Deeper geht immer.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 130


Stuttgart ist alles andere als ein unbeschriebenes Blatt in der deutschen Technoszene. Aber wenn man hier nach einem Technoimperium sucht, dann fällt einem mittlerweile nahezu unwillkürlich Meerestief ein, das Label von Walter Ercolino und Daniela Stickroth. Im verflixten siebten Jahr ist Meerestief aber auch perfekt aufgestellt.

Mit den beiden im Zentrum hat sich über die Jahre ein Artist-Rooster hinter das Label gestellt, das nicht nur für Hits auf dem Dancefloor sorgt, sondern auch immer wieder den besonderen Moment anvisiert, der aus Platten wie denen von Lucy, Minz, Nhar, Sebastian Roya, Wacker & Zittrich, Solar & Poppcke und natürlich Xhin wirkliche Lieblinge macht, die man noch Jahre später im eigenen Case wiederentdeckt. Eine Releasepolitik, die nicht nur auf den schnellen Dancefloor-Erfolg schielt, sondern eine in dieser Zeit trotz großem Druck von allen Seiten eines in Zeitlupe kollabierenden Vinylmarkts scheinbar unbefangene Breite an Sounds verfolgt, für die Meerestief mittlerweile das vierte Outlet gegründet hat.

Nach einer kurzen Serie von “Meerestief Rot”-Releases kam das nahezu obligatorische Limited (die Etablierung von Limited als gar nicht so limitiert releasendes Sublabel haben wir übrigens Trapez zu verdanken) hinzu, auf dem die Tracks aber dennoch nicht weniger Bandbreite hatten. Mit der Entdeckung, dass die digitale Distribution ganz andere Erfordernisse hat, entwickelten sie Meerestief Digital, das mittlerweile auch auf eine beachtliche Releaseliste zurückblickt, und zuletzt noch, für die housigeren Welten, Moonpool. Dass Deepness und House irgendwann auch als Label zusammentreffen mussten, war bei Meerestief eigentlich vorauszusehen.

Und anders als bei manch anderen führt diese interne Labelexplosion bei Meerestief nicht dazu, einfach rauszuhauen, was da ist, oder immer neue Künstlerpools zu erschließen, um durch den Mangel an der Möglichkeit des einzelnen Erfolges das Heil in der Breite zu suchen, quasi mit großem Netz fischen zu gehen, sondern alle Acts scheinen auf allen Labeln stattfinden zu können. Das ist genau der Moment, in dem sich zeigt, dass die Auswahl der Künstler für das Label nicht nur vorausschauend, sondern vor allem auf deren Gehalt aus war. Vielseitigkeit wird bei Meerestief eben auch bei der Auswahl der Künstler großgeschrieben und das zahlt sich jetzt erst so richtig aus.

Das erste Artistalbum erst Ende letzten Jahres von Lee Xhin aus Singapur zeigt nicht etwa eine Langsamkeit der Entwicklung, sondern erscheint dann fast wie zufällig als Erweiterung des Konzepts der Label. Vorsichtig, aber mit Nachdruck lieber ein feines Netz spinnen. Es war bislang einfach auch genug Platz auf dem Vinyl und den digitalen Releases, ein Album war nicht mal notwendig.

Dennoch entdeckt man hier, dass Meerestief eigentlich noch am Anfang steht und in den Künstlern der Label noch so viel Potential steckt, dass man mit mehr als nur einem weiteren Artist-Album dieses Jahr rechnen kann. Zu unserem Glück. Doch zunächst gibt es von Lucy erst mal eine Mix-CD mit rein exklusiven Tracks, “Submerge”, die schon im Titel andeutet, dass Meerestief (ihre erste Compilation hieß “Wassermusik”) trotz ihres Namens gerne bekennen, dass es immer noch tiefer, deeper geht.
http://www.meerestief.com

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Elektronische Lebensaspekte.

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