Martini Brös geraten ins Taumeln, denn ihr neues Album “Love the Machines“ sei ebenso wenig durchweg ernst, wie das letzte Album durchgehend spaßig. Das liege nicht unbedingt am Erwachsen-geworden-Sein, sondern vielleicht an den englischen Texten.
Text: Sami Khatib aus De:Bug 83

Nase kaputt dank Flöte
Märtini Brös.

Eine Nasenflöte ist ein Instrument, das korrekt benutzt – man spielt es nomen est omen durch die Nase – etwa so klingt wie die arabisch-indischen Fakire auf den “Tausend und eine Nacht“-Hörspielkassetten verstaubter Kinderzimmer. Der Legende nach gab es einmal vor Urzeiten einen nordafrikanischen Nomadenstamm, der mit besagter Nasenflöte das erste gebräuchliche Musikinstrument erfand. Vorher gab es ja nur Steine und Baumstämme, die zum Zwecke urzeitlicher Percussionmusik aufeinander geschlagen wurden. Aber nicht nur solch sonderbare Zutaten wie besagte Flöte, die sonst nur von Schamamen gespielt werden darf, fanden den Weg auf das neue Märtini-Album “Love the Machines“. Mit Rockinstrumenten und englischem Gesang wollen Mike Vamp und Clé der Diskursfalle des deutschen Fun-Techno beherzt ein Schnippchen schlagen. (Für die Hintergrundstorys “Wie alles begann“, “Was euch eure Männerfreundschaft bedeutet“, “Wer von euch ist Howie oder wer Colt Sievers“ und “Wer welches Körperteil vom jeweils anderen am tollsten findet “ verweisen wir an dieser Stelle auf Debug, Ausgabe 62.)

Debug:
Mit eurem neuen Album wird euch nicht nur soundtechnisch nachgesagt, dass ihr gerade euren “zweiten Stimmbruch“ durchmacht. Hat euch eure humoreske Seite à la “Dance Like It Is OK“ letztlich mehr zum Schaden denn zum Vorteil gereicht? Die Frage ist ja: “Raver, wollt ihr ewig flashen?“ Mit “Love The Machines“ scheint ihr euch von dieser Art von Humor endgültig verabschiedet zu haben?
Clé:
Ob wir wirklich erwachsener geworden sind, weiß ich nicht. Vielleicht ist unser Humor subtiler geworden. Uns sind die “Flash“-Zeiten nicht wirklich zugute gekommen, weil uns viele Leute irgendwann nur noch als Kasperle-Band gesehen haben und enttäuscht waren, wenn wir das live nicht erfüllt haben. Gerade das Feuilleton kam mit so Sprüchen wie “die Märtini Brös sind doch die Stefan Raabs des deutschen Techno“. So wenig aber das letzte Album durchgängig witzig war, finde ich das neue nicht durchweg ernst.

Debug:
Woran lag dieses Spaßimage, habt ihr es nicht selbst befördert?
Mike:
Es lag an den deutschen Texten. Das waren kurze, klare Slogans, die gut funktioniert haben. Zu diesem Zeitpunkt gab es ja viele neue deutsche Acts im Techno, von Jeans Team bis zu Mitte Karaoke.
Clé:
Und schon waren wir in der Schublade “jung, deutsch, Berlin und humorvoll“. Wir haben uns aus diesem Image nicht bewusst herausgenommen, aber während der Touren stellte sich langsam heraus, dass wir den Kontakt zu diesem ganzen Berlin-Mitte-Ding verloren hatten. Das heißt jetzt nicht, dass wir mit dem neuen Album “auf Teufel komm raus“ seriös werden müssen. Unseriös sind wir noch immer …

Debug:
… aber ohne auf das Album zu schreiben: “Achtung, bitte lachen“. Deshalb dieses Mal lieber englische Texte?
Mike:
Die Leute hören einfach mehr auf die Musik, wenn die Texte englisch sind.

