Masha Qrella war die herbe Songwriter-Kornblume im sonnigen 2003. Kann sie mit dem zweiten Album ihren Sonderstatus halten?
Text: Jan Ole Jöhnk aus De:Bug 90

Masha Qrella – Abschied von der Einsamkeit

//// KANN RAUS, WENN PLATZ BENÖTIGT
Auch auf ihrem zweiten Album beweist Masha Qrella, dass ihre Musik alles andere als niedlich ist. Sonst bei Contriva, Mina und NMFarner aktiv, entwirft sie wieder ihre eigene kleine Welt, die schräg, schön und diesmal noch elektronischer ist – ohne die Gitarre in den Schrank zu stellen. Vor allem aber hat sie die selbst gewählte Isolation aufgegeben und sich Mitstreiter gesucht.

Zweieinhalb Jahre hat es gedauert, bis der Nachfolger von “Luck”, dem aus dem Nichts in unsere Welt geschneiten Debüt von Masha Qrella, unseren Frühling beschallen kann. Die Arbeit mit den drei anderen Bands wie auch die Aufnahmen für den Soundtrack zu “Kleinruppin Forever” schluckten so viel Zeit, dass es ein bisschen länger dauerte.
Masha: “Solo war eben nie als Projekt geplant und es gab auch nicht die Idee, drei Platten zu machen. Es war damals eher ein Versuch.”
Versuch Nummer 2, “Unsolved Remained”, mutet zunächst auch ganz anders an, zupackender, elektronischer und auch nicht mehr so reduziert produziert. Masha verfeinert nicht einfach die bewährte Formel – und doch knüpft sie an das Debüt an.
Masha: “Dahinter steckte kein augeklügelter Plan. Vielleicht liegt es daran, dass diesmal viel früher andere involviert waren. Auf ‘Luck‘ war ich völlig autark und abgeschottet. Norman (Nitzsche, Mashas Partner bei NMFarner, Mitbetreiber des gemeinsamen Studios Villa Qrella und Mitglied bei Mina) war diesmal sehr früh dabei. Wenn ich Stücke aufnahm, musste er an den Reglern sitzen, damit der Sound gut wurde. Die neue Platte klingt einfach besser, auch wenn ich ‘Luck’ immer noch sehr charmant finde.”
Vor allem ist “Unsolved Remained” in einem Patchwork-Prozess entstanden, denn zum einen hat sie in der Zeit nach dem Debüt an einem neuen Contriva-Album, dem Debüt von NMFarner und dem bereits erwähnten Soundtrack mitgearbeitet. Zwischendurch hat sie immer wieder eigene Songs geschrieben und weiterentwickelt, um dann im letzten Herbst “Unsolved Remained” fertig zu stellen. Neben der Hilfe durch Norman Nitsche ist es vor allem die Zusammenarbeit mit Rechenzentrum und Henrik Johansson aus Schweden, die sich hier niederschlägt.
Aber auch ohne diese elektronischen Einsprengsel wäre Masha Qrella nicht einfach eine klassische Singer-Songwriterin. Dazu ist ihr Verständnis von Musik viel zu sperrig, zu sehr gegen den Strich gebürstet. Ihre Stücke laufen im besten Sinne unrund, Schönheit ist hier nicht glatt, sondern bockig und launisch. Diese Ecken und Kanten kontrastieren Mashas verträumte Stimme auf wunderbare Art. Genau hier knüpft sie an ihr Debütalbum “Luck” an, wo sie bereits mit einer gewissen Track-Haftigkeit geflirtet hat. Denn auch jenseits elektronischer Klangerzeugung wird bei Masha Qrella gerne geloopt. Das kann dann auch eine Gitarre sein, die in eine Endlosschleife gesperrt wird.

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Elektronische Lebensaspekte.

Masha Qrella entdeckt ihre Stimme. Die Contriva- und Mina-Instrumentalistin singt sich romantisch spröde auf ihrem Album "Luck" in den löchrigen Herbst hinein. Songwriting organisiert sich um Auslassungen herum, damit man sich besser darauf einlassen kann.
Text: Anett Frank aus De:Bug 66

Masha Qrella hat das erste Soloalbum fertig. “Luck“ heißt es und liefert sich durchaus dem Schnellschluss aus: zu grob und ungeschliffen produziert. Doch halt, stopp mal kurz, nicht so schnell die Feinheiten überhört. Sind nicht gerade die akzentuierten Aussparungen und der bewusst genügsam kalkulierte Einsatz der Instrumente die Stärken des Albums?! Richtig. Nieder mit den totproduzierten Hörbarkeiten. Es lebe der Freiraum des Dazwischen, des Angedeuteten, Schemenhaften. Auf “Luck“ werden im Hörprozess Möglichkeiten offen gelassen und damit gewinnen die Stücke an Dimensionen.

