Dubstep und Techno schwappen weiter aufeinander zu. Auf der Schaumkrone reitet der holländische Produzent Martyn. Er hat eben sein erstes Album veröffentlicht.
Text: Sven von Thülen aus De:Bug 131


Die Mutationen gehen weiter. Nach wie vor ist Dubstep der Boden, auf dem die markerschütterndsten und aufregendsten Bass-Hybride gezüchtet werden. Egal ob House, Techno, Garage, IDM oder Folk (richtig gehört), Dubstep war auch in den letzten Monaten die Matrix, in der allzu enge Genre-Grenzen gegen eine idiosynkratische Lust am Experimentieren eingetauscht wurde.

Das Feld ist weit und die Fusion beschränkt sich schon lange nicht mehr nur auf Dubstep und Dub-Techno. War Ricardo Villalobos’ Remix für Shackletons düstere Tabla-Beschwörung ”Blood On My Hands” vor anderthalb Jahren das Signal, das die Annäherung zwischen Dubstep und (Minimal-)Techno erstmals in Vinyl gegossen hat, so wurde der Austausch seitdem eher noch forciert und intensiviert.

Fluchtlinien: London, Bristol, Berlin
Und die Fluchtlinien verlaufen jetzt mehr denn je zwischen London, Bristol und Berlin. Die Liste der Produzenten, die immer neue mitreißende Dubstep-Hybride in die Welt setzen, ist lang geworden.

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Wenn es im letzten Jahr einen besonders hell leuchtenden Stern am Dubstep-Himmel gegeben hat, dann war es der Niederländer Martijn ”Martyn” Deykers. Tracks wie “Vancouver” und “All I Have Is Memories” oder sein Remix für TRGs “Broken Heart” katapultierten den in Washington lebenden Produzenten an die Spitze derer, die sowohl in der Dubstep- als auch in der House- und Techno-Szene als maßgebliche Stichwortgeber gelten.

Verton die Zukunft
Dabei sind die Tracks von Martyn das beste Beispiel dafür, dass es bei Dubstep anders als noch bei Techno und Drum and Bass nicht mehr darum geht, die Zukunft zu vertonen. Der Fetisch des soundtechnischen Quantensprungs ist verschwunden. In gewisser Weise schwingt in Martyn-Tracks, ähnlich wie bei dem großen Dubstep-Enigma Burial, meist eine süße Melancholie mit.

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Eine aus swingenden Chords, schwebenden Pads und verhallten Vocal-Samples geformte Nostalgie, die sich aus den Rave-Erinnerungen von zwei Dekaden elektronischer Tanzmusik speist. Die Sounds, die Martyn verwendet, klingen vertraut, sie triggern Erinnerungen an und trotzdem, in dem feingliedrigen Geflecht aus Breaks, Melodien und Bassline-Pressure setzt Martyn diese Elemente zu etwas Neuem zusammen, das alles andere als Retro ist. Seine Tracks sind die exemplarische Summe aus Detroit-Techno, New-York-House, Drum and Bass und UK-Garage. Und so leichtfüßig wie er hat sich in den letzten Monaten kaum ein anderer Produzent an diesen Schnittstellen abgearbeitet.

So eklektisch wie homogen
Sein Debüt-Album ”Great Lengths”, das jetzt auf seinem eigenen Label 3024 (die Postleitzahl seiner Heimatstadt Rotterdam) erscheint, stellt den vorläufigen Höhepunkt seiner Entwicklung vom Drum-and-Bass-Produzenten zu einem in viele Richtungen anschlussfähigen (Dubstep-)Produzenten dar.

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Neben seinen mittlerweile zu Klassikern avancierten Tracks “Vancouver” und “Natural Selection”, die schon im letzten Jahr als Maxi auf 3024 erschienen sind, vereint “Great Lengths” housige Tracks wie ”Seventy Four”, Garage-lastige Rave-Hymnen wie “Right?Star!” und basssatte Breakbeat-Science a la “Far Away” und ist damit so eklektisch wie homogen.

Konditionierung hin zum Genre-Idioten
Debug: Sind die Dancefloors durch die Annäherung von Techno und Dubstep eklektischer geworden?

