Piraterie ist eine der innovativsten Kulturpraktiken sagt der Autor des Bestsellers "The Pirate's Bay". Die protektionistischen Big Player des Web2.0 sollten ihre Haltung zu Piraterie und Netzneutralität überdenken.
Text: Ji-Hun aus De:Bug 123


Fotos: heiwa

Piraten machen das Netz besser. Das ist, kurz zusammengefasst, die These von Matt Mason, Globetrotter im Namen der Medienaufklärung, Gründer und früherer Chefredakteur des RWD Mag, dem einzigen wahren Kanal für Urban und Black Music im Königreich. Matt Mason ist nicht erst seit der Veröffentlichung seines Buches “The Pirate’s Dilemma“ ein viel beschäftigter Mann. Einst begann er selber als DJ für Piraten-Radios und Clubs in England, gründete Wedia, eine Non-Profit-Internetplattform, die medial Aufklärung über global-soziale und humanitäre Probleme und deren Kommunikation liefern möchte, und lebt mit Familie seit einigen Jahren in New York.

Er ist im Begriff, der neue Chris Anderson für Jugend- und Medienkultur zu werden, so gefragt sind seine erfrischenden Vorträge und seine Theorie über Piraterie und deren eigentlichen Nutzen im kapitalistischen System. Mit Esprit und einem reichen Erfahrungsschatz durch umfassende Popsozialisation, hängen nicht nur Nike- und Apple-Manager an seinen Lippen. Die Kernfrage: “Muss man gegen Piraten kämpfen? Oder lernt man besser von ihnen und tritt mit denen in ein und denselben Wettbewerb?“ Auge um Auge. Zahn um Zahn?

Zahlreiche Untergrundszenen und -protagonisten sind im Laufe der Zeit zu globalen Industrien gewachsen, allen ist gemeinsam, dass sie mehr oder weniger direkt der Piraterie bezichtigt wurden: HipHop, Rave, Kabelfernsehen, Videogames, Bathing Ape, Andy Warhol. Alles Räuber und Piraten, diese Hundsschweine! Allerdings, allen haben wir auch einiges an kulturellem Kapital zu verdanken. Popmusik/-kultur wäre in England ohne Piratenradios nie entstanden, so Mason. Keine Beatles, keine Stones, kein Punk und was nicht alles derweil Geschichte ist.

Als ich mit Matt Mason spreche, hängt er gerade in London fest, längst wollte er zurück in New York sein, aber sein Visum und uneinsichtige Bürokratien scheinen ihm da einen Strich durch die Rechnung zu machen. In zwei Tagen würde er in Mexiko erwartet und da muss er erst mal pünktlich hinkommen. Ein gefangener Kosmopolit. Ein echtes Dilemma für den Fahnenträger der modernen Piraterie.

Dennoch nimmt er die brenzlige Lage gelassen, nimmt sich viel Zeit für seine Antworten, zuvorkommend und eloquent und ein wenig spitzbübisch, wohl wissend, dass sein Output noch immer unangenehm an den Fußsohlen der Major-CEOs kitzelt. Also: Was hat Punk mit Torrent zu tun? Und wo sind eigentlich die ganzen Jugendsubkulturen hin?

De:Bug: Wie definierst du Piraterie?

Matt Mason: Der Begriff der Piraterie wird von vielen benutzt und ist daher weit gedehnt. Leute, die Files tauschen und downloaden, werden von der Großindustrie als Piraten bezeichnet. Ich versuche einen Schritt weiterzugehen und zu sagen, dass alle Menschen, die Informationen auf unkonventionelle Art und Weise vertreiben und sich somit eventuell in legalen Grauzonen befinden, konsequenterweise dazugezählt werden müssten.

De:Bug: Wo ist dann die Schnittmenge zwischen einem Internet-Piraten und einem “echten“ Seeräuber?

Matt Mason: Da sind eher Unterschiede zu finden. Auf der einen Seite der blutdurstige Kriminelle auf hoher See, der reelle Güter klaut, die nicht ersetzt werden können, und auf der anderen Seite der Musikfan, der sich einen persönlichen Vorteil durch neue Vertriebssysteme schafft. Diese Bildsprache der Industrie führt in die Irre. Ich versuche daher dieses Bild zurechtzurücken.

