Carsten Nikolai und Wolfgang Voigt über die Kunst des Weglassens.
Text: Alexis Waltz aus De:Bug 100


Minimal ist die bestimmende Klammer in der elektronischen Musik. Wolfgang Voigt und Carsten Nikolai bringen seit über einer Dekade den Begriff in Praxis wie Theorie in Form – von unterschiedlichsten Ufern aus. Für Debug 100 rollen sie noch mal das ganze Abenteuer “Minimal” auf, bis ins Morgen.

Debug: Was bedeutet für euch Minimalismus?

Carsten Nikolai: Der Begriff ist verwirrend: Er ist in den sechziger und siebziger Jahren in der Kunst aufgekommen und meinte eine sich ständig steigernde Reduktion. In meinem Umfeld und bei mir ging es eher darum, die Feinheiten von Sound begreifbar zu machen. Bestimmte Töne, bestimmte Frequenzen sollten durch eine mikroskopische Aufmerksamkeit wieder ins Blickfeld gerückt werden. Diese Dinge waren total weg: Anfang der neunziger Jahre war es verpönt, mit hochfrequenten Sounds zu arbeiten, allein schon weil man damit alle Anlagen zerstörte. Dabei ist es ohnehin schwer, solche Frequenzen überhaupt hörbar zu machen. Da muss man extrem minimieren, um überhaupt rüberzubringen, mit was man arbeitet. Mich hat interessiert, wie weit man gehen kann.

Wolfgang Voigt: Mich hat der Minimalismus schon lange begeistert, bevor man so was wie Minimal-Techno überhaupt kannte. Im Jazz und auch in den vielen Spielarten reduzierter Pop-Musik mochte ich immer das Zurück-aufs-Wesentliche: stringente, stromlinienförmige Beats. Auch in der Disco-Musik der späten siebziger Jahre lag mir das Gerade. Transparenz, Serielles und die Reduktion auf das Wesentliche haben mir immer gefallen. Das Serielle habe ich immer als Folge von Loops verstanden, genau wie Warhol seine Suppendosen aneinander gereiht hat. Diese Idee des Seriellen habe ich versucht auf die Musik zu übertragen. Für mich war Minimalismus immer die Kunst des Weglassens, ein Verfahren, mit möglichst geringen Mitteln den größten Effekt zu erzielen.

Carsten: In den frühen achtziger Jahren gab es eine extrem vitale Free-Jazz-Szene. Aus dieser Erfahrung heraus wurde ganz klar: Das wollte man nicht, dieses Offene, dieses Superspielerische, das Unfixierte. Man wollte Rhythmus, Struktur, das Gerade, die Reduktion, sogar Monotonie.

Wolfgang: Wenn sich die Dinge überladen hatten, gab es in der Kunst immer das Bedürfnis zum Abspecken. Ich habe in fünfzehn Jahren Techno immer und immer wieder erlebt, dass ich das Ganze bis auf die Bassdrum entkleiden wollte und für mich in der Vorstellung neu erfinden.

Carsten: Es kommt in Wellen. Es gibt eine Maximierung, wo man in den eigenen Begriffen fast Barock wird – wenn ich etwa an deine ”Gas“-Platten denke.

Wolfgang: Die sind opulent in der Dichte. Es gibt auch einen ziemlich maximalen Minimalismus, der sehr voll sein kann, der die Räume zumacht. Da ist kein Headroom mehr, um es technisch auszudrücken, und trotzdem passiert sehr wenig. Es gibt auch eine Kunst der Langeweile.

Carsten: Wie ein schwarzes Bild, das eine extreme Dichte erzeugt, wie Platin.

Wolfgang: Ab Mitte der neunziger Jahre ging es mir darum, das Werk von meinen Intentionen zu befreien. Ich wollte weg vom Arrangement: Man schaltet die Bassdrum an und aus, legt ein Clap drauf oder es gibt einen Tonartwechsel – das waren alles Dinge, die man bereits tausend Jahre zuvor kannte. Wir wollten immer nach vorne gehen, das überwinden. So entstand zwangsläufig eine immer größere Minimierung der Mittel. Vor allem ging es immer um das, was man alles nicht gemacht hat, bis an den Punkt, wo es einfach nur läuft. Es gab mal eine tolle Musik Mitte der Neunziger, wo das aufkam. Im Grunde hätten es Loops sein können, es waren aber keine Loops. Die denkbar kleinsten Veränderungen haben es gemacht, ab und zu ein HiHat-Schlag etwa, und das konnte in dem Moment so sexy und ekstatisch sein.