Debug:
War der Sprachwechsel ausschließlich eine musikalische Entscheidung oder auch eine Imagefrage?
Mike:
Wir wollten aus dieser Deutschlandtechno-Ecke raus.
Clé:
Die Bands, die ich früher gut fand und die Deutsch gesungen haben, waren ohnehin Bands wie der “Der Plan“, “Palais Schaumburg“ oder “Pyrolator“. Die haben eher abstrakte, dadaistische Wortspiele produziert. Wenn es mir aber wirklich um tolle Lyrics ging, um Geschichtenerzählen etc., dann waren es immer englische Lyrics, wie z.B. von “Orange Juice“ oder Elliott Smith.
Mike:
Auf keinen Fall NDW. Das fand ich immer sehr schwierig.
Clé:
Und Rio Reiser erst …
Mike:
… ja, dann lieber Rotwein als tot sein.

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Elektronische Lebensaspekte.

Mit "Dance like it is ok" hat das Berliner Duo Märtini Brös. den Smashhit für die Schnittmenge zwischen Fanschalschwenkern bei Top of the Pops und Stilettoträgern in illegalen Restaurants rausgehauen. Und die Menge ist größer, als man denkt. Einblicke in das Starleben zweier Produzenten, die ganz nebenbei für eine Verblüffung unter Orthopäden gesorgt haben.
Text: Sascha Horsley aus De:Bug 62

Der Glamour bärtiger Männer
Märtini Brös.

Stars mit Gesichtern und Körpern, mit Vocodern und HiNRG-Bassläufen haben sich breit durchgesetzt in der elektronischen Musik. Erst kamen sie mit knallig angeberischen Posen der Stärke wie von Dakar & Grinser, Miss Kittin, Fischerspooner oder am ganz dicken Ende von Lexy und K-Paul (na, ist das nicht mal eine Spannbreite?). Die nächste Generation dagegen entwickelt Spaß an der eigenen Destruktion und pfeift auf offensives Cool, scheint es. Glamour benutzt nicht mehr Lipgloss und Ziegenmilch, sondern Rasierklinge und Schmirgelpapier – und Schwimmhäute(!). Und mit der Klinge rasiert man nicht den Bart …

Mitte Karaoke werfen sich rücklings auf den Hartplatz, Justus Köhnke solo zeigt schrundiges Bein. Und die Märtini Brös. haben sich auf dem Sportplatz geprügelt, so wollen es die Pressefotos. Die Jackass-Ethik eines Übertretungswillens, der am eigenen Körper durchexerziert wird, ist die neue Chic-Attitüde. Im coolen Protzgebaren eines Artsy-Looks mit Kajal und schwarzem Leder dürfen sich gerne die New Yorker ganz humorlos langweilen. Für Fischerspooner zum Beispiel ist es heillos zu spät und sie starten gerade so gar nicht durch in Europa. Wir haben lange genug auf den Klubklos getanzt, um den Zerfall der Nachtlebenskörper nicht mehr mühsam fotogen überhöhen zu müssen. Wenn wir kaputt gehen, dann lachen wir uns darüber kaputt. Und die Musik lacht gleich mit. Die beiden blau- und grüngeschlagenen Bartträger Märtini Brös. stehen in Bild und Musik an der Spitze eines neuen Laissez Faire-Humors – vor allem auch eines Laissez Faires sich selbst gegenüber -, aus dem die Überlegenheit eines großen, einschließenden Partyherzens spricht, das sich weder über Chic noch Stil-Deutlichkeiten, nicht einmal über Understatement mehr Gedanken machen muss.

”Dance like it is ok” heißt der Märtini-Aufmunterungshit nicht zufällig. Aber dieser Aufruf zur Libertinage auf der Tanzfläche führt nicht dazu, dass alle zu schlapprigen Ausdruckstänzern entgleisen. Märtini Brös.-Hören macht nicht die Einäugigen zu Blinden. Nein, äntiäütöritäre Erziehung in Musik macht die Einäugigen zu Königen.

Gerüchte bestätigen sich. Der feurige Italopop-Import Mike Vamp ist angeblich immer zu spät. So auch zum heutigen Interviewtermin. Und diesmal ist er auch gleich noch ein bisschen mürrisch. Er muss erst mal Dampf ablassen. Seit Februar hat er eine neue Wohnung. Im nicht bezugsfertigen Zustand. Das übliche Chaos mit dem Einbau der sanitären Anlagen und dem Elektroscheiß. Es wird seitens Märtini Brös festgestellt, dass wir Frauen da bestimmt schneller bedient werden (wegen der Brüste) und Clé fordert BauarbeiterINNEN oder zumindest mehr schwule Bauarbeiter.

