Matt Anderson, Designer bei der Agentur WDDG, New York, und Herrscher über konstruktiv.net, produziert eigenwillig animierte Kurzfilmgeschichten. Seine sequenzielle Collage- und Animationstechnik von Videobild und Grafikelementen erinnert mehr an digitale Musikproduktionsweisen denn an klassische Filmproduktion. Wären Autechre Motion-Graphic-Designer, würden sie wohl Matt Anderson heißen.
Text: jan rilkus hillmann aus De:Bug 57

DEBUG: Was bedeutet es, mit Bewegt-Bildern zu arbeiten?
MATT ANDERSON: Digitale Bearbeitung hat die Art, wie wir über Film denken, deutlich geändert. Bevor ich mich mit Editierungssoftware beschäftigt habe, hatte ich eine völlig andere Vorstellung davon, wie Film funktioniert. Ich sah es als ein sequentielles Medium: Bild folgt auf Bild und das Ganze in einer schnellen Abfolge. Digitale Bearbeitung ermöglicht es, Film und Bewegt-Bilder weitaus non-linearer zu behandeln.

DEBUG: Wie würdest du deine Arbeitsweise beschreiben?
MATT ANDERSON: Ich finde es wichtig, niemals exakt den gleichen Vorgang zu wiederholen. Wenn du Dinge auf eine neue oder andere Weise tust, wirst du sehr viel mehr lernen. Die Wiederholung eines Vorgangs ist gut, um Fähigkeiten zu verbessern oder sie effizienter anzuwenden, aber es ist unwahrscheinlich, dass du dabei interessantere oder effektivere Wege entdecken wirst, deine Ideen umzusetzen. Konzepte brauchen den Raum, im Kopf oder auf Papier zu reifen, bevor man mit der tatsächlichen Arbeit beginnt. Auf diese Weise wirst du vertrauter mit ihnen und eine geplante Idee nimmt besser Gestalt an als eine spontane. Diese Vorausschau ermöglicht später in der tatsächlichen Produktion mehr Platz für Experimente.

DEBUG: Welche kreativen Phasen und Abschnitte deines Lebens führten dich zu Bewegt-Bildern?
MATT ANDERSON: Ich wollte immer Künstler werden. Egal ob Comic-Zeichner, Animations-Designer, Drehbuchautor oder Architekt – ich wollte meinen Ideen Gestalt geben. Mit 12 oder 13 begriff ich, dass Film die perfekte Kulmination aller Medien, für die ich mich interessiere, ist. Ein Freund und ich begannen blödsinnige Kurzfilme zu drehen. Dadurch wurden wir (wenn auch primitv angewandt) mit der Sprache von Drehbüchern vertraut. Auf jeden Fall reichte es für mich aus, um der Sache zu verfallen. Die restliche Highschool-Zeit hatte ich ein eher nicht-existentes Sozial-Leben, denn wir verbrachten von nun an unsere Wochenenden damit, neue Geschichten auszubrüten und Requisiten zu bauen. In der 12. Klasse hatte ich (dank einer schwedischen Cerealien-Marke namens Kalas Puffar) eine Idee und entwickelte ein 12 oder 15-seitiges Script, das mein Abschluss-Projekt für den Schauspielkurs wurde. Es war eine zwanzigminütige Video-Performance über einen Fake-Diktatoren namens Kalas Puffar. Von da an gab es nichts mehr, was mich hätte bremsen können.

DEBUG: Die Designparamter von Film unterscheiden sich von anderen Medien hauptsächlich durch die Faktoren von Zeit, Bewegung, Rhythmus, Dramaturgie, Komposition und Ton. Haben Bewegt-Bilder einen anderen psychologischen Effekt auf den Betrachter?
MATT ANDERSON: Der Betrachter nimmt Bilder auf einer subjektiven und emotionalen Ebene wahr. Film zieht die Betrachter in die Bilder hinein und hält sie dort gefangen. Das Internet wagt die ersten vorsichtigen Schritte in diese Richtung. Flash-Cartoons sind aufgrund stilistischer Ähnlichkeiten vergleichbar mit Kinder-Fernsehen am Samstagmorgen. Der lineare, 160×120 Pixel-Film ist trotzdem immer noch ein ungewöhnliches Element. Es gibt nur wenig Beispiele für die Verschmelzung von Film mit non-linearen Strukturen.

