Die Mäzenin des Dubstep nennen viele Leute Mary Anne Hobbs, die mit ihrer Sendung "Dubstep Warz" auf BBC Radio 1 mehr als nur Basisarbeit für die mittlerweile globale Reputation des letzten großen UK-Hypes geleistet hat. De:Bug sprach mit ihr über ein musikfremdes Elternhaus, Musikhören als Berufung und das Erbe John Peels.
Text: Sven v Thülen aus De:Bug 138

Mary Anne Hobbs hat einen weiten Weg hinter sich. Sie hat für den NME und Loaded geschrieben, für die BBC eine Doku-Serie über Motorräder gedreht und sich auf BBC Radio 1 mit ihren Shows von Metal bis Elektronika durch eine Vielzahl von musikalischen Genres gearbeitet. Immer auf der Suche nach den neuesten Sounds. Seit sie vor drei Jahren in ihrer Sendung ”Dubstep Warz” das noch junge Genre einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht und im selben Jahr auf Mike Paradinas Label Planet Mu die Compilation “Warrior Dubz” veröffentlicht hat, gilt sie für viele als die “Queen of Dubstep”. Wenn man mit der 45-Jährigen spricht, ist die Begeisterung für neue Musik und die endlose Suche nach ungehörten Talenten omnipräsent. Ihr großes Vorbild John Peel immer im Hinterkopf, präsentiert sie Woche für Woche auf Radio 1 eine Show, die sich nicht um Genregrenzen schert und dabei das weite Feld elektronischer Musik durchmisst. Vor kurzem ist mit “Wild Angels” ihre dritte Compilation auf Planet Mu erschienen. Wir haben mit ihr über die Entwicklung von Dubstep und den Wahnsinn, immer vorne dran zu sein, gesprochen.

Platten aus dem Spielzeugladen

De:Bug: Hat Musik schon immer so einen ausgeprägten Stellenwert in deinem Leben gehabt?

Mary Anne: Ich hatte eine etwas seltsame Kindheit, aufgewachsen bin ich in einem winzigen, von allem ziemlich abgeschnittenen Dorf im Norden Englands. Platten hat man im Spielzeugladen bestellt. Wenn du damals eine 7″ kaufen wolltest, bist du mit deinem Geld hingegangen, hast die Platte vorab bezahlt und dann neun Wochen gewartet, bis sie endlich kam. Das war eine echte Mission. Gleichzeitig hatte mein Vater eine extreme Abneigung gegen Musik. Er hatte sie komplett aus unserem Haus verbannt. Wenn er meine versteckten Platten fand, hat er sie zerbrochen und weggeschmissen. Das Einzige, was er nie gefunden hat, war ein winziges Transistorradio, mit dem ich nachts, unter meiner Bettdecke versteckt, heimlich John Peels Radiosendung hörte. Er hat mir damals gezeigt, dass es da draußen eine andere Welt gab, ein ganz eigenes Universum, nach dem ich mich sehnte und das ich erkunden wollte. Also ja, Musik hatte schon sehr früh eine ganz besondere Bedeutung für mich. Ich habe John Peel unglaublich viel zu verdanken.

De:Bug: Die Vorzeichen, unter denen du arbeitest, könnten allerdings nicht gegensätzlicher sein, als bei deinem Vorbild John Peel.

Mary Anne: Das stimmt. Das Internet hat unsere Kultur unglaublich beschleunigt. Das gilt natürlich auch für Musik. Heutzutage kann ein Produzent einen neuen Track fertig stellen und ihn direkt über MySpace oder Soundcloud einem Millionenpublikum zugänglich machen. Die Rolle eines Radio-Moderators hat sich komplett geändert. Während John Peel mit einer Auswahl der unglaublichsten Musik gegen die kulturelle Dürre da draußen vorging und Kids wie mir einen Grund zum Träumen gab, gibt es heute alles im Überfluss. Aber Zeit ist heutzutage immer mehr ein rares Gut. Es gibt nicht viele Menschen, die die Zeit haben, sich Stunde um Stunde durch MySpace- und Soundcloud-Profile zu klicken, um die neueste, spannendste Musik zu entdecken. Deswegen landen sie über kurz oder lang bei jemandem wie mir und vertrauen darauf, dass ich das für sie mache.

Eine endlose Suche

De:Bug: Wie ist dein tägliches Arbeitspensum, wie viel Musik hörst du täglich?

