Der australische Schriftsteller über sein neues Buch, Google, ACTA und Technikgläubigkeit. Mit Video
Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 163

In seinem neuen Roman lässt der australische Schriftsteller den Cyborg wieder auferstehen. Der Held des Buchs ist so vernarrt in Technik, dass er immer bessere Prothesen entwickelt und sie bereitwillig an sich selbst ausprobiert. Seinen Arbeitgeber freut es, die besseren Körperteile versprechen ungeahnte Gewinne. Max Barry, der bislang global agierende Unternehmen und deren fragwürdige Strategien auf dem Kieker hatte, geht damit einen großen Schritt weiter und macht den menschlichen Körper zum Schlachtfeld der Gewinnoptimierung. Weil das eigentlich schon längst Realität ist, wie er im Interview sagt.
Von Thaddeus Herrmann

Er ist ein Mann der Extreme und Übertreibungen. Und damit so nah dran an unserer alltäglichen Realität wie kaum ein anderer Romancier. Max Barry nimmt die Auswüchse unserer reglementierten Welt aufs Korn, einer Welt, in der die globalen Konzerne zwar nicht zwingend das Geschehen bestimmen, aber doch skrupellos alles ausprobieren und sich über die Konsequenzen, wenn überhaupt, erst im Nachhinein Gedanken machen. “Fukk”, “Logoland” und “Chefsache” heißen Barrys bisher erschienene Romane, die alle drei diese “Achse des Bösen” im Blick hatten, also die Corporate-Hölle und das alles bestimmende Marketing, mit der eben jene global agierende Firmen-Welt am Laufen gehalten wird. Bücher, die einem in der Regel von denen empfohlen werden, die in genau diesen Strukturen arbeiten; von Menschen, die wissen, dass da irgendetwas nicht mehr stimmt in ihrer Welt, aber sich doch lieber darüber kaputtlachen, als die überzogene, grell leuchtende Satire zum Anlass zu nehmen, über sich und die Rolle, die sie darin spielen, nachzudenken.

Barrys Romane sind wie starke Kaugummis. Cheap thrills, schnelle Kicks und dann spuckt man sie wieder aus. Und der schale Nachgeschmack bleibt lang, sehr lang. Keine Weltliteratur, eher hektisch zusammengestoppelte Machwerke, die das Tempo ihrer Plots vorwegnehmen und mit klarer, nicht verklausulierter Sprache den Anfang einer Wertschöpfungskette beschreiben, deren Ergebnisse tagtäglich auf uns einprasseln. Neue Produkte, neue Slogans und Kampagnen, mehr Konsum und mittendrin immer der Outlaw, der Bekehrte, der Sand in das gut geölte Getriebe streuen will. Für eine bessere Welt und natürlich auch zu seinem Vorteil.

Wären Barrys Bücher Musik, dann Happy Hardcore. Schnell, mitreißend, mit den irrsten Breakdowns und untenherum schwer gurgelnd. Immer auf +8. Das funktioniert in den deutschen Übersetzungen auf dem Niveau eines Warmup-DJs, im englischen Original ist es endlose Primetime.

Tiefe Technikgläubigkeit
In seinem neuen Roman “Maschinenmann” macht Barry uns fit für diesen Groove der börsennotierten Weltregierung. Er will uns ans Leder, mit Prothesen und Exoskeletten. Einfach zu analog, unser Körper. Der Protagonist Charlie Neumann entdeckt das, nachdem er bei einem Arbeitsunfall ein Bein verloren hat und mit der Prothese alles andere als zufrieden ist. Also beginnt er, nach besseren Möglichkeiten zu forschen. Sein Arbeitgeber, die Firma Better Future, versorgt ihn mit Budget und Mitarbeitern und hat den Masterplan schon ausgearbeitet: Das Unternehmen, das eigentlich Medikamente herstellt, soll den Markt für Ersatzkörperteile erfinden und auch gleich beherrschen. Und Neumann ist in seiner wissenschaftlichen Naivität, aber auch in seiner tief verwurzelten Technikgläubigkeit die perfekte treibende Kraft. Man ahnt schon zu Beginn, wo die Geschichte enden wird. Neumann wird zum Cyborg, vor dem selbst der Terminator erzittern würde. Und natürlich geht alles schief.

DE:BUG: Welche Technik-Laus ist dir eigentlich über die Leber gelaufen?

Max Barry: Oh, gar keine, im Gegenteil. Ich bin derart in die moderne Technik vernarrt, dass ich davon überzeugt bin, dass damit etwas nicht stimmen kann. Die Eröffnungs-Szene des Buches, in der Charlie sein Smartphone sucht und dabei fast einen Nervenzusammenbruch bekommt, das bin ich: abhängig. Das kann doch nicht gesund sein. Ich sehe zwar kein akutes Problem, fühle aber, dass da eines sein muss.

