Matthew Hawtin ging mit Bruder Richie Hawtin in Windsor auf die frühen Raves. Richie wurde DJ, Matthew Künstler. Er überträgt die kühle Konzept-Kunst der 70er mit ihren minimalen Raum-Interventionen auf die Techno-Welt von Bruder Richie Hawtin. Parallel zur min2Max-Tour von M-nus stellt Matthew Hawtin erstmals in Deutschland aus.Wir fragen ihn, ob abstrakte Geometrie überhaupt noch modern ist.
Text: Jan Joswig aus De:Bug 102

Hallo Matthew,
wir stellen eine Genealogie von Covern zu elektronischer Musik auf: Von Brian Enos ”Another Green World” bis zu deiner Grafik für Fuse’ ”Dimension Intrusion” geht es steil bergauf mit mathematisch strenger, anti-figurativer, geometrischer Abstraktion, die sich vom Menschen genauso wie vom menschlichen Mal-Duktus emanzipiert. Dann gibt es einen Schnitt und Hausmeister kommt mit seiner krakeligen Männchen-Zeichnung, der Anti-These zu den beiden anderen Covern. Wir behaupten, das steht paradigmatisch für eine Allgemeintendenz: Figurative Malerei, Anti-Folk, Live-Funk, Kinderboom in Berlin-Mitte statt Netzkunst, Glitch-Techno und Transformer-Roboter.
Flüchten die Menchen in einen neuen Anthropozentrismus?

Das Hausmeister-Cover will eine vermenschlichte, intime Verbindung zum Hörer aufbauen. Enos Cover steht damit in einer stärkeren Nähe zur Hausmeister- als zu meiner Fuse-Grafik, da beide mit figurativer Repräsentation arbeiten. Eno hat nur einen intellektuellen doppelten Boden eingebaut mit dem Raphael-Bezug.
Flüchten müssen sich die Menschen nicht in eine menschliche Heimeligkeit. Abstraktion ist doch längst Folklore geworden.

Du beobachtest also keinen Schritt zurück in sentimentale Kinderwelten? Parallel zu der neuen Cover-Ästhetik heißen Tracks ”Rabimmel Rabammel Rabumm” …

Ich empfinde das Hausmeister-Cover als weniger sentimental als das Eno-Cover. Sogar als synthetischer, weil es gar keinen definierten Hintergrund bietet. Es ist mehr Graffiti als Kinderzeichnung und viel weniger erzählerisch als Enos Cover mit dem Zusammenspiel von Titel und Abbildung.

Und dein Fuse-Cover?
Das verweist auf eine ”Tron”-artige Welt, befreit von Emotionen und vom Künstler. Allerdings ist es ursprünglich ein klassisch gemaltes Leinwandgemälde … In meiner künstlerischen Praxis ist Technologie nicht so wichtig, wie es scheinen könnte. Hauptsächlich arbeite ich mit Elementen aus Kunst, Architektur und Design. Dan Graham, Donald Judd oder Robert Ryman waren wichtige Einflüsse aus der Konzept-Kunst für mich, aber auch Maler wie Anselm Kiefer, Julian Schnabel oder Vermeer vom anderen Ende des Spektrums.
Das Fuse-Cover war wahrscheinlich meine direkteste Antwort auf Techno-Musik. Ich mag die Verdichtung, den Raum und die Wiederholung an elektronischer Musik. Ich hatte lange mein Studio neben dem meines Bruders, elektronische Musik ist Teil meiner Syntax, geht per Osmose in meine Kunst ein.

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Elektronische Lebensaspekte.