Mary Anne: Es ist eine endlose Suche. Vor ein paar Jahren konnte man irgendwann am Tag noch sagen: “So das war‘s. Ich hab alles gehört, was relevant ist.” Diesen Punkt gibt es nicht mehr. Ich nehme mir meist zehn Stunden am Tag Zeit, um mich durch die ganzen neuen Tracks zu hören, die mir geschickt werden. Mein iPod ist eines meiner wichtigsten Arbeitsgeräte. Nach fünf Stunden mache ich meist eine Stunde Pause, um meinen Ohren ein wenig Erholung zu gönnen. Kode 9 hat es vor kurzem in einem brillanten Interview mit The Wire auf den Punkt gebracht, als er die Suche nach den neuesten Tracks und Talenten als latenten Wahnsinn beschrieben hat. Ich kann mich hundertprozentig damit identifizieren. Es ist eine Mission, von der man voll und ganz besessen ist. Und genau da liegt ein Grund, warum meine Show Erfolg hat. Jede Sendung soll unglaublich sein, das ist mein Anspruch. Ich will meine Hörer nicht hängen lassen, sie haben nur das Beste verdient. Du darfst das Vertrauen nicht enttäuschen, das dir im Laufe der Zeit von deinen Hörern, die dir Woche für Woche zwei Stunden ihrer Zeit widmen, entgegen gebracht wird. Ich will immer wieder überraschen und begeistern. Das Ganze ist unbarmherzig, aber ich liebe es. Am Rande des Wahnsinns. Ein fantastischer Ort.

De:Bug: Wie schaffst du es bei dieser Flut an Musik das auszuwählen, was in deine Sendung kommt? Oder anders gefragt: Was muss ein Track haben, um dein Herz zu gewinnen?

Mary Anne: Man kann das nicht wirklich in Worte fassen. Es ist etwas, das ganz tief in der DNA eines Songs angelegt ist. Ob Musik diese Qualität hat, kann man im wahrsten Sinne innerhalb der ersten paar Sekunden hören. Das ist ein Aspekt, der mich an meiner Arbeit so verzaubert. Die Kraft, die in dem Moment liegt, in dem man einen brillanten Song hört, lässt niemals nach. Dieses Gefühl der Begeisterung, von Musik vollkommen weggeblasen zu sein. Ich kann es nicht besser ausdrücken, aber ich bin mir sicher, dass du dieses Gefühl auch kennst.

De:Bug: Klar. Aber was ist mit Musik, die so eigen ist, dass sie etwas Zeit braucht, bis man sie wirklich lieben lernt? Ich erinnere mich, wie ich als Zwölf- oder Dreizehnjähriger zum ersten Mal die Sugarcubes gehört habe und mir lange Zeit nicht sicher war, ob ich Björks Stimme jetzt abstoßend oder großartig finde.

Mary Anne: Ich bin ganz ehrlich, ich habe keine Zeit dafür. Entweder ein Song berührt mich sofort oder er wird nicht in meiner Show gespielt. Vor kurzem bin ich umgezogen und hatte für eine Woche kein DSL. Fast 1000 Tracks hatten sich in dieser Zeit in meinen unterschiedlichen Inboxen und via Soundcloud angesammelt, die ich nicht runterladen konnte. Ich habe keine Zeit, um zu einem Track zurückzukehren. Das lässt die Natur meines Arbeitsprozesses nicht zu. Das ist der Preis der Beschleunigung. Aber ich weiß, was du meinst.

Als ich als Kind zum ersten Mal David Bowie gehört habe, war ich wie versteinert. Ich konnte einfach nicht verstehen, was genau er da machte. Konnte er überhaupt singen? War das überhaupt wichtig? Ich konnte mit seiner Stimme und seiner ganzen Persönlichkeit überhaupt nicht umgehen. Auf der anderen Seite hat mich eine Band wie die Sex Pistols direkt angesprochen. Damit konnte ich mich sofort identifizieren. Ich war jung und wütend und das war der Soundtrack dazu. Direkt und ohne Schnörkel.

Für ein Gesamtkunstwerk wie Bowie brauchte ich eine ganze Weile, um damit klar zu kommen. Jahre später habe ich ihn mal interviewt, das war ein unglaublicher Moment. Aber heutzutage, wo man von klein auf eine so unermessliche Auswahl an kulturellen Einflüssen hat, hat man auch ein ganz anderes Referenzsystem. Ein Alien wie Bowie hat mich mit seiner Ambiguität fast um den Verstand gebracht. Wenn sich Kids heute wegen etwas unsicher sind, brauchen sie einfach nur zu googlen und schon haben sie einen Referenzrahmen, mit dem sie das Ganze begreifen können. In der Rückschau hatte die Zeit, bevor es das Internet gab, eine gewisse Unschuld. Die gibt es heute nicht mehr. Der Impact, den Künstler damals hatten, war viel größer.