DE:BUG: Cyborgs sind 2012 fast schon oldschool.

Barry: Man könnte auch sagen, dass die Idee mittlerweile Teil unseres täglichen Lebens ist. Daran ist der medizinische und technische Fortschritt schuld. Wenn Menschen heute operiert werden, dann oft genug, um Veränderungen vorzunehmen, die ein besseres Leben versprechen, und nicht, um ein akutes Problem in den Griff zu bekommen. Plastische Chirurgie, das Lasern der Augen. Und die Beinprothese, um beim Roman zu bleiben, ist heute dem biologischen Bein bereits in allen Belangen überlegen. Auch wenn heute noch niemand, anders als Charlie, freiwillig Körperteile gegen Prothesen tauscht: Wir entwickeln einen immer natürlicheren, intimeren Umgang mit Technik, so dass sich die Haltung gegenüber künstlichen Körperteilen in ein paar Jahren vielleicht schon komplett drehen wird. Dann sind sie kein notwendiges Übel mehr, keine Notlösung, sondern erstrebenswert.

DE:BUG: In “Maschinenmann” spielt wieder eine mächtige Firma die entscheidende Rolle. Better Future erinnert sehr an Veridian Dynamics aus der TV-Serie “Better Off Ted”, ein Unternehmen, in dem auch Versuche am Menschen gerne als Kollateralschäden akzeptiert werden. Ein Zufall?

Barry: Absolut, die Serie kannte ich bis vor kurzem gar nicht. Ich habe mir ein paar Folgen im Netz angeschaut und ich muss sagen, es ist genau die Art von Serie, die ich schreiben würde, wenn man mich fragen würde.

DE:BUG: Sind die Globalisierung und die Macht der Konzerne überhaupt noch das Problem? Anders formuliert: Nutzt du Dienste von Google?

Barry: Google weiß alles über mich. Schrecklich, aber so praktisch! Ich lasse sie einfach Daten sammeln. Ich habe jetzt sogar so eine Rabattkarte für den Supermarkt. Privatsphäre ist für den Großteil der Menschen immer noch ein sehr schwammiger Begriff und schwer einzuschätzen. So lange wir in irgendeiner Art und Weise von den Dienstleistungen profitieren, schauen wir gerne weg. Aber natürlich ist das problematisch. Mein Supermarkt kennt jetzt nicht nur meinen Namen, sondern weiß auch genau, was ich mag und immer wieder kaufe. Und genau so wird man versuchen, mich zu ködern: “Hallo Herr Barry, wir haben da was für Sie.” Ich empfinde gerade die persönliche Ansprache als entscheidend. Da fühlt man sich sehr schnell in Zugzwang. Ich habe gerade die Arbeit an meinem nächsten Roman begonnen, “Lexicon”, da wird es genau darum gehen.

DE:BUG: Aber wo lauert denn die größere Gefahr? Bei Google oder in deinem Supermarkt? Haben wir vergessen, was zum Beispiel Nestlé für ein Verein ist, weil wir nur noch gegen ACTA sind?

Barry: Die Art und Weise, wie online Daten über uns gesammelt werden, ist unfassbar, denke nur an Google Analytics. Dabei sehen die Grafiken so irre gut aus. Die Profile, die dabei erstellt werden, machen mir Angst und ich denke nicht, dass es dafür eine Entsprechung in der realen Welt gibt. Und ACTA? Total daneben.

DE:BUG: Bleiben wir noch einen Moment beim Urheberrecht. Du hast “Maschinenmann“ schon vor ein paar Jahren in Teilen zunächst online veröffentlicht, umsonst. Jeden Tag eine Seite, das konnte man per E-Mail abonnieren. Wie wird sich das Verlagswesen zukünftig entwickeln?

Barry: Das Problem der Verlage war und ist, dass sie versuchen, E-Books zu verkaufen, ohne dabei auf Erlöse aus dem Taschenbuch-Geschäft zu verzichten. Also wurden die E-Book-Käufer schikaniert. Über Kopierschutz, hohe Preise oder lange Wartezeiten, bis ein bestimmter Titel endlich auch digital erhältlich war. Hätten die Verlage nicht an ihrem alten Konzept festgehalten, würden wir heute alle E-Books für drei Euro kaufen können. Der Denkfehler ist, dass Verlage festlegen, was ein Buch wert ist und das nicht mit ihren Kunden abgleichen. Das kann nicht so weitergehen. Und wird sich auch ändern, davon bin ich überzeugt.

Max Barry, Maschinenmann, ist bei Heyne erschienen.

Website von Max Barry

One Response