Der Kanadier Mathew Jonson ist spätestens seit seinem Überhit "Typerope" vom Geheimtipp zum Shootingstar avanciert. Aber was macht er nun, da er im Rampenlicht steht, mit all der neuen Aufmerksamkeit? Autorennen und meditatives Produzieren von immer neuen Tracks, sagt er. Aljoscha Weskott hat nachgefragt.
Text: Aljoscha Weskott aus De:Bug 85

Das Duell

Mit genreübergreifenden Kompositionsplänen dockte vor gut zwei Jahren der Kanadier Mathew Jonson im Imperium des progressiven Minimalismus an und avancierte dabei zu einem Shootingstar elektronischer Tanzmusik. Alles begann mit “Typerope”. Ja, immer wieder “Typerope”. Dieser Track hat sich tief in den Clubboden gebohrt. Aber bringt das nicht auch Probleme mit sich, so plötzlich im Rampenlicht zu stehen? Muss Mathew Jonson nun Historiker werden? Muss er auf historische Soundspuren zurückgreifen, sie mitschleifen und alte Detroitmotoren aufheulen lassen, sie hinüberretten in eine andere, also in seine Epoche, um den berühmten Ort zur Pilgerstätte zu stilisieren? Oder kann er sich da einfach herauslösen und eine Geschichtslosigkeit wählen, weil die Realising Energy seiner Musik auf ihn referiert, auf sein Eternal Empire, auf wiederkehrende Träume der Kindheit, die das kanadische Outback zur Kulisse nahmen? Mathew Jonson, zarte 26 Jahre alt, wird also konfrontiert mit dem, was einmal war, und Fragen, die weiter nach Antworten suchen. Etwa, ob Techno nicht doch als die charakteristische Bewegungsform der Moderne einzustufen ist nicht doch nur eine Variation des amerikanischen Roadmovie-Themas offenbart. Das sind die Fragen an ihn und an ein Genre, das Geschichte gemacht hat und sich seiner selbst erinnert. Detroiter Minimalismus ist zur gleichen Zeit mythenbeladen und wolkenverhangen, lichtdurchflutet und heller als die Sonne. Also hinaus auf die Straßen, wo die Autos schon warten. Fahren wir mit ihm ein paar Kilometer Autobahn. Aber wie?

Da hilft die Dichotomie!
Jemals über Soundpolitiken in Schwarz-Weiß-Kategorien nachgedacht? Nein. Afrofuturismus oder suburbane Mittelstandsphantasien? Kein Kommentar. Robert Hood oder Richie Hawtin? Richie Hawtin. Jemals davon geträumt, über den Michigan-See zu wandeln? Nein. Jemals ein Autorennen der Indie-Carserie im Mekka des Automobilsports in Indianapolis verfolgt? Nein. Wo zum Teufel liegt Huntington/British Columbia? Das ist fünf Stunden östlich von Vancouver. Es ist eine Kleinstadt, die von Bergen und Seen umgeben ist. Eine Ski-und-Beach-Kleinstadt. Jemals ein Drive By Shooting miterlebt? Nein. Aber meine Frau. Sie kommt aus L.A. und war ein ziemlich hartes Indierockgirl. Wo ist sie? Sie ist offensichtlich nicht da. Jetzt beginnt er abzuschweifen. Plötzlich schiebt sich ein Traum zwischen Kanada und ihn. Er macht sich auf den Weg zurück, wie es scheint. Sein Traum liegt 57 Stunden entfernt von Huntington, dieser eigenartigen Mischung aus Sandburg und Schneeberg. Mathew Jonson bewohnt dort ein Haus mit Garten. Unverhofft bahnen sich TV-Erinnerungen ihren Weg ins Bewusstsein. Ist Mathew Jonson der elektronische Abkömmling dieses entrückten Serienmodells? Vor der Tür seines Anwesens steht ein Landrover. Damit ist er gerne und oft unterwegs. Doch zurück zu seinem Traum, der Frank heißt. Schon damals war sie nicht am gleichen Ort wie er. Es folgten 57 Stunden Schlafversuche auf einem engen Sitz ohne Gurt, 57 Stunden Halbschlaf und Fensterblick auf kanadische und amerikansiche Grenzstädte, 57 qualvolle und aufregende Stunden irgendwo im Nirgendwo mit vorher nie für möglich gehaltenen Lichtgestalten der Landstraße. Nach 57 Stunden Busfahrt dann die Endstation in Downtown L.A. Mathew Jonson hat Angst. Alles wegen Frank, denkt er. Frank ist seine “American Beauty”. Er hat sie geheiratet. Sie sanft aus der Indierockumklammerung der großen Stadt gelöst und ins kanadische Idyll gebracht. Aus Liebe, wohlgemerkt. Sie produzieren zusammen. Aber warum Musik? “Andere machen Yoga. Ich nutze die Musik zur Meditation. Wenn ich Musik mache, dann fängt etwas an, was sich fortsetzt, ohne dass ich es genau mitbekomme.” Ein Zitat am Schluß: “Keine Utopie ist in Sicht, aber eine Stadt.” “Ich liebe Autorennen. Gerade verpasse ich das ‘Indie 500’ in Vancouver. Das ist sehr schade.” Und das Modell, das für ihn gemacht worden ist, in dem seine Musik zu schnurren beginnt? Vielleicht gibt es das gar nicht. Der Track des Jonson-Motors, seiner Bewegung, heißt jedenfalls “Freedom Engine”. Ein Track, der ganz ohne Lieblingswüstenbild der Stadt Detroit auskommt. Mit offenem Verdeck erreichen wir stattdessen die wirkliche Wüste. Dort möchte er seine Musik hören. Und nur dort trifft Mr. Jonson seinen Mr. Yoga, der ihm aus der Hand liest, ihn dann einfach nur anlächelt und sagt: “You are really a lucky man.” Oh, friedliebendes Kanada!

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Elektronische Lebensaspekte.