube, er wusste, dass ich vielleicht die Richtige wäre, ihn bekannt zu machen. Deshalb hat er mir vertraut.” Er nimmt sie mit in die Yards. Martha schaut zu, wenn die Kids sich mit einer Hand und den Beinen zwischen zwei nebeneinander liegenden Zügen abstützen, um ihn von oben bis unten ansprühen zu können. “Einmal stießen wir auf einen Gleisarbeiter, der sagte nur: Macht Euer Ding.” Angst hatte sie dabei nie, anstrengender war es, gebombte Züge zu fotografieren: “Jemand gab mir einen Tipp, dass da ein Zug mit einem neuen Piece von Blade rumfährt. Ich musste dann manchmal fünf, sechs Stunden auf den Zug warten und saß den ganzen Tag im Auto, weil das Viertel nicht ungefährlich war.”

Martha Cooper wurde akzeptiert, vorgeworfen wurde ihr nur ab und an, dass sie nur einige Crews mit ihren Veröffentlichungen berühmt und sich um andere weniger kümmerte. Das war jedoch reiner Zufall, ein banal geografischer. “Immer wieder beschwerten sich deswegen Sprayer bei mir. Sie lebten in Brooklyn, ich wohnte aber an einer Stelle in Manhattan, von der man einfacher in die Bronx kam. An meiner S-Bahn-Station fuhren eben die Züge aus der Bronx vorbei mit den Graffitis von den dort lebenden Sprayern.”

Nur mit den Tags und Pieces konnte sie erst spät etwas anfangen. “Es hat gedauert, bis ich sie zumindest mochte. Ich habe zwar die Bilder als Collagen aus verschiedenen Einflüssen aus dem Kontext der einzelnen Sprayer gesehen. Aber ästhetisch hatte ich anfangs keinen Bezug dazu und musste erst das System ihrer eigenen Ästhetik lernen. Da habe ich dann die Details gesammelt, die Kronen, Dollarzeichen und Heiligenscheine.” Irgendwann dann, “so um 1986, da muss ich gerade nicht hingeschaut haben”, begann die Kommerzialisierung des Ganzen und überall war eine Marke drauf. Martha Cooper ist heute Fotodirektorin bei City Lore, dem New Yorker Zentrum für lokale Volkskunst. Interesse an Graffiti hat sie immer noch, beispielsweise sammelt sie Aufkleber: “Wenn ich die abknibbeln kann, nehm ich sie mit.” Graffiti interessiert sie immer noch. Gerade war sie in Berlin-Mitte unterwegs, wo sie Stencils von der New Yorkerin Swoon fotografierte.

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Elektronische Lebensaspekte.