Als Duo waren Closer Musik eines der heißesten Pferde im Stall von Kompakt, doch das ist vorbei. Nach Dirk Leyers wandelt nun auch Matias Aguayo mit einem eigenen Album auf Solopfaden.
Text: Fabian Dietrich aus De:Bug 96

Immer kurz vor dem Höhepunkt

Während Matias mit ruhiger Stimme die wichtigen Stationen seines Lebens aufzählt, Buenos Aires, Chile, Peru und die Jahre mit Dirk Leyers in Köln, damals, als die beiden noch Closer Musik waren, blitzt immer wieder ein kleines Motiv zwischen den wohlgeformten Sätzen auf. Egal, ob es nun um Szenediskurse, Tanzflächen oder Bassdrums geht, es fließt immer wieder das Wörtchen Unabhängigkeit ins Gesagte ein. Zum Beispiel, als er betont, dass er nie irgendwelchen Szenen zugehörig war, dass die Diktate der Szene doch nur ablenken würden und dass für ihn und seine Musik eine gerade Bassdrum eben kein strukturelles Korsett ist, dass es abzustreifen gelte, sondern ein offener Rahmen für Weiterentwicklungen. Wenn man ihn so reden hört, versteht man vielleicht auch die aparte Magie besser, die das Projekt Closer Musik ausgemacht hatte. Dass starke musikalische Eigenständigkeit nicht nur destruktiv, durch den Bruch mit allen Traditionen erreicht wird, sondern auch konstruktiv. Dass Closer Musik mit dem Fluss der Loops arbeiteten und dennoch daraus ihr eigenes Tempo und ihre ganz eigene Soundästhetik entwickelten, dass sie sich wahrscheinlich auch genau deswegen manchmal in den Clubs “fremd gefühlt” haben, wenn sie auf Tour waren. Zur Soundästhetik Closer Musiks trug natürlich auch die laszive Stimme Aguayos stark bei. Man denke etwa an ihren viel bejubelten Erstling “One, two, three – no gravity”, wo seine Stimme in Flächen eingehüllt und merkwürdig über einer kargen Bassdrum schwebend über das Leben in der Schwerelosigkeit referiert. Bei seinem nun erscheinenden Soloalbum “Are Your Really Lost?” sind die Gesangselemente (eine wirklich breite Palette von Hauchen bis Miauen und Textfragmenten) natürlich noch stärker präsent als zu Closer-Musik-Zeiten, doch Matias Aguayo versucht, sich immer noch ein Spannungsfeld zwischen den unverbindlichen, körperlichen Grooves der Tanzfläche und dem potentiellen Inhaltsträger Sprache zu erhalten. Schließlich hat auch der Hörer, pardon, der Tänzer, sein Recht auf Unabhängigkeit von der Musik. Das ist wohl auch der Grund, warum Matias Aguayo so drollig werden kann, wenn er resümiert: “Eine Gratwanderung zwischen irgendwas und irgendwas Konkretem” sei das Album also gewesen. Aber noch einmal kurz ein paar Schritte zurück ins Interview, wie ist das jetzt eigentlich, sind Closer Musik endgültig Geschichte?

Aguayo: Wenn wir von der Gegenwart reden, dann schon. Was irgendwann mal sein könnte, weiß ich nicht. Für mich hing Closer Musik mit einem bestimmten Lebensgefühl und einer bestimmten Zeit zusammen, die Dirk und ich in Köln verbracht haben. Das ist jetzt aber Vergangenheit.

Du hast jetzt aber einen neuen Produktionspartner, Marcus Rossknecht …

Aguayo: Die ganzen Stücke auf der Platte habe ich unterwegs entwickelt, weil ich auch eine Zeit in Buenos Aires gelebt habe, fernab vom sichtbaren Techno-Kontext. Viele Stücke habe ich dort begonnen und zum Teil auch in Köln. Als die Stücke da waren, hatte ich allerdings Probleme, sie fertig zu produzieren, weil das eigentlich keine Stärke von mir ist. Ich verliere mich eher in dem Moment, in dem ich das mache. Marcus hatte große Lust, das Album mit mir zu Ende zu produzieren und zu mischen. Er hat eine extrem gute Klangästhetik und wie er Sound und Groove versteht, ist schon besonders. Aus der Zusammenarbeit wird auch bestimmt noch mehr …

Im Vergleich zu Closer Musik ist das Album also sehr stark auf dich bezogen …

Aguayo: Ja, Closer Musik war schon so 50/50. Jetzt bin ich ja mit fertigen Tracks angekommen.

