Für Peter Grummich muss das neue Genre Minimax erfunden werden. Anders wird man dem Sohn eines DJs mit Hang zur Natur und Verachtung für Rocksnares nicht gerecht.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 94

Maximal ist besser – Peter Grummich

Grummich ist aber auch einfach ein zu guter Name. Klar, da müssen sich Legenden drum ranken. Das Problem dürfte er neuerdings mit Eulberg teilen. Vermutlich wissen auf dem Dancefloor nur die wenigsten, wie so ein Peter Grummich aussieht, aber deshalb (alte Weisheit) ist der Name um so wichtiger. Und der klingt, als sollte Grummich so etwas sein wie T.Raumschmiere im Quadrat. Kein Wunder, dass man überhaupt nicht überrascht ist, dass sein Album “Switch Off The Soap Opera” jetzt auf Shitkatapult rauskommt. Und ich hätte schwören können, dem wären, so ist das ja normalerweise, ein paar 12″es vorausgegangen. Falsch (eine Lee Anderson und ein paar Einzeltracks mal ausgenommen), ebenso falsch wie die Vermutung, Grummich-Tracks würden ballern. War nie so, jedenfalls nicht allzu häufig, aber die Nähe zu Shitkatapult und mal ein Brett auf Kompakt dazu, und schon ist es nahezu unausweichlich, dass, fällt der Name Grummich, so was wie ein schmunzelndes fingerwedelndes “Auaaua” aus den meisten herauspurzelt. Aber wenn Grummich eins nicht hat, dann einen Knarzbretter-Heiligenschein. Grummich hasst Rocksnares, liebt Italo, Disco überhaupt. Sein Vater war auch schon DJ, was Grummich selbst seit zwei Jahrzehnten ist, und er hat – um die Verwirrung komplett zu machen – bei Discomania gearbeitet und auf Braintist releast (“Die Platte, nach der mich immer noch die meisten fragen, ist ‘Jens Linse'”). Das brachte ihm damals auch die erste Kompakt-Platte ein, denn Michael Mayer war Fan. Kratzige Basslines sind auf Grummich-Tracks ebenso wahrscheinlich wie Ambientstücke, Detroitmelodien oder pure minimale Ästhetik.
Genau, nächste Überraschung, die nicht wirklich eine sein müsste, sein Album “Switch Off The Soap Opera” ist – wenn man nach einem Fach suchen müsste, in das man es einsortiert – Minimal. Und Grummich gehört dennoch zu Recht zu den Leuten, die gerne von ihren Tracks sagen, dass sie manchmal maximal sind. Und damit meint er vor allem eines nicht, nämlich so etwas wie Hawtins letzten Wahlspruch “Minimize to Maximize”. Minimal, das jetzt Maximal heißt, ist etwas anderes und steht nicht in der Schule von Deprivationstechno, bei dem so lange so viel so gleich klingt, dass die kleinste Veränderung schon wirkt wie ein Paukenschlag (eine Bassdrum z.B.). Minimax ist kleinteilig, vielteilig, mal laut, mal leise, fordernd, zurückhaltend, vielseitig. Keine Formel.

GEBROCHENE GESCHICHTE
Grummich mag zwar aussehen, als bekäme er pro Woche nur zehn Stunden Tageslicht, und die dann – das wird oft berichtet, denn da wird er oft gesichtet – bei einer Afterhour wie im Berliner Club der Visionäre oder der Bar25, aber genauso gut könnte man behaupten, er wäre ein echtes Naturkind. Beweise? Sein eigenes Label heißt “Boot Musik”, auf der Rückseite des Albums ist eine Düne, der letzte Track heißt “The Kids Playing In The Park” (“Camp Tipsy” nicht vergessen) und das Album hat seinen Titel von Grummichs Fernseh-Verachtung (wir übersetzen, neudeutsch: Mach die Telenovela aus). Fernsehen ist für ihn ein Instrument der Manipulation. Böser noch als die aufgesetzte Mensch-Maschine-Ideologie, über die er sich im Track “A Roboter” kaputtlacht.
Grummich tanzt gerne, findet Musik auch auf Partys viel wichtiger als Drogen, das Ding da auf dem Cover ist ein Kinderspielzeug-Alien zum Gegen-Fensterscheiben-Werfen, das er seiner Nichte geschenkt hat, verdammt, auf der Shitkatapult-DVD war er in ständiger Begleitung eines Gummi-Entchens, wenn ich weiter in diese Richtung denke, würde ich Grummich – gab’s da nicht auch einen Track auf dem Album, der “Awaking Naked” hieß – für einen verspielten Naturalisten halten. Wenn mir nur im Hinterkopf dabei nicht “Naturkatastrophe” durch den Kopf spuken würde. Irgendwie bilde ich mir ein, Peter Grummich wäre eine gebrochene Geschichte.
Genau, das wollt ihr doch eigentlich wissen, was für ein Mensch steckt eigentlich hinter so einer Musik wie der von Grummich? Tut mir leid, ich hab keine Ahnung, ich maße mir so etwas nicht an, wir kennen uns nur flüchtig. Ende der Legende. Und selbst wenn die Musik ein Hinweis sein sollte – aber ich weigere mich, Musik als Hinweis auf etwas zu sehen, Musik ist mehr als das – dann kann man mit “Switch Off The Soap Opera” ganz von vorne anfangen, denn clevererweise ist das Ganze ein Album, das so etwas wie ein nicht ganz der Reihe nach gedachter Tag sein will, es fängt morgens an, mit Zirpen, sanften Tönen (“Incoming (There’s No Way Out)”), geht mit dem schon leicht angekratzten Monduntergang im Zwielicht weiter (“Orange Moon”), schaukelt sich schnell auf zum überbordend elektrisch aufgeladenen “A Roboter”, in dem alles zischelt und blitzt – nein, wir machen jetzt hier kein Review – und endet in ambienten Weiten. Aber nie weiß man genau, ob man jetzt noch mittendrin ist oder schon wieder am Anfang oder ob gleich nach dem Ende eigentlich alles wieder neu anfängt. Und genau das macht die Spannung von “Switch Off The Soap Opera” aus und vielleicht auch die von Grummich-Tracks überhaupt und vielleicht überhaupt die unserer gesamten eigenwilligen Party- und Musik-Vorstellung, denn festen Boden unter den Füßen zu haben ist nur so lange gut, wie man keine Metapher draus machen kann.

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Elektronische Lebensaspekte.