Powerbook-Musiker arbeiten bei ihren Konzerten verstärkt auf MAX/MSP, einem völlig frei verschaltbaren Programmier-Environment, das losgelöst von herkömmlichen Sequenzing-Lösungen neue Herangehensweisen an Musik erlaubt. Betreut und weiterentwickelt wird
Text: Karl Kliem aus De:Bug 41

Take me to the max 2.0

RAPID PROTOTYPING

1186 Folsom Street steht auf Joshua Kit Claytons Visitenkarte, die neben dem Bild eines Bonanza-Fahrradsattels noch die Aufschrift ‘Cycling74’ trägt. Ich stehe an der Tür eines eher heruntergekommenen Bürogebäudes in SoMa, im flachen nordöstlichen Teil von San Francisco. Eine freundliche Frauenstimme gewährt mir Einlass. Ein Stockwerk höher stehe ich in einem ca. 30qm großen Raum. An den Wänden stapeln sich Softwareverpackungen mit der Aufschrift ‘Pluggo’, ‘Max’ und ‘MSP’. Auf einem Regal steht ein Faxgerät und ein Drucker und auf zwei kleinen Tischen in der Mitte des Raums stehen Rechner. Das ganze macht den Eindruck einer Ganovenbude mit dem Geschäftsfeld Software Raubkopien unter dem Deckmantel einer vorgetäuschten Werkstatt für Liebhaberfahrräder aus den Siebzigern. David Zicarelli, der Chef, ist am Apparat und informiert sich über den aktuellen Stand im Office. Er sitzt gerade an seinem Arbeitsplatz zuhause in Santa Cruz. Vermutlich mit Blick auf den Pazifik. Verstehe.

1988 wurde David Zicarelli nach Paris an das ‘Institute de Recherche et Coordination Acoustique Musique’, kurz IRCAM, berufen. Miller Puckette hatte dort angefangen eine Software zu programmieren, die den 1983 verabschiedeten MIDI-Standard und den 1984 vorgestellten Apple Macintosh zusammenbrachte. Das nach dem Pionier der elektronischen Musik ‘Max Mathews’ benannte Programm erlaubte es, mit einer auch für Programmierlaien verständlichen grafischen Benutzeroberfläche Schaltdiagramme zu entwerfen, die externe MIDI-fähige Synthesizer steuerten. David Zicarellis Aufgabe sollte es sein, das Programm zur Marktreife zu führen. Zicarelli, der seit einigen Jahren bereits mit seiner Firma ‘Intelligent Music’ MIDI-Software für Macs entwickelte und verkaufte, war von Max beeindruckt und willigte ein. Eines der von ihm neu implementierten Features war die Möglichkeit sofort die Resultate zu hören, während man die Schaltdiagramme bearbeitete. Viele weitere Objekte wurden im Laufe der nächsten Jahre entwickelt und das Programm mauserte sich zu einem leicht verständlichen und universell einsetzbaren Steuerungstool. Die aufwendigen Bühnenshows von U2 wurden damit ebenso ‘gefahren’, wie zahlreiche interaktive Installationen. Wegen finanzieller Schwierigkeiten bei Intelligent Music wurde Max zwischenzeitlich von Opcode Systems vertrieben, mittlerweile hat jedoch Zicarellis neue Firma Cycling74 die Entwicklung und den Vertrieb wieder übernommen.

Mit zunehmender Rechenleistung wurde es möglich, auch rechenintensive DSP-Operationen nativ – also ohne spezielle DSP Erweiterungskarte – auf dem Hostprozessor laufen zu lassen. 1998 wurde dann MSP vorgestellt, das in der gleichen Logik wie Max zu bedienen ist, nur eben Audiostreams in Echtzeit manipulieren kann. So ist es z.B. möglich, das Signal einer CD im Laufwerk des Rechners durch verschiedene Objekte zu leiten, die den Sound grundlegend verändern, und das Resultat direkt an den Audioausgang des Rechners weiterzuleiten. Ebenso kann man mit Max/MSP VST PlugIns schreiben. Das beste Beispiel für diese Anwendung sind die als eigenständiges Paket erschienenen Pluggo PlugIns.

