Der Paradigmenwechsel beim Schuhdesign ist da. MBT läuten ihn mit physiologischem Ehrgeiz ein.
Text: Jan Joswig aus De:Bug 126


MBT
Die Attacke des Anti-Schuhs

Die Lohas haben uns seine Popularität eingebrockt. Für die Gebrechlichen und Versehrten wurde er entworfen. Der MBT hat den markantesten Stilwechsel in der Schuhmode eingeläutet, seit die Ökos in den 80ern die Birkenstock-Sandale für sich besetzten.
Der orthopädische Schuh ist wieder da, mit aller Macht. Und so ”anti“ hat er noch nie ausgesehen.
Die typische Anti-Schuh-Linie verläuft von Mephisto über Birkenstock und Jacoform bis aktuell zu Crocs und Sanuk, dem Surfer-Flatschen aus Hawaii. Diese Modelle ziehen ihr anti aus der Ablehnung von schlankem oder gar spitzem Rist. Der Fuß ist vorne breit, also sind es unsere Schuhe auch. Basta. Diese dorftrampelige Sturköpfigkeit wider jeden Modekonsens wird von der Modewelt alle Jubeljahre zum Fashion-Statement schlechthin gekürt, immer dann, wenn die Mode von sich selbst genug hat. Mondän heißt dann, besonders hinterwäldlerisch auf der Vernissage aufzulaufen. Das geht vorbei.
Aber im Moment sorgen Lohas und Grüne Welle für ein schlechtes Gewissen gegenüber allem Dekadenten, allem voran der Mode, sodass ein nachhaltiger Hinterwälderlook der absolute dernier crie ist. Die Slogans ”Not A Shoe“ von Sanuks Sidewalk Surfer und ”Anti-Shoe“ von MBT bekommen so einen viel opportunistischeren Dreh, als es zuerst scheint. Oliver Fischer, der Marketing-Verantwortliche bei MBT, analysiert:
”Es gibt einen Wandel in den Lebensumständen und der Lebenswahrnehmung der Menschen. Früher war MBT wirklich nur ein Produkt für Menschen, die Schmerzen hatten, Rückenschmerzen oder andere, und MBT als Therapiegerät entdeckt haben. Mehr und mehr wird er von jüngeren Menschen getragen, die sich körperlich was Gutes tun wollen.“
Naturverträglich und bequem ist schon mal gut, noch besser ist es, wenn der Schuh obendrein orthopädisch ist. Denn der Mensch, der ist ja auch ein Teil der Natur, die umsorgt werden will. Und wirklich, MBT setzt noch beim Adjektiv einen drauf: nicht nur orthopädisch, sondern physiologisch ist der Wirkungsbereich.
”Der Begriff ’Anti-Shoe’ stammt noch aus unseren Anfängen“, erläutert Oliver Fischer, ”der MBT hat von der Funktion her einen komplett anderen Ansatz als ein herkömmlicher Schuh. Dort ist das Thema Dämpfen, Stützen, Stabilisieren. Unser Schuh soll destabilisieren, er ist die Anti-These. Wir haben eine eigene Kategorie innerhalb der Schuhbranche geschaffen, die es nicht gab: ein Schuh, der positiven Einfluss auf den gesamten Körper hat, ihn trainiert. Der MBT trainiert sowohl die Fußsohlenmuskulatur als auch den gesamten Haltungsapparat. Die Muskulatur muss ständig im Knie, in der Hüfte, im Rückenbereich arbeiten, um die Gefahr des Kippens auszugleichen. Der Fokus liegt auf der Ingenieursleistung: Muss ein Schuh so funktionieren, wie er seit hundert Jahren funktioniert? Wie hat sich durch die Industrialisierung unsere Welt verändert? Überall harte, flache, Böden, die ganze Welt wird zubetoniert, zuasphaltiert. Dann kommen auch noch Schuhe dazu, die meiner Muskulatur ihre Funktion rauben, weil sie ihr Stabilität geben. Sie muss nicht mehr arbeiten und degeneriert. Dagegen steht der MBT.“
Die Mitbewerber-Marke ”Chung Shi“ packt die Anti-These in den Claim: ”Time to balance.“

Neben der technischen Innovation schlägt der MBT aber vor allem auch mit einem radikalen ästhetischen Bruch ein – und das ganz unabsichtlich. Während die klassischen Anti-Schuhe flach und breit aufplatschen, ist der MBT ein Ausbund an instabiler Klobigkeit mit einer Plateausohle in der Kufenform eines Schaukelstuhls. Er sieht aus, als ob Sven Väth damals, Anfang der 90er, seine Plateausohle nicht unter einen Sneaker, sondern unter einen Trekkingschuh geklebt hätte. Und die Kufenform gibt ihm noch einen surrealen Tick oben drauf. Solch eine radikale ästhetische Innovation konnte nur in einem absoluten Designer-Vakuum entstehen. Oliver Fischer:
”Am Anfang wurden wir belächelt: die Bescheuerten aus der Schweiz mit ihren komischen Schuhen. Dem Ingenieur Karl Müller, der MBT erfunden hat, war es vollkommen egal, wie es ausgesehen hat. Funktion war alles. Seit gut einem Jahr haben wir ein eigenes Designer-Team. Dadurch kommt ein Wandel herein. Funktion bleibt absolut die Kernkompetenz. Aber kann Funktion nicht auch besser ausschauen?“
Genau der Schritt könnte sich als Fehler herausstellen. Gerade die außerweltliche Hässlichkeit der MBTs macht ihren Reiz für Modeinteressierte aus. Wenn das verwässert wird, fehlt der Lustschock.
Austern gelten ja auch nur als Delikatesse, weil man es zuerst partout nicht fassen kann, dass dieser unverschämte Glibber schmecken soll.

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Elektronische Lebensaspekte.