Kannst du mit eigenen Worten beschreiben, wie sich das auf den Sound deines Albums ausgewirkt hat?

Aguayo: Das Album ist für mich ein Befreiungsschlag, sehr unreflektiert und extrem distanzlos. Totale Gefühlsarbeit. Es ist weniger streng. Die Grooves haben sich verändert, mehr laidback und von hohen Temperaturen und von hoher Luftfeuchtigkeit beeinflusst und von noch langsameren Bewegungen als jetzt so ein Tschka-Tschak. Tschak! (Versucht eine Art stressiges Gegenbeispiel zu verbalisieren)

Wenn es eher unreflektiert ist, kann man dann überhaupt so etwas wie ein Thema an “Are you really lost?” festmachen?

Aguayo: Natürlich geschehen Dinge unbewusst und das Album ist auch nicht konzeptuell, aber es hat schon ein Thema. In dem Album selber befindet sich ein Faltblatt, das noch ein weiteres Bild von Sarah Szcesny enthält, die alle Closer-Musik-Cover gestaltet hat, das die Widmung trägt: For all those who didn’t make it. In der jetzigen Zeit, nicht nur in unserer Szene, ist man ziemlich umgeben von diesen ganzen Siegertypen, diese ganzen Ich-AG-Typen, die es durch Strebsamkeit und sonstige neoliberale Qualitäten geschafft haben, sich zu etablieren. Ich finde, sehr talentierte Leute sind eben auf der Strecke geblieben, wegen ihren Leidenschaften oder wegen ihres Dorgenkonsums. Es geht mir um die Schattenseiten, um die Leute, die es nicht geschafft haben. Das kann man auf die Musik beziehen, aber auch auf andere Dinge.

Obwohl es auch was die Vocals angeht ein sehr abstraktes Album ist, habe ich mir beim Hören eingebildet, gewisse Themen wie “Trennung”, “Neuanfang”, “Liebe”, “Entäuschung” herauszuhören. Ist das Einbildung?

Aguayo: Das ist vollkommen richtig. Es ist abstrakt gehalten, aber es sind auf jeden Fall Liebesgeschichten und sehr persönliche Geschichten. Ich finde es sehr interessant, wie man so etwas in Tanzmusik bringt, weil es ja nicht zu konkret werden darf. So ein Text sollte den Interpretationsrahmen ja nicht einengen, sondern im Idealfall ein Kontrapunkt sein, der die ganze Sache vielleicht sogar noch mehr öffnet. Mir geht es sehr viel um Raum und auch um Freiheit, für den Hörer bzw. für den Tänzer, damit man nicht so zugemüllt wird, sondern man sich bewegen kann.

Das ist mir beim Hören auch aufgefallen. Zwischen dem instrumentalen Gerüst und deinem Gesang ist viel Platz, auch zeitlich gesehen. Und es sind eben keine dichten, komprimierten Tracks nach dem Strophe-Refrain-Schema …

Aguayo: Das ist das, was Dance-Musik für mich im weitesten Sinn bedeutet. Es geht ja auch über den Körper, viele Entscheidungen, die ich beim Musikmachen getroffen habe, sind in Bewegung gefallen. Wir haben viel getanzt im Studio. (lacht)

Aber es ist ja trotzdem keine Musik, die darauf zurechtgeschnitten ist, das Tanzpotential eines Tracks auf Teufel komm’ raus zu maximieren. Das Tempo ist relativ langsam und es findet auch sonst keinerlei Effekthascherei statt …

Aguayo: Ich träume schon von der Clubnacht, in der die Musik die ganze Nacht auf dem Level bleibt und man trotzdem euphorisch dabei ist. Man kann auch langsam und soft total rocken, mir geht es nicht um weniger Party und zu Hause abhängen.

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Elektronische Lebensaspekte.

One Response

  1. Ausgabe 2/11 « ear eye am

    […] erscheinenden Soloalbum Are Your Really Lost gearbeitet; in Buenos Aires und Köln, wie man einem Interview, dass De:Bug mit ihm führte, entnehmen kann. Der Track Ritmo Juarez liefert eine gute Kostprobe […]