Martyn: In den letzten zwei Jahren wurde die Trennung unterschiedlicher Genres etwas aufgeweicht. Dubstep hat da mit Sicherheit seinen Anteil, weil es wie damals Drum and Bass seine Einflüsse aus sehr unterschiedlichen Genres bezieht. Das Problem von Drum and Bass war aber, dass die Musik zu selbstreferenziell wurde, ein in sich abgeschlossenes System, in dem man sich nicht mehr für die Musik, die außerhalb passierte, interessierte. Das ist heutzutage anders, aber ich weiß nicht, ob das Ganze von Dauer sein wird, weil letztendlich alles irgendwann zu einem eigenen Genre wird, das kann man nicht verhindern. Es ist ein Fakt, dass die Leute, die in die Clubs gehen, weitestgehend konditioniert sind. Sie kommen oft nicht damit klar, wenn sie nicht das hören, was sie erwarten.

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Debug: Du hast in Interviews immer wieder betont, dass du weder House oder Techno noch Dubstep releast, sondern ”Martyn Music” machst. Woher kommt diese Abneigung gegen eine klare Verortung?

Martyn: Mit diesem Hang zur Unterteilung und Festlegung in Genres hab ich wirklich ein Problem. Als ich noch Drum and Bass gemacht habe, hat es mich immer genervt, dass sich niemand außerhalb der Szene dafür interessierte. Klar, es war nicht mehr 1995, die goldenen Zeiten waren vielleicht vorbei, aber es gab immer noch wirklich gute Platten. Es interessierte nur niemanden. Ich wurde an Flughäfen oft gefragt, ob ich ein DJ bin. Das fanden die Leute aufregend. Sobald ich aber sagte, dass ich Drum and Bass auflege, war jegliches Interesse verflogen. Die haben sich dann auf ihrem Absatz umgedreht und sich mit anderen Sachen beschäftigt. Die Musik war irgendwann so gefangen in ihrer kleinen Schublade, es gab kein Entkommen mehr. Das hat mich kolossal frustriert.

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Als ich die ersten Tracks von Burial und Kode 9 hörte, war ich fasziniert von deren Sound, dem Tempo. Ich wusste nicht, dass man das Dubstep nannte. Ich wollte vor allem mit dem Tempo experimentieren. So ist dann “Broken” entstanden. Marcus (Intalex), auf dessen Label Re:volver der Track dann veröffentlicht wurde, hatte damals auch noch nicht von Dubstep gehört. Er gefiel ihm einfach. Was ich damit sagen will, ist, dass meine Entwicklung keine bewusste war. ich fühle mich nach wie vor nicht als Teil der Dubstep-Szene, auch wenn ich auf vielen Dubstep-Partys spiele und viele Freunde in der Szene habe. Aber ich fühle mich bei House genauso aufgehoben wie bei Dubstep. Ich würde auch nie behaupten, ich hätte die Szene mit aufgebaut oder so etwas, das waren die Jungs in London. Leute wie Dave (Huismans aka 2562 und A Made Up Sound) und ich haben deren Sound nur auf unsere Art und Weise interpretiert. Wir machen Musik und manchmal klingt sie nach Techno oder House und manchmal nach Dubstep. Ich liebe es, zwischen den Stühlen zu sitzen. Ich kann machen, was ich will.

Actio & Reactio
Debug: Es gibt in der Dubstep-Szene mittlerweile mehr denn je Produzenten und auch Label, die musikalisch ähnlich wie du zwischen den Stühlen sitzen. Wo geht die Reise hin? Wie wird das innerhalb der Szene wahrgenommen?

Martyn: Viele von den Produzenten, die du erwähnst, würden sich auch nicht wirklich als Teil der Dubstep-Szene begreifen. Zumindest waren sie nicht von Anfang an dabei. Ähnlich wie ich. Sie machen ihr Ding und einige, wie Shackleton oder Scuba, wohnen ja mittlerweile in Berlin. Es kristallisiert sich schon eine Trennung heraus: Auf der einen Seite die Sachen von Leuten wie Kaspar und Rosko, die immer mehr nach Drum and Bass klingen, hart und ravig, und auf der anderen Seite die deeperen Sachen. Gleichzeitig kann man aber auch beobachten, dass es immer sofort Gegenbewegungen gibt. Je härter und düsterer zum Beispiel der ravige Dubstep-Zweig wird, desto mehr Produzenten erinnern sich an die alten Garage-Zeiten. Das Aufkommen von Funky ist das beste Beispiel dafür. Leute wie Geeneus bringen plötzlich Salsa-House-Einflüsse mit und wühlen sich durch die Strictly-Rhythm-Diskographie. Das ist aufregend, es vermischt sich mit Dubstep. Da passiert eine ganze Menge zurzeit. Und die meisten Funky-Produzenten sind noch nicht mal volljährig.