De:Bug: Wie sieht dann die Beute der Internetpiraten aus, die ja eben keine reellen Waren entwenden?

Matt Mason: Das tun sie nicht, aber es gibt natürlich das Argument, dass illegal geladene Musik auch im Laden hätte erstanden werden können. Aber in vielen Fällen bieten Leute, die viel Musik tauschen, ebenso vielen Menschen Möglichkeiten, über Musik informiert zu werden: die Debatte über intellektuelles Eigentum. Ich kann nur sagen, mein Buch ist seit einiger Zeit auf Pirate Bay zu finden, und das ist enorm gut für mich. Weil: Je mehr Leute mein Buch lesen, desto mehr Beraterjobs und Vorträge kann ich wahrnehmen. Denn das sind die Dinge, die mir wirklich Geld einbringen.

De:Bug: Wie siehst du die Tendenzen, dass das Netz in Zukunft nicht mehr neutral sein könnte bzw. die Debatten über Priorisierungen von Datenraten zurzeit immer präsenter werden?

Matt Mason: Es handelt sich dabei um ein politisches Thema. Der Grund für die Debatte ist, dass einige machtvolle Organisationen ihre Interessen durchsetzen wollen. Wenn ja, dann bleibt das Netz bald wirklich nicht mehr neutral. Aber wenn jeder andere so agiert, wie er es bislang getan hat, und er die Möglichkeit hätte, seinen Interessen Ausdruck zu verleihen, dann bliebe das Netz neutral. Wie es heute aussieht, ist das eigentlich überhaupt kein Thema außer für einige profit- und protektionsorientierte Firmen, die unter Kontrolle haben möchten, wie das Internet sich weiterentwickelt, um es durchweg zu kommerzialisieren. Das wäre natürlich schrecklich.

De:Bug: Kann das Internet denn überhaupt vollständig überwacht werden?

Matt Mason: In einigen Fällen ist das Internet jetzt schon nicht neutral, auch wenn uns erzählt wird, dass es so wäre. Die Internetprovider und die Entertainmentfirmen wollen natürlich Pakete kontrolliert durch die Kabel schicken, was aber nahezu unmöglich ist. Das ist ein bisschen ein Katz- und Mausspiel. In Bezug auf Musik weiß ich auch gar nicht, ob es sich lohnt, sich in diese Thematik reinzusteigern.

Vielmehr sollten die Labels und Studios ihr Geschäftsmodell grundlegend ändern. Es spricht nichts dagegen, z.B. einen Film zum Start simultan als Download und DVD herauszubringen, weil es ohnehin schon passiert, und auch, weil sich diese Dinge nicht negativ auf den Kinokonsum auswirken. Ganz im Gegenteil, die Boxoffices hatten im letzten Jahr den höchsten Umsatz überhaupt. Darauf sollte der Fokus gerichtet werden, und nicht den langen, blutigen, juristischen Weg gehen …

De:Bug: Was empfiehlst du dann in diesem Fall den Majorindustrien?

Matt Mason: Ich bin ein Unterstützer der monatlichen Pauschalabgabe bzw. Kulturflatrate. Also fünf Pfund oder Euro im Monat pauschal für Medien im Netz zu bezahlen und so viel Musik downzuloaden, wie man will. Dafür braucht man freie Marktstrukturen im Netz. Man sollte diese “Steuer“ so niedrig wie möglich halten. Nur so schafft man einen Mehrwert für die Plattenindustrie. Diese Idee sollte aber nicht an einzelne Internetprovider gebunden, sondern eher wie das öffentliche Rundfunksystem aufgebaut werden.

De:Bug: Dein Buch beschreibt, wie Jugendkulturen den Kapitalismus neu erfinden würden. Wo siehst du im Moment noch distinguierte Jugend- bzw. Subkulturen? Gibt es die in der klassischen Form im 21. Jahrhundert denn überhaupt noch?