Debug: Warum ist es nicht bei dieser Musik geblieben, wenn sie perfekt war?

Wolfgang: Die Musik folgt immer einer Chronologie des Neuen: one thing leads to another. Man kann nicht stagnieren. Im Loop ist eine interessante Idee impliziert: das Anhalten der Zeit. Der Loop ist ja etwas, das Zeit loopt, wie eine Bandschleife. Da ist das schon angelegt, dass man so denken kann. Aber das funktioniert nicht in der Chronologie der Musikgeschichte. Da ist die Bewegung, das Neue, der Schritt nach vorne gefragt.

Carsten: Das sind Wellen, wellenförmige Bewegungen. Viele von uns beschäftigen sich nach wie vor mit den Sachen, mehr oder weniger stark, vielleicht auch etwas verschoben. Es rücken auch andere Dinge ins Bewusstsein: Retro-Erscheinungen, der eine oder andere entdeckt wieder die Stimme, was im Minimalismus erst mal verboten war. Diese Wellenformen treiben uns voran: Man lotet Extreme aus, dann geht man wieder einen Schritt zurück, um zu betrachten, was man getan hat, um im nächsten Schritt wieder weiterzugehen.

Wolfgang: Es gibt eine schöne Idee in der Philosophie, die besagt, dass Dinge zurückkommen dürfen, wenn sie wissen, warum sie weg waren. Die Stimme etwa ist eine Zeit lang in der Musik erlaubt, dann machen das alle, wie man so salopp sagt. Dann nervt´s, dann macht das zwei Jahre lang keiner mehr. Dann hat wieder jemand eine wirklich gute Idee, eine Aussage. Dann ist das wieder da und dann versteht´s auch jeder. Jetzt ist die Stimme eine fast nonverbale, musikalische Sprache, der Text ist dabei gar nicht so wichtig. Aber dass die Stimme überhaupt wieder da ist, das ist in diesem Moment gut.

Debug: Die minimale Musik taucht in den verschiedensten Kontexten auf.

Wolfgang: Zugleich entwickelt sie sich weiter, es gibt Diversifizierungen, immer feinere Pfade. Zu Ende gedacht ist das für mich nie wirklich. Obwohl es für mich natürlich mal mehr, mal weniger interessant ist, das ist ganz klar.

Carsten: Ich finde auch spannend, wie das aufgesogen wird: Dinge, die wir vor zehn Jahren als minimal empfunden haben, gehen heute als ganz normal durch, Kyle Minogue oder Missy Elliott etwa.

Wolfgang: Ein Superbeispiel ist das von den Neptunes produzierte, von Snoop Dogg gerappte ”Drop it like it´s hot“, das ist absoluter Minimalismus, wie wir ihn Mitte der Neunziger gerne formuliert haben.

Carsten: Das ist fantastisch, dass das jetzt als Number-1-Hit funktioniert.

Wolfgang: Ja, das ist fantastisch. Mich begeistert das immer, wenn purer Minimalismus chartet, wie in der Levis-Werbung mit Mr. Oizo oder auch jetzt im HipHop. Man muss sagen, dass es im HipHop wesentlich besser funktioniert, extrem reduzierte, sehr minimale, extrem abgefahrene Beats zu droppen. Das liegt natürlich daran, dass man einen Protagonisten vorne hat, das ist besser für die Charts. Aber die Produktionen sind teilweise unglaublich gut.

Debug: Die Strophe-Refrain-Schemata werden nur noch sehr gebrochen eingesetzt.

Wolfgang: Der Refrain ist nicht mehr an der Stelle, wo er vierzig Jahre hingehört hat, in der Nachkriegspopgeschichte. Ich bin oft selbst überrascht, was man Mainstream-Kids, im guten Sinne des Wortes, heute zumuten kann. Die gehen mit und finden es geil: Das ist eine positive Veränderung der Hörgewohnheiten.

Debug: Aber warum gelingt es den HipHop-Produzenten in den USA, eine so reduzierte Musik so erfolgreich zu machen, während die europäischen Techno-Musiker darin oft scheitern?

Wolfgang: Auch im abgespecktesten HipHop hast du einen Star, einen Rapper, der repräsentiert. Die Materialschlacht im HipHop, die Videos, die Kohle, die da drinsteckt, ist mit Techno-Minimalismus nicht zu vergleichen.

Carsten: Man darf nicht vergessen: Die Heimat von Techno hat ja auch dieses sehr demokratische Moment, die kleinen ökonomischen Strukturen, die es auf einmal weltweit gab. Nachdem die Industrie die neue Musik verschlafen hatte, öffnete sich eine Nische. Es war möglich, ständig Pseudonyme, Identitäten und Stile zu wechseln. Label waren wichtiger als Künstler.

