Bei März liegt die netteste Folkmusik über dem stacheligsten Gestrüpp aus Referenzen. Das hat Prinzip. Ekkehard Ehlers und Albrecht Kunze verweisen auf Künstler, die die Welt verbessern könnten, und spielen eine Musik, die so tut, als wäre die Welt schon ideal.
Text: Johanna Grabsch aus De:Bug 87

Wieder erkennen oder mitwippen
März sind (wieder) hier

März SIND eine Band. Nein, März IST eine Band. Mit allen Konsequenzen. Nach diversen Anläufen treffe ich Albrecht Kunze und Ekkehard Ehlers beim Soundcheck in einem Berliner Club, in dem sie am Abend auftreten sollen. Der Soundcheck erstaunt mich mit seiner “Four to the floor”-Lastigkeit. Später im Interview erklärt mir Ekkehard Ehlers, dass der grade Housebeat und Chicago bei jedem Stück als Gedanke mitschwingen, auch wenn die meisten Tracks keinen durchgängigen Eins-zwei-drei-vier-Beat haben. Der Anlass zum Auftritt ist 10 Jahre “Ocean Club” und ich werde zum Essen mitgenommen. Ein sehr nachteiliger Aspekt für ein Interview. Abgesehen davon, dass Restaurantlärm sich auf jeglichem Tonband als störend auswirkt, bin ich nur mit einem Diktaphon ausgestattet, dessen Minikassettenqualität mir das nachträgliche Abhören noch mal um ein erhebliches Erschweren wird. Ekkehard Ehlers ist begeistert, “je weniger O-Ton, desto besser”.

Funktioniert mit und ohne Verweise
Im Gegensatz zu vielen anderen heutigen Künstlern lieben sie es, auch ihrer Musik codierte Ebenen hinzuzufügen, sind aber auf die genaue Entschlüsselung des Codes vom Rezipienten gar nicht erpicht. Beide legen viel mehr Wert auf die Rezeption als auf die “Eins zu eins Übertragung” ihres Autorengedankens. Interessant ist eher, wohin das Gehörte transportiert wird und was auf der Hörerseite damit passiert.
Um die ganzen Subkontexte mitzubekommen, bedürfe es, laut Ekkehard, sowieso Spezialwissen – “Wir sind hier” kann und soll aber auch ohne dieses Wissen gehört werden. Die Platte greift das Thema Sample-Pop in einer eigenen Herangehensweise auf. Samples stehen im März-Kosmos für Zitate – auf einer inhaltlichen Ebene. Eher Anspielungen als musikalische Versatzstücke, denn das meiste auf dieser Platte ist, anders als beim Vorgänger, selber eingespielt. Es geht nicht allein um Musik, sondern um eine Momentaufnahme. Die Songs dienen als Medium, um aus dem Kontext hinauszuweisen. Wie vorher schon bei Stücken von Ekkehard Ehlers tragen die Titel Namen wie Coppola, Cassavetes oder Fassbinder.
Decodierungshilfen für die, die angestachelt vom Wissensdrang mehr Informationen brauchen, gibt es auf ihrer Homepage. Ein kleines Labyrinth an Symbolen verweist neben diversen Links, die ins Leere führen, u.a. auf Martin Kippenberger, Bas Jan Adler und eben John Cassavetes, Brian und Dennis Wilson. Nick Drake und Americana Gitarreros geben musikgeschichtliche Lektionen. Earle Brown, ein zeitgenössischer Komponist neuer Musik, trifft auf die Zentrale für antiquarische Bücher oder die taz (doppelt verlinkt). Das Hubert-Fichte-Forum sowie die deutsche Aids-Hilfe laden zum Verweilen ein. Alle Links sind zusammen ausgewählt worden, um das März-Universum dem interessierten Hörer näher zu bringen. Ganz zentral darum auf ihrer Seite auch: die goldene Schallplatte, der grandiose Werbegag der NASA, der die menschliche Rasse und andere auf der Erde lebende Spezies in Ton zusammenfasst. Babyschreien, Kussgeräusche, Weinen, Lachen, Tierlaute und verschiedene Sprachen sind auf dieser Platte kompiliert, die in den 70er-Jahren in den Weltraum gesandt wurde, um allem, was dort an Aliens rumschwebt, Zeugnis vom Leben auf der Erde zu geben. “Wir sind hier” verfolgt einen ähnlichen Gedanken.

Gedankenspielraum
März bauen ihre Weltanschauung vor den Ohren des Hörers auf, tragen ihre aktuellen Empfindungen und Ansichten aus verschiedenen Sprachen, Loops, tierischen Geräuschen und menschlichen Empfindungen zusammen. Albrecht betont, die Songs klängen, als leiste man sich den Gedanken, dass die gesellschaftlichen Zustände besser sein könnten – und gleichzeitig weiß man, dass es nicht so ist. Zu (Neo-)Folk gehört eben immer ein gewisser Romantizismus – im guten Sinne. Dabei ist die Musik auch unbedingt politisch gedacht. Die Texte dienen zwar mehr als klangliche Variationen denn als Songinhalt, aber gerade instrumentelle Musik bietet für März Möglichkeiten, politische Inhalte zu transportieren, wo das offen gesprochene Wort in seiner Definitivität wenig Gedankenspielraum zulässt. März versuchen einen Zwischenweg zu finden, ihre Texte offen zu lassen und gerade dadurch mit Bedeutung aufzuladen. Sie werfen Worte in den Raum, ohne sie mit Inhalten zu beladen, so “die Politik”. Oder sie lassen ihre Texte sich selber widersprechen, wie “die Theorie, die jeder braucht”.
Auf dem Weg vom Soundcheck zum Restaurant hatte mir Albrecht erklärt, dass März sich aus Widersprüchen ernährt. Schon der Titel beinhalte das Verharren zwischen zwei Zuständen (Jahreszeiten). Je mehr ich mit den beiden gesprochen habe, desto mehr stellte ich fest, wie gut diese Widersprüche in März harmonisieren. Obwohl sich hier zwei extrem unterschiedliche Menschen zusammengetan haben, die auf eine ganz andere Art und Weise den exzentrischen Musiker leben, teilen sie Vorlieben, Anschauungen und Herangehensweisen und schaffen so einen musikalisch unheimlich dichten Output. Mit Walter Benjamin gesprochen, berühren hier die Extreme einander und die Widersprüche bilden eine Einheit. Die goldene Schallplatte kommt laut Expertenberechnungen in ca. 20.000 Jahren in ein Terrain, in dem anderes Leben vermutet werden kann. Das neue Album von März ist jetzt hier.

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Elektronische Lebensaspekte.