Matt Mason: Das ist interessant, denn wenn du dir die Subkulturen im 20. Jahrhundert anschaust, dann geht es bei denen zunächst um Rebellion, darum, eine neue soziale Idee auszuprobieren. Stell dir die 70er vor: Es läuft nichts Gutes im TV, du bist 20 Jahre alt, und du und deine Freunde sind gelangweilt und frustriert, dann färbt man seine Haare grün und gründet eine Punkband, weil das der beste Weg ist, gegen die Realität zu rebellieren.

Wenn aber heute drei Jungs in den Zwanzigern feststellen, dass nichts Gutes im TV läuft und frustriert sind, dann machen die eine Website wie YouTube oder eine andere Online-TV-Seite. Früher war man glücklich damit, einen Konflikt, einen Clash zu provozieren. Heute ist man happy, wenn man für 1,6 Millarden Dollar von Google gekauft wird. Natürlich können das nicht alle machen, aber so entstehen weit reichende Geschäftsmodelle. Die Art und Weise zu rebellieren hat sich weiterentwickelt. Auf der einen Seite sind Subkulturen auch schwächer geworden. Das liegt aber auch daran, dass diese von den Industrien überfischt worden sind und so die Bedeutung der jeweiligen Kulturen nivelliert wurde.

Die klassischen Kulturen stehen heute unter direkten geschäftlichen Einflüssen. Auf der anderen Seite ist gerade die Piraterie eine wahre Jugendkultur. Filesharing ist eine Bewegung. Das Hauptproblem der Musikindustrie ist nicht die Piraterie, sondern die Tatsache, dass für Produktionen kaum noch Kapital benötigt wird. Früher war die Machtposition die, dass man Videos für viel Geld gedreht hat und dafür gesorgt hat, dass man im Ladenregal weit vorne positioniert wird. Aber wenn man Musik auf iTunes, mp3.com oder sonstwo herbekommt, dann braucht man keinen mehr, der die Regalplätze erkauft, keinen, dem man Geld gibt, um auf MTV zu laufen, weil man seinen Clip auf YouTube stellt.

Es ist nicht mehr wie damals, als beim ersten Dot.com-Boom im Silicon Valley die Firmen explodiert sind, Tonnen von Leuten angestellt wurden, horrende Gehälter gezahlt wurden usw. Heute braucht man eine gute Idee und das ist es dann. Es gibt also heute andere Wege zu rebellieren, man kann wirklich das System verändern und das auch im physischen Sinne. Da sehe ich eine neue Ära in der Geschichte des Kapitalismus und wir befinden uns erst am Anfang. Die Mechanismen, die sich heute auftun, werden nachhaltige Folgen haben.

De:Bug: Wie sieht dann die Medienwelt in zehn Jahren aus?

Matt Mason: Der größte Irrglaube ist, dass es bald keine Massenmedien mehr geben wird. Wir brauchen die Massenmedien. Sie versorgen uns mit einer Menge Inhalt, die die neuen Medien nicht liefern können. Vielmehr sollte man diese beiden Pole zusammendenken. Ich denke, dass die Engelskreise zwischen Massenmedien und neuen Medien zusammenfallen werden. Das, was man heute mit der Internetpiraterie hat, ist vielmehr eine Möglichkeit aufzuzeigen, wie die Dinge zu funktionieren haben. Was also ein vermeintliches Problem ist, sollte eher als Ansatz gesehen werden.

Wir erschließen gerade neue Landschaften. Wir leben im Informationszeitalter und lange Jahre wurden Informationen nur in eine Richtung gesendet. Und was 2.0 eigentlich ist, erscheint noch wie ein mühevoller Kampf, ob man das nun unter Piraterie oder Netzneutralität subsumiert, ist eigentlich egal, das Problem bleibt: Wie kann man den Leuten die Möglichkeit geben, Informationen frei zu verwenden und kreativ zu gestalten, ohne sich im ungewissen grau-legalen Bereich zu befinden. Ich befürworte daher einen soliden Mittelweg für die Zukunft. Wir brauchen die jetzigen Strukturen, aber was user-generated ist, sollte nicht mehr mit Vorbehalt produziert werden, und so kann ich mir vorstellen, dass für beide Parteien ein immenser Wert geschaffen werden kann.
http://thepiratesdilemma.com

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Elektronische Lebensaspekte.