Jamal Moss aka Mathematics nennt seine Tracks ”audio memoirs“ und glaubt, sie seien kodierte energetische Botschaften, die aus dem Universum zu ihm kommen. Moss ist ein großer Esoteriker und ein großer Produzent.
Text: Sven von Thülen aus De:Bug 138

Jamal Moss ist müde. Seit zwei Wochen ist er in Europa unterwegs. Das Budget ist schmal und die Entfernungen weit. Seine latente Flugangst trägt ihren Teil zur Erschöpfung bei. Von Frankfurt ist er mit dem Zug nach Thessaloniki gefahren. Eine wahre Tour de Force. In Belgrad saß er zwölf Stunden fest, weil er seinen Anschlusszug verpasst hatte. Von der Bahn in ein Hotel außerhalb von Belgrad mitten im post-sozialistischen Nirgendwo verfrachtet, um die Zeit bis zur Fortsetzung seiner Reise durch den ehemaligen Ostblock zu überbrücken, umgeben von feindselig dreinschauenden und des Englischen nicht mächtigen Hotelangestellten, Grenzern und Mitreisenden, stellte sich dann endgültig das Gefühl ein, das ihn bis zur Ankunft in Griechenland nicht mehr los lies: Paranoia.


”Die fünfzehn Stunden von Belgrad nach Thessaloniki hab ich kein Auge zugedrückt. Die Grenzer sahen alle aus wie Ex-Militärs, die gerade eben noch jemanden umgebracht haben. Ich hab immer schön die Türen im Auge behalten: Wer geht raus, wer kommt rein“, erzählt Jamal am Telefon, immer noch etwas aufgewühlt von dem Gefühl eine potentielle Zielscheibe zu sein.

Dreckig, eigensinnig & zu improvisiert
Mathematics Recordings, Jamals Label, das er seit mittlerweile acht Jahren von seiner Heimat Chicago aus betreibt, hat sich langsam aber sicher von einem avantgardistischen Experimentierfeld zu einem Label mit weit verzweigtem internationalen Roster entwickelt.

Dort erscheinen neben Platten seiner Lehrmeister und House-Legenden Steve Poindexter und Adonis vor allem seine eigenen Produktionen (als Hieroglyphic Being, Africans With Mainframes oder Iamthatiam) im Spannungsfeld zwischen Detroit-Techno, Industrial, Acid und dreckigem Chicago-Funk. Ein Liebhaber-Label ist es bei aller Weiterentwicklung geblieben.

Dancefloorkonforme Meterware sucht man hier nach wie vor vergeblich. Zu dreckig, zu eigensinnig und zu improvisiert klingen Platten auf Mathematics meist. Stattdessen bläst einem der rohe Charme gepiesackter analoger Maschinen entgegen.

Entfesselte Bleeps, schäumende Acid-Schleifen und schwebende New-Age-Melodien inklusive. Die Fortschreibung der Tradition und das gleichzeitige Experimentieren mit neuen Ausdrucksformen von House und Techno steht für Jamal Moss nach wie vor im Mittelpunkt. Pur und vor allem ohne starre Formeln.

Er selbst bezeichnet seine Musik als “eine Anordnung von Sounds und Einflüssen, die Arboriginal Noises, klassischen House, New Age, Acid, Free Jazz, Sufi Rhythmen und Ragtime Electronics verbindet.” House steckt für ihn nach wie vor in den Kinderschuhen: ”Nur ein Bruchteil der Menschen wissen überhaupt, dass es diese Kultur gibt. Jazz und Blues haben 50 Jahre gebraucht um die nächste Entwicklungsstufe zu erreichen. Ich bin nur ein Medium, das versucht dafür zu sorgen, dass House auch in zukünftigen Generationen noch existiert.“

Soundtheorien, kodierte energetische Botschaften
Die Philosophie und Gedankenwelt des legendären Free-Jazz-Mystikers Sun Ra hat dabei ihren festen Platz in seinem Schaffen. Was bei Projektnamen wie Hieroglyphic Being und The Sun God nicht weiter verwundert. Tracks im Allgemeinen bezeichnet er als Soundtheorien, als kodierte energetische Botschaften, die aus dem Universum kommen und die wir beim Musik machen empfangen und so in diese Welt übersetzen.