DEBUG: Viel zu tun bei Cycling74. Im Januar wurde ‘Pluggo 2.0’ veröffentlicht, im April wurde Cycling74 der Herausgeber von Max, ein Major Update von Max und MSP steht ins Haus und Max für Windows ist in der Entwicklung. Zuerst einmal zum Thema Pluggo. Ich nehme an, die meisten Leute kennen Cycling74 von eurem PlugIn-Paket, das 74 professionelle VST Plugs mit den verschiedensten Effekten zu einem unglaublichen Preis anbietet. Wie hat die Konkurrenz darauf reagiert? Was ist als nächstes bei Pluggo geplant? Wie sieht es mit VST 2.0 Unterstützung aus, z.B. dem Aufzeichnen von PlugIn Reglerbewegungen im Sequencer? Hat Pluggo die Verkaufszahlen von Max/MSP beeinflusst?

Zicarelli: Ich bin nicht sicher, wie die anderen PlugIn Hersteller reagiert haben. Eigentlich hat niemand reagiert! Einige Händler sagen, es sei zu billig. Es ist wohl wahr, dass hohe Preise mit hoher Qualität gleichgesetzt werden. Ist das nicht krank? Soweit ich weiß, unterstützt Pluggo VST 2.0 besser als jedes andere PlugIn. Zum Beispiel unterstützen wir das Synchronisieren von Parameteränderungen und Songtempo. Wir sind auch im Begriff eine neue Version herauszubringen, die die Automationsfeatures des Digital Performer 2.7 unterstützt, die sehr viel besser sind, als die von Cubase. Einige wenige User haben über Pluggo auch Max/MSP entdeckt. Unsere Entwicklungen sind also zweigeteilt: Weiterfeilen an der Entwicklungsumgebung und neue Produkte, basierend auf MAX.

DEBUG: Was den Opcode/IRCAM Vertrag angeht: Wie kam es, dass du, als Kopf hinter Max/MSP und ehemaliger Programmierer für IRCAM und Opcode, die Vertriebsrechte für Max bekamst? Welche Auswirkungen wird das auf die zukünftige Weiterentwicklung der Software haben?

Zicarelli: Opcode ist ja pleite. Ich hatte allerdings schon vor der Schließung versucht die Rechte an Max zu erwerben. Es war bereits ein Kompromiss ausgehandelt worden, nach dem Cycling74 Max nach dem Erscheinen der Windows Version hätte erben sollen (wir arbeiten immer noch an der Windows Portierung – unglücklicherweise war es schwierig, Windows Programmierer zu finden). Zu dem Zeitpunkt, als Opcode aufhörte Max zu verkaufen, war unser Max/MSP Bundle die einzige Quelle um Max zu erwerben. Ich hatte Beziehungen zu Opcode’s CEO, weil ich dort ein paar Jahre vorher gearbeitet hatte, und das half bei den Verhandlungen. Wenn man Interviews mit Leuten aus der Unterhaltungsbranche verfolgt, erkennt man, dass viel davon abhängt, wie ausdauernd man ist. Ich finde das einfach irritierend. Ich glaube, ich möchte, dass die Welt anders funktioniert, als nach den reinen Verkaufsgesichtspunkten.

DEBUG: Immer mehr Musiker versuchen der traditionellen Sequencer Umgebung zu entkommen, und Live-Perfomances auf Powerbooks werden immer populärer. Wie würdest du eure Kunden beschreiben? Kommen sie eher aus dem akademischen Umfeld? Welchen Einfluss hat der Kundenkontakt auf die Softwareentwicklung?

Zicarelli: Wir haben die verschiedensten Kunden, wenn wir von Max/MSP sprechen. Mir ist aufgefallen, dass jeder Musiker einen leicht unterschiedlichen Ansatz hat. Um ein individuelles Profil zu erlangen, muss ein Musiker nach Werkzeugen suchen, die ihm diese Eigenständigkeit ermöglichen. Max/MSP ist ein Werkzeug idiosynkratisch zu sein, und aus diesem Grund ist es sehr schwierig die Benutzer zu generalisieren. Ich glaube, das Verhältnis zwischen akademischen und nicht-akademischen Benutzern ist ausgewogen. Zur Zeit habe ich wahrscheinlich mehr Kontakt zu Leuten außerhalb des akademischen Umfelds. Einzelne Leute innerhalb dieser Gruppe mögen Verbindungen zu Hochschulen haben, über die sie mit der Software in Berührung kamen, aber sie gehen in der Regel danach eigene Wege. Selbstverständlich machen einige Leute umfangreichere Projekte als andere. Zum Beispiel hat der in San Francisco ansässige Komponist und Performer Bob Ostertag zusammen mit unserem Programmierer Joshua Kit Clayton an ein paar neuen Steuerungsobjekten für MSP gearbeitet, die wir in MSP 2.0 integrieren werden. Joshua und jhno, ein weiterer unserer Programmierer, machen Live Performances und bauen Sachen für diese Aufführungen, die sich dann in weiterentwickelter Form in unseren Produkten niederschlagen. Für mich ist es eine aufregende Sache, die sich mehr oder weniger von alleine entwickelt hat. Ich habe ihnen nicht gesagt, dass sie ihr Berufsleben in dieser Weise organisieren sollen.