Das erste Dubstep Showcase

De:Bug: Lass uns über Dubstep reden. Seit deiner ersten Compilation “Dub Warz” vor drei Jahren hat sich unglaublich viel getan. Was war für dich der einschneidendste Moment?

Mary Anne: Das erste Dubstep-Showcase, das ich 2007 für das Sonar Festival kuratiert habe. Ich habe damals Skream, Oris Jay und Kode 9 mitgenommen, um die unterschiedlichen Dubstep-Sounds zu featuren. Zu dem Zeitpunkt war Dubstep immer noch ein mehr oder weniger lokaler Sound, selten kamen mehr als 600 Leute auf eine Party. Sonar war ein Test, ob Dubstep in der Lage war, für ein internationales Publikum interessant zu werden. Es war alles unglaublich aufregend. Zeitgleich mit uns spielten auf der Mainstage die Beastie Boys. Der WarmUp-DJ, der vor uns auf unserem Floor spielte, legte für ganze sieben Leute auf. Ich stand da und dachte: “Mein Gott, es kann sein, dass jetzt überhaupt niemand kommt!” Aber innerhalb von kurzer Zeit strömten plötzlich tausende Kids auf unseren Floor und drehten vollkommen durch. Es war unfassbar. Pure Magie. Danach war uns klar, dass Dubstep das Zeug dazu hat, ein internationales Ding zu werden. Ich werde diese Nacht nie im Leben vergessen.

De:Bug: Seitdem mutiert der Sound ständig weiter. Garage, Dub-Techno und IDM sind nur einige Genres, mit denen Dubstep in letzter Zeit einen fruchtbaren Dialog eingegangen ist.

Mary Anne: Es gibt immer wieder Versuche, Dubstep in all diese Sub-Genres zu unterteilen. Aber dagegen gibt es Widerstand in der Szene und daran hat keiner der Künstler Interesse. Dubstep soll für all die unterschiedlichen Texturen und Sounds stehen, die sich seit den Anfängen auf den DMZ-Parties vor vier, fünf Jahren gebildet haben – und im rasanten Tempo immer neue Variationen und Entwicklungen hervorbringen. Die Glasgow-Posse um Rustie, Hudson Mohawke und Mike Slott, die nachrückenden Produzenten aus Bristol wie Al Tourettes und Greener oder Leute wie Flying Lotus und seine Brainfeeder-Crew in Los Angeles. Hyperdub darf man natürlich auch nicht vergessen. Wie Kode 9 das Label entwickelt hat, ist fantastisch. Es gibt einen unglaublichen, weltweiten Austausch, um den Sound immer weiter zu entwickeln. Und wenn dann jemand wie Pharrell Benga und Skream anruft, weil er mit dir arbeiten will, dann ist das einfach unglaublich. Dass Skream eine Goldene Schallplatte für seinen Remix für La Roux bekommen hat, ist wundervoll. Es gibt genug Platz für die unterschiedlichsten Texturen und Sound-Entwürfe. Und auch für die unterschiedlichen künstlerischen Ambitionen. Warum sollte man sich selbst beschränken, anstatt zu erforschen, was es da draußen alles zu entdecken gibt. Das ist auch Etwas, das ich von John Peel gelernt habe.

De:Bug: Wie geht es für dich und deine Radiosendung weiter?

Mary Anne: Meine Mission ist es, der Entwicklung der Musik zu folgen, immer auf der Suche nach den neuesten Talenten. Und das werde ich machen, so lange mir die BBC dafür eine Plattform gibt. Ich habe gerade einen neuen Jahresvertrag unterschrieben. Das heißt, dass ich mindestens noch ein Jahr habe.

De:Bug: Nur ein Jahr?

Mary Anne: Als Moderator bei der BBC musst du deinen Vertrag in jedem Jahr verlängern lassen. Wenn du gut genug bist, bekommst du die Verlängerung. Ich glaube sogar, dass John Peel bis zum Schluss immer nur einen Einjahresvertrag bekommen hat.

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Elektronische Lebensaspekte.

6 Responses

  1. MARY ANNE HOBBS « Hyphish

    […] Sommer nach mehr als dreizehn Jahren BBC Radio 1 verlassen (sehr lesenswerte Interviews  kann man hier und hier nachlesen, eine Kurzübersicht ihrer bisherigen Vita gab es u.a. im Guardian), in denen […]