“Glück ist ein sehr melancholisches Konzept. Die Produktionsphase war eine gute Zeit. Der Albumtitel ist mein Versuch sie festzuhalten.“

Um den Jahreswechsel herum beginnt sie, sich über ihren eigenen Beitrag zu neuen Contriva-Stücken Gedanken zu machen. Masha dazu: “Für ein Stück gab es nur zwei Gitarrenakkorde, die wollte ich zerschneiden und so hinlegen, dass das für ein Stück Strophe und Refrain ergibt. Außerdem wollte ich einen vertrackten, eher elektronischen Beat und viele Pausen. Und um das auszuprobieren, habe ich das so ungefähr wie ich’s meinte aufgenommen.“ Damit war “You Won’t Be There“ fertig. Aus dem ersten Diktiergerätmitschnitt einer Vorprobe mit Norman Nitzsche (Mina) ist dann auch Mashas Lieblingssong “Insecure“ entstanden. Eine quasi aufgenommene Dokumentation über die Entstehung des Stückes. “Oft hatten Demoaufnahmen oder Vorproduktionen das Spezielle des einzelnen Liedes so selbstverständlich eingefangen, wie es die letztendlichen Aufnahmen nicht taten.“ Selbst schräge Stimmungen klingen eher angenehm als schief. “Ich konnte mit den Stücken an einem Punkt aufhören, an dem die Bands bestimmt noch weiter gemacht hätten. Und da ich die Platte niemandem versprochen hatte und soundmäßig lediglich meinen eigenen Hörgewohnheiten gerecht werden brauchte, waren die roughen Aufnahmen für mich kein Verzicht auf Soundqualität. Vielmehr bin ich einer alte Vorliebe gefolgt. Ich habe Skizzen gezeichnet.“

Draußen ist drinnen
Eine treffende fotografische Skizze hat auch Julia Kliemann (Komeit) für das Album entworfen. Der erste visuelle Entwurf für “Luck“ covert Masha mit gesenktem Haupt, den Pony das Gesicht verdeckend, so wie man sie auf Mina Live-Auftritten wahrnimmt. Der Wiedererkennungswert greift aber auch ohne den aufschauenden Blick. Mit der Musik zeigt sie Gesicht. Und wie die Audiohülle, so ist auch die Platte insgesamt ein einziger erster Entwurf, bei dem Mashas Stimme bleibt. Bislang war sie vielleicht mal mit ihrer eigenen Band Mina oder einmal mit Contriva am Mikro zu hören, viel mehr war da vokal nicht. Keyboard und Gitarre sind eigentlich ihre Instrumente, ein weiteres Werkzeug nun – ihre Stimme. Und die bezeichnet nicht nur den Sound, sondern auch die Texte, die bis dato immer noch keinen materiellen Träger gefunden haben. Alles im Kopf, sagt sie mir.

“Meine Texte sind ehrliche Gedanken und sprechen hoffentlich für sich, ohne gleich immer für mich zu sprechen oder ausschließlich von mir zu handeln.“

“Luck“ ist dann doch privater interpretierbar, als sie es bei Mina und Contriva und deren instrumentalem Songwriting zulassen würde. “Meine Texte sind minimalistisch. Es gibt nichts, was ich nicht sagen wollte und trotzdem um der Spontanität willen stehen gelassen hätte. Das ist mit der Musik des Albums schon anders.“ Was wohl auch am kreativitätsförderlichen Equipment liegt, an dem (Nicht)Sound, das so manches schrottige Lofi-Teil macht, an dem Masha hängt und sich nicht trennen kann. “Bei manchen Stücken bestand die Entscheidung für ein Instrument darin, den ersten Take, den ich aus alter Gewohnheit mit dem alten Bass eingespielt habe, stehen zu lassen und nicht mit dem besser klingenden und bundreinen Bass nachzuspielen. Bevorzugt kommen auch Geräte an den Start, die vorübergehend bei uns im Proberaum landen.“ Lange ist ihr gar nicht klar, dass sie im Begriff ist, ihr eigenes Ding zu machen. “Ich wusste – ich wollte ein paar Sachen ausprobieren: Wie simpel können meine Songstrukturen werden, wenn ich singe? Wie sehr der Beat hinken, ohne dass es nervt? Kann ich anstelle eines zweiten Parts einfach Pausen machen, die ein Schlagzeuger nicht spielen würde?“ “Luck“ findet die Antwort auf diese Fragen. Und die präsentiert Masha Qrella nun auch auf Tour, obwohl Livevorträge nicht geplant waren. “Jetzt gehe ich mit Rike Schuberty (Contriva) zusammen auf Tour. Auf der einen Seite ist das vertrautes Terrain, auf der anderen Seite in der Zweierkonstellation für uns neu. Vor allem sind wir gern zusammen unterwegs.“

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