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London ist so anders
Debug: Wie siehst du eine Veranstaltung wie ”Sub:Stance” im Berghain, wo du vor kurzem gespielt hast – ist das noch eine Dubstep-Nacht? Oder hat sich da fernab von London etwas ganz anderes entwickelt?

Martyn: Ich mag das Berghain wirklich gerne. Man hat dort dieses Verlangen, 4-to-the-floor zu spielen. Der Club zieht dich einfach in diesen Sound hinein. Für mich war die ”Sub:Stance”-Party mehr Techno als Dubstep. Wobei es auch nicht fair ist, London und Berlin zu vergleichen. London ist so anders – in allen Aspekten. Ein Großteil der Leute, die da sind, kennen jeden Track, den du spielst. Jeden Track, den du dabei hast. Das schafft eine ganz andere Stimmung, weil den meisten schon nach den ersten Takten klar ist, welchen Tune du gerade reinmixt.

Debug: Rewind!

Martyn: Ja. Die Stimmung ist sehr aufgekratzt, sehr energiegeladen und sehr Tune by Tune. Darüber wird der Flow eines Sets schnell mal vergessen. Das Verlangen danach rückt in den Hintergrund. Das ist typisch für London. In anderen Städten geht es eher um den Fluss deines Sets, um die Geschichte, die du mit deinem Set erzählst. Das ist dann mehr die Herangehensweise von Techno. Es bleiben große Unterschiede. Auf einer Dubstep-Party spielt ein DJ selten länger als zwei Stunden. In der Zeit wird eine Menge unterschiedlicher Sachen gespielt. Auf einem sehr hohen Energielevel. Das hältst du als Hörer und Tänzer auch nur eine gewisse Zeit durch. Wenn du dagegen zum Beispiel Marcel Dettmann nimmst, der gestern bei meiner Record Release Party nach Kode 9 und mir gespielt hat, der ist nach zwei Stunden gerade mal warmgelaufen. Der kann locker noch sieben Stunden dranhängen. Die Intensität in Techno-Sets ist über einen längeren Zeitraum verteilt.

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Minimal-House wird Funky-Track
Debug: Einfach eine Techno-Platte in ein Dubstep-Set zu werfen (oder umgekehrt) funktioniert auch nicht ohne weiteres. Der Groove ist bei aller ästhetischen Annäherung ein anderer.

Martyn Als Dubstep-DJ behandelst du Techno-Platten anders. Du spielst sie auf eine andere Art und Weise. Wenn ich zum Beispiel einen Track von Maurizio spielen will, dann spiele ich ihn wegen der Bassline. Dem Effekt, den sie hat, wenn ich sie bringe. Die steht für mich im Mittelpunkt. Marcel würde die Platte ganz anders spielen. Er hört eher die Sachen, die um die Bassline und die Kickdrum herum passieren. Darauf konzentriert er sich und das sind die Elemente, die er für die Geschichte, de er mit seinem Set erzählt, benutzt. Er würde die Platte über einen langen Zeitraum mixen, während ich die Bassline plötzlich und mit größtmöglichem Effekt auf den Dancefloor schleudern würde. Wenn ein Dubstep-DJ Maurizio spielt, benutzt er die Platte als eine Impact-Platte. Gestern habe ich zum Beispiel den Ricardo-Villalobos-Remix von DJ Minx’ ” A Walk In The Park” gespielt, wegen der Bongos, und plötzlich mutiert dieser Minimal-House-Remix zu einem Funky-Track. Man muss nach den richtigen Crossover-Platten suchen. Ich spiele auch viele alte Masters-At- Work-Platten. Die letzten paar Minuten der Instrumentals. Die sind oft sehr garagey, nur Breaks und Beats, keine Bassline. Und die lass ich dann ein paar Minuten laufen, bis ich den nächsten Dubstep-Track mit einer massiven Bassline bringe. Boom.

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Elektronische Lebensaspekte.

One Response

  1. De:Bug Musik » Fabric 50 mixed by Martyn

    […] Dekade für Aufsehen gesorgt hat. Zum kleinen Jubiläum mit Ausgabe 50 und Katalognummer 99 darf Martyn ans Werk, der mit seiner Playlist einen großen Rundumschlag durch die europäische Musiklandschaft […]