Plötzlich werde ich Zeuge einer Geste, deren Wärme ich sonst nur durch das hören einer Märtini Brös Pop-Perle erfahre: Der große, starke Clé nimmt den immer-noch-bisschen-traurigen Mike in seine Arme und knutscht ihn. So schön. Und so friedlich. Plötzlich scheint wieder die Sonne. Ungefähr so wirkt auch ihr Album “Pläy”. Rezeptfrei!
Mike hat sich also beruhigt und wir können loslegen.

DeBug: So Jungs, immer schön vorne anfangen: Wie habt ihr euch kennen gelernt?

Clé: Ganz lange ist das her.
lange Pause

DeBug: Ja, kann man so schreiben. … uuuuund weiter?

Clè: Ich wusste schon, wer Mike Vamp ist, bevor ich nach Berlin gekommen bin. Aus Stadtmagazinen, die mir zugespielt wurden, als ich noch in Westdeutschland wohnte. Mike war da Underground-Hero. Gitarrensolo-Perfomer.

Mike: Ich hab von Clé so 91 das erste Mal über die Spacecowboys gehört. Ich habe bei denen gespielt und es wurde jemand gesucht, der noch so’n bisschen mitsingt. Da kam Clé ins Spiel.

DeBug: …und es entwickelte sich eine einzigartige Männerfreundschaft. Vergleichbar mit…

Clé: Walther Matthau und Jack Lemmon?

DeBug: …eher Colt Sievers und Howie?!
(Clé brüllt vor Lachen. Mike schüttelt och-nöööö-mäßig den Kopf)

Mike: Nein, wir haben gar nicht auf Anhieb zusammen geklebt. Erst mal entwickelten wir uns weiter. Jeder für sich. Ich hab was anderes gemacht. Clé hat im E-Werk aufgelegt. War ja nun eher nicht so mein Schuppen. Ich war zwar ein paar Mal da, aber es war musikalisch nicht gerade meine Erfüllung. Irgendwann wurde das E-Werk als Party-Location geschlossen. Es fanden unregelmäßig andere Veranstaltungen statt. Zum Beispiel inszenierte Katharina Thalbach Don Giovanni auf dem Gelände. Da trafen Clé und ich dann wieder aufeinander. Der Auftrag lautete Teile des Stückes in elektronische Musik umzuwandeln.

Clé: … das E-Werk als Veranstaltungsort, Bezug zu Techno und so weiter…

Mike: Genau. Ich hatte aus persönlichen Gründen ein paar Jahre Pause hinter mir, wollte aber gerne zurück ins Musik-machen-Business. Diese Aufgabe schien perfekt, wenn auch zu groß, um sie gleich alleine durchzuziehen. Clé erschien mir zu dem Zeitpunkt als idealer Partner. Er war der sympathischste…

Clé: …bestaussehendste… (kicher)

Mike: …für mich musikalisch souveränste DJ. Er sagte ja und…

Clé: …so hat’s angefangen. Dann gab es weitere Aufträge, wir haben uns zusammen gerauft, konnten gut miteinander arbeiten. Eigentlich hat immer nur genervt, dass bei Auftragsarbeiten jeder alles anders sieht und einem so viele reinquatschen. Um uns zwischendurch bisschen aufzulockern, haben wir damals dann schon angefangen eigene Tacks zu machen.

DeBug: Schon als Märtini Brös?

Mike: Ja. Also wir beiden. Der Name war ursprünglich eine Idee die wir mit Komplizen entwickelt haben. Sechs Turntables und drei DJs, zwei Jungs von Hard Wax und ich. Da hießen wir noch Martini Brothers. Die beiden anderen sind ausgestiegen. Clé und ich haben den Namen übernommen und noch ein bisschen modelliert. Clé arbeitet ja bei NewNoise. Da hat er immer schön viel Zeit kleine Bildchen zu malen und so rumzukritzeln. Irgendwann kam er also mit der Idee mit den beiden Pünktchen drauf.
(Clé strampelt und versucht schnell eine ernsthafte, tief inspirierte Herleitung der Pünktchen zu liefern.)