Wolfgang: Diese Arbeitsweise war das Gebot der Stunde, das ist nichts für die klassische Major-Plattenindustrie. Wenn man sagt, man ist nicht greifbar, man gibt keine Interviews, macht keine Photos, macht Musik, die niemand besingt, dann ist damit schwer umzugehen.

Debug: Es ging um die totale Kontrolle des Informationsflusses.

Carsten: Die Platten hatten nur die Information, um dort hinzukommen, wo sie hinkommen sollten.

Wolfgang: So wenig wie möglich, so viel wie nötig. Der Minimalismus drückt sich natürlich auch in der optischen Umsetzung aus. Es gipfelte natürlich darin, dass man nicht nur Musik machte, die selbst auf die schönste Weise aus Nichts oder aus fast Nichts bestand, sondern auch in der Verpackung: Es gab keinen Text, kein Info. Am Ende waren es nur noch ein paar variierende Farben. Aber zu diesem Zeitpunkt war es die amtliche Sprache, denn wie wir wissen, haben das viele Menschen verstanden. Wir haben alles weggelassen, um, ganz einfach formuliert, von nichts genervt zu werden, was nach übermäßigem Überbau, nach Ideologisierung, einer Message gar klingen konnte. Die Message war die reine, minimale Essenz: die Bassdrum und das Universum zwischen diesen Schlägen.

Debug: Es ist so perfekt, dass man gar nicht weiß, was danach noch kommen kann.

Wolfgang: Das ist in der Tat wahr.

Carsten: Manchen hat das auch in die Krise gestürzt.

Wolfgang: Natürlich. Manche waren so konsequent und haben nichts mehr veröffentlicht, haben erklärt: Es ist alles gesagt. Es gibt auch welche, die nicht von ihrem Pfad abgewichen sind und immer erfolgreicher wurden, Richie Hawtin etwa. Der hat eine erkennbare Musiksprache, ist nach wie vor agil und haut seine Sachen raus. Das funktioniert sehr gut.

Debug: Juan Atkins sagte neuerdings: It´s done: Es ist vollbracht.

Wolfgang: Wir haben einen Mastering-Mann, der bis Ende der Neunziger Minimal-Techno gemacht hat, der sehr soundorientiert arbeitet, dessen Platten sehr gut klingen, der sagte mir mal: ”Seien wir ehrlich, die besten Platten sind gemacht.“ Persönlich muss ich sagen, dass ich gerade wieder sehr begeisterungsfähig bin. In unserem Umfeld passiert sehr viel: Wir haben ein neues Sublabel [gemeint ist K2], auf dem sehr viel für uns spannende Musik von jungen Leuten geboten wird. Die beziehen sich konkret auf die frühen Minimal-Platten, dabei waren die damals im Kindergarten. Deren Platten sind total frisch und voller Energie. In der Spielfreude spürt man einen Enthusiasmus, das ist absolut fantastisch.

Debug: Extrem ist die K2 08.

Wolfgang: Das darf man sagen: Der Künstler ist ein junger Italiener, der ist wie ich damals Schlagzeuger, er ist mit Profan und Studio 1 aufgewachsen. Seine Platte ist eine 2006er Adaption zwischen Jürgen Paape und Profan. Klar, dass mich das begeistert. Klar liegt mir das mehr als ein Minimalismus, der sich aus Schranz-Abklatsch destilliert.

Carsten: Wir erleben dasselbe Phänomen: Seit fünf, sechs Jahren gibt es eine neue Generation. Das ist toll: Unsere Musik wird aufgenommen, weitergesponnen. Manchmal ist es gleich, manchmal ist es eben auch ein Schritt nach vorn. Mich begeistert es, dass die Sachen diese Präsenz behalten haben, das war ja damals nicht ablesbar: Da war nicht klar, ob es nicht nur eine Laune des Moments ist.

Wolfgang: Wir sehen es mittlerweile so: Klar, das ist nicht mehr neu, schon gar nicht für die ältere Generation, es ist vielmehr auf die beste Weise in der Musikgeschichte angekommen. Es ist eine etablierte Musik, es ist eine Spielart wie Rock’n’Roll. Die Musik hat ihren Siegeszug um die Welt angetreten, in einem Club in Lissabon oder Moskau läuft sie. Dabei ist überraschend, wie gut informiert die Leute sind.

Debug: Es ist erstaunlich, wie sehr sich der Sound als universale Tanzmusik durchgesetzt hat, von John Digweed bis Adam Beyer.