Die Konkurrenz schläft nicht

DEBUG: Die in Deutschland ansässige Firma Native Instruments verkauft ebenfalls mit großem Erfolg eine modulare, grafische und interaktive Softwareumgebung für Mac und PC. Wo siehst du die Unterschiede, wo die Vor- und Nachteile zu Max/MSP?

Zicarelli: Reaktor unterscheidet in der Struktur der Software zwischen dem Steuerpanel und der zu steuernden Schaltung. In Max/MSP sind beide Teile integriert. Reaktor ist weniger ‘messy’, aber ich glaube auch, dass es dich nicht so weit gehen lässt wie Max/MSP. Es gibt z.B. keine Möglichkeit, es mit weiteren Objekten aufzubohren. Ich weiß, dass viele Firmen Max/MSP als Forschungswerkzeug verwendeen, was nahelegt, dass es einen gewissen Grad an Flexibilität hat. Bei Max/MSP kommt noch der Multimedia Aspekt hinzu, worauf Reaktor nicht wirklich ausgerichtet ist…Bilder, Quicktime Filme, Gesten, Steuerung von Hardware, etc. Ich denke, in diesem Segment wird Max in den nächsten Jahren an Boden gewinnen, denn viele Musiker merken, dass es langweilig sein kann, nur ein Powerbook auf der Bühne zu haben. Mit Max kann man das Livekonzept erweitern.

DEBUG: Es gab da ein paar Timing-Probleme zwischen der Max-MIDI Welt und der MSP-Audio Welt. Sind diese Probleme mit MSP 2.0 behoben? Was können sonst vom Update erwarten? Wird es möglich sein, mit Max/MSP erstellte VST PlugIns innerhalb der Max/MSP Umgebung zu benutzen? Was ist mit dem Problem, dass der Soundmanager in OS 9 immer das Audiosignal direkt durchschleift?

Zicarelli: Alle diese Probleme werden behandelt. Ich kann nicht dafür garantieren, dass das PlugIn Problem im diesem Update gelöst sein wird, aber sicher ziemlich bald danach. Unsere Lösung zu den MIDI-Timing Problemen sieht vor, dass der Benutzer selbst die relative Priorität der MIDI- und Audioprozesse bestimmt. Wenn jemand kein MIDI benutzt, kann es ihm egal sein, aber für diejenigen, denen es nicht egal ist, bedeutet dies eine erhebliche Verbesserung. Im Moment ist das Problem, dass der Audio Stream die MIDI Signale blockiert, also wird das Timing ungenau. Außerdem wird der Scheduler in MSP 2 in Fließkommazahlen rechnen, d.h. er ist (theoretisch) samplegenau. In der Praxis ist diese Genauigkeit aber eine große Belastung für den Prozessor, also wird es niemand tun. Es wird aber möglich sein.

DEBUG: Ein gewisser ‘Antiorp’ oder ‘Netochka Nezvanova’ entwickelte die NATO+0.55 Software, die das Benutzen von Quicktime Routinen innerhalb von Max in Echtzeit erlaubt. Gibt es irgendwelche Pläne, Max/MSP und NATO als Paket zu vertreiben und kann man auf einen geringeren Preis für Nato hoffen?

Zicarelli: Ich stelle gerade eine Vereinbarung mit NN über ein Bundle fertig, dass über deren Website vertrieben werden wird. Ich werde nichts über mein Verhältnis zu NN sagen, außer, dass es eine außergewöhnliche Geschichte war und dass jemand eines Tages ein Buch über die ganze Sache schreiben sollte.

DEBUG: Was sind Eure Pläne und Zeitpläne bezüglich der Windows Version von Max und MSP?

Zicarelli: Die Arbeit geht weiter. Unsere dringlichste Priorität ist es MSP 2 herauszubringen. Danach werde ich meine Energie auf die Windows Versionen verwenden, und dafür sorgen, dass unsere Software multiplatformfähig wird. Wir haben den Nachteil eines zehnjährigen Mac-spezifischen Erbes, das wir überwinden müssen. Max wird intern von oben bis unten neu geschrieben.

DEBUG: Vielen Dank für das Gespräch.

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Elektronische Lebensaspekte.