DEBUG: Was ist so schwierig daran, neue Erzählstrukturen auf Film-Basis für das Internet zu entwickeln?
MATT ANDERSON: Die Hauptfaktoren sind der Mangel an etabliertem Talent und Produktions-Kapazitäten.
Das Medium ist immer noch so jung, dass nur wenige Menschen aus dem Film- oder Video-Business für das Web gearbeitet haben. Das einzige Beispiel, das mir einfällt, ist die Film-Serie von BMW. Es ist traurig, dass es von einem Unternehmen bezahlt wurde, um lediglich ein toller Auto-Werbespot zu sein, aber nicht mehr. Wichtig ist jedoch, dass es ein Beispiel für Filmemacher ist, die das Web als eine Verbreitungs-Methode für ihre Arbeiten nutzen. Hoffentlich werden noch mehr solche Projekte entstehen, unabhängig von Werbebudgets.

DEBUG: Viele Designer nahmen den Weg vom Print zum World Wide Web und nun zu Bewegt-Bildern. Warum scheint das der natürliche Folgeschritt zu sein? Was trennt diese Designer von “klassischen” Filmemachern?
MATT ANDERSON: Das Internet ist sehr autodidaktisch. Die meisten kreativen Web-Projekte werden von einer kleinen Gruppe von Leuten oder gar nur von einer Person umgesetzt. Wenn jemand, der aus dem Web-Bereich kommt, etwas mit Bewegt-Bildern ausprobieren will, hat er bereits die selbe Sensibilität. Er muss sich aber nicht so viele Gedanken um das Budget und die Ausrüstung machen. Der Ablauf, dem er folgt, unterscheidet sich stark von dem eines “herkömmlichen” Filmemachers.
Was die Frage nach Bewegt-Bild-Design als logischem Schritt für Webdesigner betrifft, liegt das glaube ich daran, dass uns Bandbreiten von der Sorge um Dateigrößen befreien und HTML- und Flash-Menschen mit einem visuellen Sinn dazu treiben, mehr Freiheit in ihren Kreationen zu suchen.

DEBUG: Warum verwendest du Bewegt-Bilder, um zu kommunizieren?
MATT ANDERSON: Ich finde, es ist eines der gefühlsbetontesten Medien, die wir gestaltet haben. Ebenso wohnen ihm die mächtigsten Möglichkeiten für den Gestaltenden inne. Es ist nicht so intim, wie ein Buch einem Publikum vorzulesen, aber letztendlich sind Filme sehr vollkommen. Der Gestaltende kann einem Publikum die Ideen und Stories, die er erzählen will, sehr zutreffend zeigen. Mein ultimatives Ziel ist es, das gesamte Werk selbst umzusetzen, ohne Kompromisse in der Qualität einzugehen.

DEBUG: Ist das Web ein gutes Medium für Inhalte mit Bewegt-Bildern?
MATT ANDERSON: Ich habe mir das Web aus zwei Gründen für die Umsetzung meiner Arbeit ausgesucht: 1.) Weil es ein direkter und weit verbreiteter Verteiler ist. Jeder, der Zugang zum Netz hat, kann meine Arbeiten zu jeder Zeit anschauen. Sie können heruntergeladen und weitergegeben werden. Als Unabhängiger über das Web erreiche ich mehr Menschen als mit den konventionellen Veröffentlichungs-Methoden. 2.) Was Bewegung betrifft, ist es so neu! Nur wenige Menschen haben Bewegung für das Web gemacht (bezogen auf Videos, nicht auf Flash), und es gibt online noch so viel Boden zu besetzen. Darüber hinaus fesselt mich die Möglichkeit eines interaktiven Videos.

DEBUG: Im Web existieren derzeit hauptsächlich zwei Trends: Arbeiten, die mit digitaler Film-Technologie hergestellt wurden und Flash-Animationen. Welche Unterschiede und Vorteile trennen DV und Flash?
MATT ANDERSON: Um ehrlich zu sein, bin ich kein großer Fan von Flash. Andere Leute haben tolle Sachen damit gemacht, aber ich benutze es nicht gern, um zu gestalten. Ich finde, es unterwirft meine Ideen grundsätzlich einem Kompromiss, sowohl durch die Qualität des finalen Produktes als auch durch meine Art, mit dem Programm umzugehen. Das mag daher kommen, dass meine Ideen eher filmisch als interaktiv sind. Interaktivität ist der offensichtliche Vorteil von Flash gegenüber Video. Ich bin immer sehr amüsiert, wenn ich Sachen von Leuten wie Amit Pitaru oder Eik Natzke sehe, weil dies eine eigene Welt ist. Wenn Video und Interaktivität miteinander verschmelzen, könnte das sehr aufregend werden.

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Elektronische Lebensaspekte.