Wolfgang: Absolut.

Debug: Was ist an den aktuellen Produktionen anders?

Wolfgang: Es gibt eine Weiterentwicklung, eine Verfeinerung. Natürlich artikulieren sich die jungen Künstler in der Tradition, in der Art von minimalistischer Musik, von der wir sprechen. Aber allein schon die neuen Mittel, die neue Software lässt ganz andere Ausdrucksmittel zu. Das Zeug klingt heute oft sehr viel besser, groovt besser. Man muss schon sehr aufpassen, dass man gute, gehaltvolle Platten von dem ganzen Kopistenkram trennt. Die Grenzen von dem, was man brauchen sollte, wenn man sich interessiert, und dem, was man nicht unbedingt braucht, sind fließend. Ich finde, dass es seit einem Jahr besser wird. Auf Riley (Reinholds) Label, Trapez limited, ist eine Platte von Shane Berry erschienen, das ist ein klassischen Minimal-Techno-Ding, aber da ist ein Riesen-Break in der Mitte, der eine ganz neue Ästhetik hat. Das ist im guten Sinne sehr digital, das sprüht vor Inspiration, das ist ein Break, von dem man nach zwanzig Jahren Dancefloor weiß, da sind die Arme oben. Aber es ist in einer Art und Weise erzählt, als hätte er es in dem Moment neu erfunden. Mein Kollege Michael (Mayer) hat mir das letzte Woche vorgespielt und das hat mich vom Stuhl gehauen.

Debug: Wie konzipieren die jüngeren Künstler ihre Arbeit? Früher hat man sich gegenüber der Rock-Kultur abgegrenzt, gegen deren Machismen, gegen die frontale Aufführungsform. Solche fundamentalen Abgrenzungslinien gibt es heute kaum noch.

Carsten: Ich hatte das Gefühl, dass das mit dem 11. September zumindest zum Teil vorbei war: Die Anonymität, die Befreiung von Messages war aufgelöst, die Leute wollten wieder etwas aussagen. Die künstlerische Arbeit, die sich in den Minimalismus zurückgezogen hatte, wurde ein Stück weit politisiert – was man bisher eher vom Rock kannte. Das hat man in Statements gemerkt, auch in der Tour-Planung.

Wolfgang: Das waren auch Zwangsläufigkeiten, die sich ergeben haben. In der Zeit nach dem 11. September wurden in New York 80% der relevanten Clubs und Bars geschlossen. Die Anonymität, die Anfang der neunziger Stilmittel war, wird erst mal als unpolitisch assoziiert, das stimmt auch weitgehend. Aber auch die Verweigerung der Aussage ist ein Statement: Die Botschaft auf die reduzierte Musik einzuschränken und das Begleitwerk, den Überbau bewusst nicht zu liefern, regt ja per se schon mal zum Selberdenken an. Auch das explizit nicht Gesagte ist ein Statement.

Debug: Der 11. September hat etwas markiert: Die Selbstverständlichkeit des Feierns, wie es die neunziger Jahre geprägt hatte, war in dieser Form nicht mehr da.

Wolfgang: Das Gefühl hatte ich nicht. An ein Intervall von Betroffenheitstechno kann ich mich nicht erinnern. Es war eine Zeit Funkstille, aber irgendwann setzte sich in der Clubszene ein Jetzt-erst-recht-Feeling durch, zumindest in Europa.

Debug: Dieses Jetzt-erst-Recht hatte einen neuen, anderen Stil, es gab mehr dunkle, bedrohliche Musik: von Monolake bis Ricardo Villalobos zu Matt John.

Carsten: Mir kommt das auch so vor. Ich finde, dass die Leute sich aus einer progressiven, nach außen gerichteten Haltung auf etwas Verinnerlichtes zurückgezogen haben, das auch sehr viel Sentimentales enthält. Filmmusik drängte sich in der Musik nach vorne, Industrial wurde wieder oft zitiert.

Wolfgang: Ich kann das nicht in Verbindung bringen. Insgesamt gibt es mehr Spielarten, ich würde nicht sagen, dass das eine das andere ablöst. Es gibt Subtrends, Electro-Clash, Bastard-Pop, das große Fundament des alles überlagernden Minimal-Techno hat es immer gegeben. Das ist mal mehr, mal weniger interessant, aber es war nie wirklich weg. Ich würde es so sehen, dass es den Spirit der Gründerjahre in der gegenwärtigen Musik nicht geben kann. Ein Acid-House-Fever ist gerade nicht drin, das kann sich keiner vorstellen. Also muss man es dezidierter sehen. Ich weiß nicht, ob du von deiner Schiene her sagen kannst, Carsten, dass da Bälle wirklich relevant weitergespielt werden, dass man sagen kann, das hat es vorher noch nicht gegeben. In unserem Bereich ist das nicht so. Da destilliert es sich aus der gesamten Musikgeschichte. Es ist mit Sicherheit auch pragmatischer geworden: Man hat sehr viel mit etablierten Strukturen zu tun, man kennt Abläufe, man beherrscht sein Handwerk.