Dabei geht es für ihn immer darum, sich selber weiter zu entwickeln und sich durch äußere Umstände, wie finanzielle Engpässe oder andere Herausforderungen, die einem das Leben als eigenwilliger Musiker und Label-Betreiber am äußersten Ende des Undergrounds bereitstellt, nicht vom Weg abbringen zu lassen.

Nicht umsonst nennt er seine eigenen Tracks ”audio memoirs“. “Ich bin jetzt Mitte Dreißig. Ich werde Musik machen, bis ich sterbe. Und ich werde als Musiker reifen und lernen, meine Soundtheorien noch mehr auf den Punkt zu bringen. Sun Ra hat auch sein ganzes Leben gebraucht, um zu der Legende zu werden, als die er heute gilt. Es liegt an mir meinen Weg zu gehen, Etwas zu schaffen, das man auch außerhalb von einem kleinen Musikliebhaber-Zirkel nicht ignorieren kann.” Und so wie er von den House-Legenden Steve Poindexter und Adonis gefördert wurde, so versucht auch Jamal Moss jetzt eine neue Generation von Produzenten zu fördern und sein Wissen weiterzugeben.

Marcello Napoletanos Sehnsuchtsorte
Einer aus dieser Generation von jungen Produzenten ist Marcello Napoletano, der im Süden Italiens umgeben von einer Reggae-Vormacht und kommerziellen Großraumdiscos trotzig die Faust der House-Diaspora in die Höhe stemmt und sich in seinen Tracks voll und ganz an der Magie und Emotionalität der House-Frühphase abarbeitet.

Seine Debüt-Maxi “A Prescription Of Love” dürfte bis dato die am meisten gespielte und gechartete Mathematics Platte gewesen sein. Die Art, wie der junge Italiener die musikalischen Einflüsse seiner Sehnsuchtsorte Chicago, Detroit und New York auf den vier Tracks der Platte verschmilzt, war einfach zu zwingend, zu charmant, als dass die Maxi hätte übersehen werden können.

Als stolzer Besitzer eines amtlichen Maschinenparks aus elf analogen Synthesizern, für den die Attraktivität von House, wie er selbst sagt, nicht zuletzt von eben jenen Maschinen ausging, passt er perfekt zur Labelphilosophie von Mathematics. Der Kontakt zu Jamal Moss kam über Myspace zustande.

Marcello hatte zu dem Zeitpunkt schon eine EP auf dem Digital-Label Radiance Records veröffentlicht und war ein glühender Verehrer von Jamals kompromisslosen, analogen Sounds. Auch er legt viel Wert darauf, dass seine Tracks in ausgedehnten Jam-Sessions das Licht dieser Welt erblicken. Improvisation ist für den Jazz- und Funk-Liebhaber ein zentraler Bestandteil des Produktionsprozesses. Musik als am Markt orientiertes, perfektioniertes Handwerk ist auch seine Sache nicht.

Und trotzdem ist er der Überflieger im Mathematics-Universum, auf den innerhalb von kürzester Zeit eine illustre Reihe von anderen europäischen Labeln aufmerksam geworden ist. Neben seinem Debüt-Album “The Space Voodoo”, das noch dieses Jahr auf Mathematics erscheinen soll, stehen in den nächsten Monaten weitere Maxis auf Laid, Uzuri, Drumpoet Community und Reincarnation an.

Wobei ein Teil dieser Platten gemeinsam mit seinem Freund Francesco Schito entstanden sind und unter dem gemeinsamen Projektnamen I.F.M. veröffentlicht werden. Nach diesem Winter, das deutet sich immer klarer an, wird Marcello Napoletano kein House-Geheimtipp mehr sein. Mit Les Aeroplanes und Bocca Grande warten schon die nächsten Mathematics-Jungspunde darauf durchzustarten. Volle Energie.

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Elektronische Lebensaspekte.