Die zweite Boygroup der Houserevolution aus Jena auf Solopfaden - Part 2
Text: Eike Kühl aus De:Bug 137

Es sind Fragen, die sich wohl jeder House- und Techno-Produzent im Vorfeld eines Albums stellen muss: Beuge ich mich dem Diktat des Dancefloors und produziere ein Album mit potentiellen Singles, oder nutze ich die Freiheit jenseits von 33 und 45 rpm, um der Kreativität freien Lauf zu lassen und bisher unbeschrittenes Terrain zu begehen?

Marek Hemman & Mathias Kaden … das war lange Zeit ein Schlachtruf. Nach den Wighnomys die zweite Boygroup der Houserevolution aus Jena, rings um Freude Am Tanzen. Viel zu schnell haben sie sich auch einzeln weiterentwickelt. Mathias Kaden, vor allem auf Vakant, immer perkussiver und ausgefeilter. Und in alle Richtungen des Grooves suchend, die der housige Jazz so zu bieten hat. Marek Hemman auf FAT mit einer nach wie vor ungebändigten Melodiefreude. Jetzt veröffentlichen beide ihre Debütsoloalben. Und nach so viel Freischaufeln werden sie zu unserer Freunde wieder zusammen ins gemeinsame Studio gehen.

Mathias Kaden, der seit einigen Jahren sowohl solo als auch zusammen mit Marek Hemmann die Tanzflächen beschallt, hat sich für sein Debütalbum auf Vakant für den vermeintlich schwierigeren Weg entschieden: ”Man geht schon ein gewisses Risiko ein, denn natürlich ist ein Dancefloor-Album mit entsprechenden Hits verkaufsfördernder. Experimente werden leider nicht immer belohnt.“

Beeinflusst hat ihn das in seiner Entscheidung jedoch nicht, denn schließlich war das Erstlingswerk ein wichtiger Schritt, vor allem aus künstlerischer Sicht: ”Ich war nie der Mann für die großen Hits, aber alles, was ich in den letzten Jahren gemacht habe, war für den Club ausgelegt. Mit dem Album wollte ich nun meine andere Seite ausleben und zeigen, dass ich eben nicht nur der Typ bin, der immer munter vor sich hin trommelt. Es war mir einfach wichtig, etwas Zeitloses zu kreieren, die Hörer zu überraschen. Heute ist alles so schnelllebig, jede Woche kommen so viele Platten raus, dass bei vielen einfach der zeitlose Charakter fehlt. Dabei soll ein Album doch für sich stehen, Wiedererkennungswert haben. Ich glaube, dieses Album hätte ich vor fünf Jahren oder in fünf Jahren auch nicht anders gemacht.“

Die Überraschung ist gelungen, denn wo sich Kaden auf seinen Singles eher an der perkussiveren Seite von Techno bewegt hat, sind die Tracks auf “Studio 10“ – eine Danksagung an sein Studio in Gera, in dem das Album entstanden ist – um einiges entspannter, zurückhaltender und doch irgendwie facettenreicher. Kein Wunder, treffen hier doch Erfahrungen aus mittlerweile dreizehn Jahren DJ-Erfahrung aufeinander:

”Ich wollte eigentlich alles verarbeiten, was mich in all den Jahren beeinflusst hat und was mich jetzt als Musiker ausmacht. Vor zwei Jahren habe ich angefangen, Ideen zu sammeln und Gäste zu kontaktieren, und das letzte Jahr über ist dann das Album entstanden.“ Neben den Einflüssen, die das Reisen mit sich bringt sind es somit vor allem auch Gäste wie Ian Simmonds, Florian Schirmacher und die japanische Popsängerin Tomomi Ukumori, die das Album zusätzlich abrunden, und den musikalischen Horizont des Produzenten noch einmal erweitern.

Überhaupt entzieht sich “Studio 10“ elegant jeglicher Kategorisierung: Jazz-Elemente durchziehen die Songs, das Tempo ist reduziert, der gesteigerte Einfluss von House klar erkennbar. Melodien werden in den Vordergrund gerückt, ohne dadurch die Liebe zum Groove zu vernachlässigen, der sich jedoch eher in der mittaglichen Sonne wiegt als in nebliger Peaktime-Atmosphäre. Es ist eine Mischung, die vor allem vom ”Song-Charakter“ lebt, den Kaden immer wieder betont. Gerade auch in dieser Hinsicht hat eine kurze Zusammenarbeit mit dem Symphonieorchester in Gera im letzten Jahr kreative Früchte getragen:

”Das hat mir einen ganz neuen Blick auf meine Produktionen gegeben. Anschließend habe ich angefangen, mir z.B. die Melodien vorher genauer zu überlegen, und auch auf Dinge wie Tonhöhe und Noten zu achten. Vorher habe ich ja meistens nur nach Gehör und Gefühl produziert.“

Das Ergebnis ist ein mutiger, aber gleichzeitig auch wichtiger Schritt nach vorne. Mathias Kaden beweist, dass man gerade als Techno-Produzent seine Komfortzone häufiger verlassen sollte, um nicht im musikalischen Einheitsbrei zu landen, und dass man sich dabei auch nicht von Rückschlägen aufhalten lassen darf: ”Mit Ian Simmonds hatte ich eine mehrstündige Session hinter mir, als die Software abgeschmiert ist! Keine Wiederherstellung mehr möglich! Ich war am Boden zerstört, aber wir haben uns dann entschlossen, alles nochmal neu zu machen. In der Nacht waren wir dann fertig und es war wirklich nochmal besser. Manchmal muss das wohl so sein, dass aus dem zunächst schlimmsten Moment der vielleicht Schönste wird.“

Mathias Kaden, studio 10, ist auf Vakant /WaS erschienen.

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Elektronische Lebensaspekte.