Kabuki und Mainframe haben als Megashira mit ihrem Album "At Last" in feinchirurgischer Splattermanier Studiomusiker zerlegt und im Freiland zwischen Drum and Bass, Jazz und Raregroove wieder zusammengepuzzelt, those crazy german craftsmen.
Text: sascha kösch | bleed@de-bug.de aus De:Bug 52

Drum and Bass

Zerstückelung des Realen
Megashira

Wie aus Studiomusikern Megashira Sims wurden.

Drum and Bass in Deutschland ist sozusagen eine Religion gewesen. Jahrelang haben konspirative Zirkel verstreut aufs ganze Land in Schismen, Studios und Simulation investiert, um einen unmöglichen Vergleich hinzubekommen, den keiner wollte und der keiner sein sollte, schließlich wollte man eine eigene Identität von “deutschem” Drum and Bass und dennoch “so klingen wie”. Das gelobte Land? England. Unerreichbar trotz Buzz, Internet, usw. Die Szene, unter dem Druck ihrer globalen Bedeutungslosigkeit immer leicht angenervt zerstritten, aber mit einem, vielleicht unerreichbaren, Ziel. Das alles ist vorbei. X-Plorer & Dee Pulse stehen vor Releases auf Renegade, wie man munkelt, Kabuki & Savine sind längst Artists bei Reinforced, Greenman produziert mit Klute, Simon V bekommt Polar Remixe, Skunkrock ist gleich ganz nach London gezogen und releast Alpha Omega Tracks, und sogar Knowledge widmet dem Thema via LA Korrespondent Chris Muniz eine ganze Doppelseite. Der langersehnte Erfolg, der einfach kommen musste, wenn sich so viele Leute etwas ganz doll wünschen? Mitnichten. Eher eine Anhäufung von Ausnahmen, Zufällen und vor allem der endlich erreichte Status, dass England und die Zukunft egal sind. Lange Zeit galt Drum and Bass als “Sound Of The Future”, sein Vorzeige Klon des propagierten futuristischen Urbanismus: Goldie. Die Produktionsweisen aber, abgesehen von einigen Arten im Umgang mit einzelnen Sounds, blieben trotz Softwareexplosion drumherum vergleichsweise konventionell. Sampler, Cubase oder Logic. Der Futurismus, um den es ging, war der von Hollywood Produktionen, Sci-Fi mit Special Effects zu hauf. Doch zurück ins Land der Autorenfilmer. Die Schismen der internen Abgrenzung spuken höchstens noch in einer handvoll Köpfe herum, ohne dass es einen Zusammenhalt gäbe, die Studios werden, wie bei Megashira, die als erste einen richtigen Tempel aus Equipment aufgefahren hatten, immer weiter reduziert und schwirren irgendwo zwischen Laptop im Garten und Reststücken herum, die Simulation wurde zur Verschiebung oder findet nur noch gelegentlich statt, oder eben, wie auf dem schon im Titel abschließenden neuen Album von Megashira als Konzept.
Megashira, das sind mittlerweile noch Mainframe und Kabuki. Wahljapaner, begeisterte User jeder Technologie, ob Filesharing, Netzjams, Roboretro-Gadgets oder was immer kommen mag. “At Last”, ihr Album, funktioniert, denn es geht hier vor allem um eine Versuchsanordnung, um ein Spiel, um ein Erlernen von disparaten Techniken, funktioniert jedenfalls ungefähr so: Man nimmt eine Band, arbeitet mit ihr aus Ideen für Tracks Noten heraus, lässt sie diese auf konventionellen Instrumenten (Drums, Bass, diverse Orgeln, Percussion und Vibraphon) spielen, in einem Studio, in dem nahezu jegliche Technik analog ist und ein Computerbildschirm wirken würde wie eine Rolex im Gladiatorenfilm, nimmt die Spuren mit nach hause und bastelt bis zum Umfallen daran herum unter der Vorgabe, dass es hinterher dennoch so klingen sollte, als hätte es jemand eingespielt. Nebeneffekt: man hat eine Soundlibrary bis zum Umfallen mit Einzelsounds gefüllt, die man noch Jahre benutzen kann, man tüftelt sich in die Details der neusten Audiobearbeitungssoftware, man könnte danach eine Professur für Cut-Up Techniken annehmen, und man kennt sich auf einmal in der Logik der Differenzen zwischen digitalen und analogen Techniken und Spielweisen so gut aus, dass der Unterschied eigentlich nur noch eine Frage der Auflösung ist. Die Liste könnte man länger machen.