Clé: Ich habe mich an Hüsker Dü und Blü Öyster Cült orientiert!

Mike: Ja, ja und an Mötley Crü und Mötörheäd…

DeBug: …und drü Chünüsen müt düm Küntrübüss und so?

Flockige Stimmung. Auch Mike Vamp muss lachen.
Die Frage, ob es ihr Plan war einen Hit wie “Dance like it is ok” rauszuhauen, können sie getrost verneinen.
Clé erklärt, dass es ein Selbstläufer war, der sich wie ein kleines Ungeheuer anfühlte. Etwas dass man zufällig erschafft und über dessen Ergebnis man selbst genauso verwundert war wie alle anderen. “Aber keine Frage, es war schon ein geiles Gefühl, wenn man die Platte irgendwo zum ersten Mal gespielt hat und die Leute sofort anfangen zu schreien und die Arme hoch reißen.

Pläy ist als Album natürlich kein durchgehender Hit. Gott sei Dank. Denn so ist es keine Ein-Wochen-Fliege, sondern für die Ewigkeit. Knapp über der Gürtellinie

Zeit für persönliche Fragen, um rauszukriegen, wie sie sich finden und wie gut sie sich kennen?

DeBug: Wer von euch kann besser singen?
Clé faselt was von Publikum entscheiden lassen. Mike meint, das wäre schon ok so, wie Clé singt.

Clé: Ich denke, wir haben beide jeweils den Stücken angemessene Stimmen. Das ist schon gut aufgeteilt.

DeBug: Lieber Open-Air oder Disco?

Mike: Disco! Live gibt es genügend Probleme. Das kann an schlechten Monitorboxen liegen. Oder einfach an der Aufregung. Draußen kommt dann noch zusätzlich das schlechte Wetter. Die Instrumente, der Regen… keine gute Kombination.

DeBug: Nervt es dich, dass Mike immer wieder in den verschiedensten Publikationen als bestaussehendster DJ gewählt wird?
Beide tun überrascht. Mike lächelt. Clé murmelt. Kein eindeutiges Statement.

De-Bug: Wenn Mike ein Tier wäre, was für eins wäre er?

Clé: (wie aus der Pistole geschossen) Ein kastrierter Kater.

Mike: Pfh, oooch pfh. Irgendwie hat er ja Recht. Ich will rumrocken, alles rauslassen, aber darf das nicht immer.

DeBug: Und was wäre Clé?

Mike: Er wäre mit Sicherheit ein Löwe. Clé ist irgendwie so groß und gemütlich. So lange er sein Revier hat und man ihn schön in Ruhe lässt, ist er ganz gelassen. Nur wehe, ihm grätscht jemand unangenehm in die Seite, dann kann er auch richtig laut brüllen.

DeBug: Wen kennt ihr besser, euch oder Eure Partnerin? Apropos, ist der Name Bea ein Einstellungskriterium für ein Leben an eurer Seite??

Clé: Hi Hi. Nee, das ist Zufall. Natürlich kenn ich Mike besser. Gibt es denn überhaupt einen Mann, der Frauen wirklich kennt und weiß, was sie wollen?

DeBug: Euer Lieblingskörperteil? An euch selbst und an dem anderen.

Clé: Ich finde Mikes Ohren am besten. (er schaut wohlwollend an sich runter und gesteht uns und dem Rest der Welt) An mir ist ja echt einfach alles total super.
Er schnurrt.

Mike: Also mir gefallen Clés Augenbrauen total. Und an mir selber… ja da gibt’s was, auf das steh ich voll.

Hui, jetzt zieht er sich die Schuhe und die Strümpfe aus und hält mir seine Füße unter die Nase!
Und ich sag euch, Mike Vamp ist einzigartig. Dieser Typ hat doch tatsächlich Schwimmhäute zwischen den Zehen!!

DeBug: (noch immer fassungslos) Der Pro-Kopf Verbrauch von welchem Produkt wird durch euch extrem erhöht?

Mike: Clé sorgt auf jeden Fall für ordentlichen Verdienst bei Lucky Strike ohne Filter.

Clé: Und Monsieur mampft total gerne diese italienischen Pralinen Dinger. Baci heißen die.

Mike: (seufzt, schaut verträumt) Ja. Die mag ich!

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