Ein Plädoyer für ein Lesen der Städte
Text: Christoph Jacke aus De:Bug 130


Martina Löw
Soziologie der Städte
Suhrkamp, 2008

Ob Walter Ruttmanns Film “Berlin, Symphonie einer Großstadt“ von 1926, die gut 80 Jahre später entstandene Revue “Rhythmus Berlin“ am Friedrichstadtpalast unter musikalischem Mitwirken der Hamburger Band Kante (mit Songtiteln wie “Wer hierher kommt, will vor die Tür“) oder jüngst der Vorabdruck eines Kapitels aus Tobias Rapps Buch über die ehemals geteilte Stadt und ihre Clubs (siehe De:Bug 129): Immer wieder laufen einem mediale Verarbeitungen der deutschen Haupt- und wohl einzig wirklichen Großstadt mit all ihren Vor- und Nachteilen über den Weg. Bei München hingegen denken wir viel schneller an Biergärten und spießige Gemütlichkeit.

Die Raum- und Stadtsoziologin Martina Löw von der Technischen Universität Darmstadt hat sich diesen Bildern von deutschen Städten in ihrem neuen Buch “Soziologie der Städte“ angenommen und fordert ein ausgeweitetes und intensiveres Forschen in diesem faszinierenden Bereich. Denn: “Unterbelichtet sind die Differenzen [von Städten und in Städten, C.J.] in Bezug auf die Lebensbedingungen, welche Strukturlogik sich in welchen Städten reproduziert, wie Strukturlogiken in den Städten der Welt gebaut sind, welche vergesellschaftenden Einflüsse Städte auf ihre Bewohner und Bewohnerinnen ausüben und wie sich über diese Prozesse soziale Ungleichheit herstellt.“ (S. 32)

Die Soziologin und somit Gesellschaftsanalytikerin Löw ist in den letzten Jahren mehrfach durch eine neue multiperspektivische Beobachtung von Orten, Räumen und Städten aufgefallen, etwa mit ihrem Buch “Raumsoziologie“ von 2001 oder einem sehr illustrativen Vortrag über das (sexualisierte) Bild in der Selbst-Vermarktung bzw. -bewerbung deutscher Großstädte auf der großen Ausstellung im öffentlichen Raum “Skulptur Projekte“ in Münster im Sommer 2007. Letzterer ist offensichtlich in den vorliegenden Band mit eingeflossen. Auf Grundlage von stadtsoziologischen Klassikern wie Georg Simmel und unter Einbezug diverser Konzepte aus System- und Differenz-Theorie, Bourdieu’scher Soziologie, Cultural und auch Gender Studies arbeitet sich Löw zunächst ausgiebig an der Legitimation von Stadtforschung ab (Kapitel 1) und entwickelt ein Plädoyer für ein Lesen der Städte, welches aber eben nicht nur Stadt als Laboratorium oder Seismograph betrachtet, sondern eine städtische “Eigenlogik“ (Kapitel 2) betont.

Diese Eigenlogik, die mehr als nur städtische Struktur oder individuelles Erleben eben eine eigene Gefühlsstruktur (Raymond Williams) und einen Mehrwert aus der wechselseitigen Bedingtheit erlangt, “webt sich in die für die Lebenspraxis konstitutiven Gegenstände hinein, in den menschlichen Körper (Habitus), in die Materialität der Wohnungen, Straßen, Zentrumsbildung, in die kulturelle Praxis, in die Redeweisen, in die emotionale Besetzung einer Stadt, in die politische Praxis, die wirtschaftliche Potenz, in die Marketingstrategien und so weiter“. (S. 77-78)

Diese städtischen Identitäten werden im Zeitalter der Globalisierung sowohl auf sich selbst bezogen (Historie einer Stadt) als auch in Differenz zur Konkurrenz anderer Städte konstruiert (Kapitel 3). Hier arbeitet sich Löw ergiebig und en passant an den Verschränkungen von Homogenisierung und Heterogenisierung ab, die keinesfalls einander ausschließen oder determinieren. Schließlich – und nun sind wir wieder bei Berlin und München angelangt – beschreibt Löw die öffentliche (Selbst-)Wahrnehmung solcher Städte durch die eigenen Darstellungen und Bewerbungen etwa auf Postkarten, in Reiseführern oder Lifestyle-Magazinen (Kapitel 4 und 5).

Hier wäre spannend, inwiefern etwa Berlin, München, Hamburg oder Frankfurt in Popkulturzeitschriften wie der vorliegenden dargestellt werden. Löw bemerkt durch diese Beobachtungen zudem einen gesteigerten Bedarf an Kompetenzen des Bildlesens, welche unserer visuell geprägten Kultur immer noch fehlen, wobei in den speziellen Beispielen leider auch Löws Bildlesekompetenz zu wünschen übrig lässt. Denn die magersüchtige junge Frau mit Glatze auf einem inszenierten Foto zu einem Berlin-Artikel steht doch zunächst einmal ganz simpel für Techno-Kultur. Und diese steht für ein gewisses, kommerziell und image-haft hoch erfolgreiches Berlin.

Zudem fällt die etwas dünne Fallstudie in ihrem recht kurzen Fazit gegenüber dem aufwendigen Vorbau etwas ab: “Es gibt für Städte typische Weisen, das Eigene zu inszenieren. Diese Weisen sind mal repräsentativer für die Bevölkerung, mal treffen sie nur Interessen einzelner Gruppen. Sie sind erfolgreicher und weniger erfolgreich, kreativer oder langweiliger, mutiger oder sicherer, bezeichnender oder illusionärer – je nach Stadt.“ (S. 241) Dennoch macht es großen Spaß, Löws durchaus kritische Entdeckungen zu verfolgen und (s)eine Stadt lesen zu lernen, ob man nun Architekt, Stadtplaner, Wissenschaftler, Clubbesitzer, Werber oder einfach nur Bewohner ist.

http://www.suhrkamp.de

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Elektronische Lebensaspekte.