Megashira waren lange Zeit eins der wenigen Drum and Bass Live Projekte, die mit tatsächlich bühnentauglicher Instrumentierung so etwas wie dem Zwang der Performance, der auf jedem Genre elektronischer Musik seit Mitte der 90er lastet, eine einfache Antwort lieferten. Die Reaktionen waren wohl so unterschiedlich wie: “Look at those crazy german craftsmen” oder “Das ist die Zukunft von Jazz”. ‘Live’ sollte die Direktheit, von der die innere Bewegung und der Futurismus von Drum and Bass abhing, irgendwie auffangen. Drum and Bass ist und bleibt eine der Musikrichtungen, die vor allem auf Grund ihrer an allen Punkten der Infrastruktur herrschenden Direktheit sehr schnell funktioniert. Kurze Wege für Vertriebe und Kommunikation (schließlich ist die Insel, vor allem London, dann doch nicht so groß), massive Sounds (die Basslines in Drum and Bass sind in Tiefe und Physikalität nach wie vor unschlagbar), MCs auf den Partys, innermusikalische Geschlossenheit vom Soundtauschen über Genrebildung bis hin zum Ideenklau. Das in Deutschland nachzubilden war einfach nie drin. Die “Lebendigkeit” wollte sich so recht nie einstellen. Weshalb Megashira die Lebendigen als Konsequenz ihres Liveprojekts nun auseinandernehmen. In Feuilletonsprache hieße das vermutlich, sie haben den genetischen Code für Livespielen entdeckt. “Wir hatten mit verschiedenen Auflösungen für das Schneiden der Samples rumprobiert. 32tel, 64tel, aber das war alles nicht genug, gab merkwürdige Überschneidungen beim Zusammensetzen. Mit 192teln funktionierte es schließlich, und wir hatten hinterher beim einfachsten Track schon über 4000 Samples.”
Man muss nur tief genug in die Technik reinsehen, damit sie hinterher wieder aussieht wie “echt”, um zu zeigen, dass es um “echt” nicht mehr geht, sondern um den Versuch. Natürlich war die Versuchung groß, das Softwareequipment dann doch einzusetzen und so auszuloten, wie es manche der immer detroitiger werdenden Solo Tracks von Kabuki tun. Aber Konzepte brauchen Selbstbeherrschung. Im Fall von “At Last” natürlich auch Geld, denn weder zieht man sich Studiomusiker nebst Studio aus dem Internet, noch kann die Arbeit, die man in so ein Projekt reinsteckt, irgendwie durch die anvisierten Verkäufe des Produkts wieder richtig reinkommen. Vielleicht über Umwege. Aber schließlich sitzen die Engländer auch monatelang über Playstationspielen. Anders als bei einigen Hits ihres ersten Albums wird es wohl keiner der Tracks von “At Last” in die Drum and Bass Clubs schaffen. Vielleicht irgendwo zwischen Freestyle, Raregroove und Jazz. Aber dafür hat man ja mehrere Projekte, ein eigenes Label, dass auch wie so viele der deutschen Drum and Bass Label grade wieder aufersteht, und vor allem eine Landschaft, in der plötzlich alles wieder möglich geworden ist und die Zukunft der Experimente mit Beats und Sounds grade erst angefangen hat, weil man sich langsam von der Cubase/Sampler Vorherrschaft verabschiedet. Denn Sounds und Struktur sind immer nur dann aufbrechbar, wenn man ihre angestammten Plätze langsam vertauscht. “At Last” zeigt eine endlich aufgenommene Entspannung in Drum and Bass, die weit mehr verheißt als ein Remake von Planet Of The Apes, aber auch mehr als die digitale Breitseite von Final Phantasy. Es ist kein neues Subgenre, kein Ende von etwas, kein neuer Sound, sondern ein Anschneiden eines anderen Formats, eine Verheißung einer mit neuen Mitteln versuchten Zukunft, in der Direktheit nicht mehr “In Your Face” Soundmachismo sein muss und Komplexität nicht unbedingt komplex klingen braucht. Die hörbare Version 1.0 der Sims des Drum and Bass. Jetzt kommen die Extension Packs.

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Elektronische Lebensaspekte.