Was für ein Pech, original im Jugendzimmer fernab jeglicher Profis entstanden zu sein, aber zu klingen wie das allerletzte Major-Konstrukt. Oder ist gerade das punkige Subversion? Vielleicht wird man's besser verstehen, wenn man die Parolen der "Mediengruppe Telekommander" durchs Megaphon mitgröhlt.
Text: Jan Freitag aus De:Bug 82

Konformer Krawall?

Dissidenz ist ganz schön schwierig. Anders sein, abweichen, ausscheren – alles gar nicht so leicht. Früher oder später wird noch jede Normverweigerung von erbarmungsloser Normübersteigerung geklont, Mainstream ist der Tabubruch von gestern und die Sex Pistols waren vielleicht die erste erfolgreich gecastete Boygroup der Popgeschichte, von den Monkeys mal abgesehen. Trotzdem versuchen immer wieder einzelne Bands das tapfere Riff gegen die Windmühlen der Verwertungslogik – und landen dann doch wieder in der Heavy Rotation einschlägiger Musiksender.
Und so läuft also auch das äußerst charmante Low-Budget-Video “Kommanda“ bei Viva-Achselschweißikone Charlotte Roche rauf und runter und die dafür verantwortliche Mediengruppe Telekommander einem Trend voraus, den das Duo doch eigentlich hardgitarrig zerstampfen wollte. “Gib mir ein T-Shirt mit Andreas Baader drauf“, grölen sie disharmonisch zum Auftakt ihres ersten Longplayers “Die ganze Kraft einer Kultur“, und mahnen darin zur “Vorsicht. Ein Trend geht um“. Zwei ziemlich normale Jungs aus der Südmitte Europas, die auf der Bühne im Stakkato zucken und ihre kurzgeschorenen Matten schütteln, bis auch der letzte im wogenden Publikum gemerkt hat: Das ist ja … also … irgendwie … Punk! “Hip-Punk-Electro oder Punkhop“, schlägt dagegen Bassist Gerald Mandl als Ettikettierung der Gitarrenteppiche mit Plugins, Sequenzern, PPG2, Pulsar-Minimax und anderem digitalen Hilfswerk vor. Dafür bürgen nicht zuletzt Producer Moses Schneider, der auch die Neogaragenpunks Beatsteaks abgemischt hat, und der Hamburger Elektrofrickler Christian Harder aka Kandisquer.
Es ist relativ einfach, sich dem perpetuum-mobilen Regelwerk der Popkultur zu widersetzen. Auf Guevara-Pullis schimpfen, RAF-Logos abtrennen, nicht mal Premium-Cola trinken und keine Schnauzbärte tragen – das geht schon mit etwas gutem Willen. Sich dabei behaupten, nicht aufgesogen werden, unten bleiben – das ist allerdings schon bedeutend komplizierter. Eine brennende Fernbedienung ziert das Cover von CD (Mute) und Vinyl (Enduro). Doch ehe Gerald und Gitarrist Florian Zwietnig noch dreimal ”fickt euch!” gerufen haben dürften, könnten auch schon die ersten Tropfen Latte Macchiato und Sushisoße darauf gelandet sein.
Dabei hätten sie genau das nun wirklich nicht verdient. Denn ihre Platte, Nachfolger und Surrogat einer guten und einer gigantisch guten EP auf dem Hamburger Indie-Label Enduro, ist so gelungen, dass man ihr ein verschwiegenes Nischendasein wünscht. Adelung durch Nichtbeachtung quasi. “Ich will nicht, dass ihr meine Lieder singt“, würde ein genau daran gescheiterter Polit-HipHopper von der Elbe da näseln. Aber hören dürft ihr sie gern. Und kaufen. Noch so ein Widerspruch wie in “Trend“. Oder kann man “Im Peace-Outfit auch mal pro Amerika sein“?
Kann man. Man kann ja auch die Goldenen Zitronen im Straßencafé hören, ohne verhaftet zu werden, und die Goldenen Zitronen scheiße finden, ohne angepasst zu sein. Man kann also auch Mediengruppe Telekommander mögen, sie beim Freizeitplattenauflegen in der Eckkneipe spielen, ihre T-Shirts tragen. Ja, und ihre Lieder singen. Am besten mit Megaphon.

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Elektronische Lebensaspekte.