Carsten: Zugleich sind die Personen wieder mehr da. Wir haben früher die Clear-Serie veröffentlicht, bei der es keine Information jenseits von Artist, Titel und Label gab. Wir merken jetzt, dass bestimmte Künstler, die mit uns den Weg gegangen sind und jetzt auch als Figuren bekannt sind, mittlerweile eine Identität, eine Ausstrahlung haben. Da wäre es natürlich falsch, da weiter die Anonymität wahren zu wollen.

Wolfgang: Es wird wieder mehr zur Autorenmusik. Personalisierung ist schön, wenn sie lange wegwahr, die darf hier und da auch gerne wiederkommen. Es gibt ja interessante Persönlichkeiten hinter der Musik, die sich auch über die Musik hinaus durchaus äußern können und sollen, und das kann auch interessant und gut sein. Jede Szene braucht irgendwann Leit- und Identifikationsfiguren, der eigene Kosmos wird auch durch persönliche Koordinaten kreiert. Eine Zeit lang war das Weglassen dieses Aspekts das Spannende: contra Pop, gegen Popularisierung. Aber in anderen Intervallen, im Rahmen der logischen Weiterentwicklung, ist das Gegenteil auch wieder interessant.

Debug: Warum sind so viele Produzenten aus den neunziger Jahren nicht mehr aktiv?

Wolfgang: Manche halten sich, manche verschwinden. Die Gesetze des Marktes richten das, ob es einem passt oder nicht. Irgendwann ist das Maß voll. Viele Platten unterscheiden sich so wenig, dass irgendwann auch dein größter Fan sagt: ”Ich habe die Platte von dir jetzt zehnmal gekauft, ein elftes Mal brauche ich sie nicht.“ Ich weiß nicht, ob ihr das Phänomen John Dahlbäck kennt. Ich bin ja großer Fan. Da gibt es einen Running Gag bei uns in der Firma. Sein Spitzname ist ”Mein Sohn“ – weil ich sein Vater sein könnte. Das ist superinteressant: Der hat einen Output, der haut wirklich jeden Tag eine Platte raus.

Debug: Er ist zwanzig und hat schon mehr als fünfzig Platten veröffentlicht.

Wolfgang: Ich find den gut. Der hat für uns eine Platte gemacht, im Mastering gab es ein Problem, in einem Track war ein Phasendreher. Ich habe ihn angemailt, ”He, du hast einen Phasendreher“, und sofort kam die Antwort: ”Hey Wolfgang, I see what i can do.“ Zehn Minuten später hatte er den Phasendreher rausgemacht, das Stück neu produziert, aufgenommen und über das Netz direkt an den Mastering-Mann geschickt. John Dahlbäck ist wahrscheinlich der Erste, der schneller einen Track produzieren kann, als der Track läuft. Faszinierender Typ.

Debug: Ich finde, er ist Ausdruck einer Tendenz, Techno-Tracks in ein songäquivalentes Schema zu bringen, wo die 303 die Funktion einer Stimme hat, wo letztlich der Techno-Club zu einer britischen Pop-Disco wird.

Wolfgang: Es gibt eine Tendenz, in der Erzählstruktur des klassischen Minimal-Techno wieder Leitsignale, Rave-Signale einzusetzen: minimalste, aus Geräuschen gemachte, wiedererkennbare Melodien, die die Stücke unterscheidbar machen und auch Kontrapunkt sind. Es ist kein reiner Groove, oben drauf passiert irgendwas, das die Sache interessant macht und zusammenhält. Ich würde das nicht Song-Struktur nennen, das würde zu weit gehen, aber das Signal im guten Sinne ist wieder da. Da werden humorvolle bis ganz dreiste Sound-Signale benutzt. Manchmal ist man überrascht: Da macht einer mit einer Fahrradklingel rum und man denkt, ist das jetzt nicht zu albern, das ist doch eher Klamauk. Dann siehst du es im Club, es funktioniert, die Leute finden das geil und es wirkt ganz natürlich.

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Elektronische Lebensaspekte.