Chefideologe Sascha Kösch sagt, Techno kann keine große Ideologie mehr brauchen, Strukturen sind out und Fanzine-Journalismus angemessen. Ekkehard Ehlers macht Einwürfe und Mercedes Bunz hört Rock.
Text: Ecki, Merci, Bleed aus De:Bug 100


Was ist Musik?

In den letzten Jahren ist viel passiert. Wirklich. Wir überschlagen mal kurz ein paar Fakten, so rein auf die Schnelle und zur Orientierung: Musikrichtungen kamen und gingen von Sägezahntechno bis zu 2Step, Drogen änderten sich, aus illegalen Parties wurden Megaevents oder Clubs und schließlich kam Rock und war mit einem Male das hippe Ding. Wie steht es also um Techno, wie steht es um elektronische Musik, um jene Musik, die mal einer der Ausgangspunkte gewesen ist, diese Zeitung zu gründen? Die hundertste Ausgabe ist für uns ein Anlass, die Gegenwart zu sondieren und in die Zukunft zu schauen, denn Zukunft mochten wir schon immer gerne. Die Debug-Redaktion hat aus diesem Anlass Sascha Kösch in seiner Doppeleigenschaft als Debug-Mitbegründer mit den größten Ohren und Technoaktivisten der ersten Stunde zu einem Interview geschickt, unter Begleiterscheinung der Kartoffelsuppenverköstigung und gutem Wein. Und das kam dabei heraus. Interviewer: Ekkehard Ehlers, “März”-Musiker, Konzeptelektroniker mit Folk- und Klassikaffinität und immer an einer guten Grenzaufhebung interessiert..

EE: Erste Frage. Warum kommt einem Techno so uninteressant vor? Warum bewegt sich in dem Bereich nichts mehr? Man agiert derzeit ja im Sinne von ”Wenn sonst nichts klappt: Wiederholung wiederholen“.

SK: Ich scheitere schon am Wort ”Techno“. Ich glaube, das gibt es nicht mehr. Es gibt zumindest keinen Musiker mehr, der sich darauf noch beziehen kann.

EE: Zwischen Schranz und Sleeparchive siehst du keine Verbindung mehr?

SK: Schranz ist vorbei. Und was sich rings um Minimal versammelt hat, das Spektrum von Disco bis zum dezenten Knistern mit der Bassdrum, nein. Es gibt keine Verbindung mehr zu dem, was Techno mal war, nicht einmal zu Detroit, was ja Techno ist. Sleeparchive, das ist Sähkö, und Touane, das ist Minimal.

EE: Die Frage bleibt: Warum kommt einem andere Musik mittlerweile so viel interessanter vor?

SK: Kann man sich für eine Musikrichtung begeistern, bei der nicht klar ist, dass sie sich rasant entwickelt? Ich glaube, in Bezug auf Techno ist dies das eigentliche Problem. Die Produzenten schießen sich im Moment lieber auf einen kleinen Punkt ein, der direkt vor ihnen liegt. Die Gesamtrichtung dieser Musik ist nicht mehr so wichtig wie das Partikularinteresse. Das heißt: Ein Produzent geht in diese spezielle Art von Disco, ein anderer Produzent kümmert sich mehr um Sounddesign. Es gibt eine Fragmentierung der Musik und was bleibt, ist schwer zu definieren. Natürlich hängen die einzelnen Fragmente immer noch mit anderen zusammen, die gemeinsame Bandbreite ist nur eben nicht sehr groß.

EE: Du siehst also eine Art neuer Unübersichtlichkeit auf Grund der verschiedenen massiven Stilabweichungen innerhalb der gleichen Grundstruktur?

SK: Struktur ist vorbei.

EE: Gibt es einen Zusammenhang zwischen dieser Diversifikation und dem Rock-Revival?

Rock

SK: Das wäre eine einfache Erklärung. Zu viel Verwirrung und dann lieber an der Jeans festhalten.

EE: Vielleicht kann man es auch an der Musik festmachen: Wenn der PC so billig ist und man sowieso schon die ganze Zeit Counter Attack spielt, dann geht man lieber in die Garage, um Papas Gitarre zu entstauben?

SK: Vielleicht. Aber andererseits glaube ich, Rock ist sowieso ein isoliertes Phänomen. Folk ist mindestens dreimal so ”in“. Und nicht nur Folk, auch R’n’B oder HipHop. Man kann also abwägen. In Bezug auf Rock denke ich mir immer: Ja, das mag ja interessant sein, aber ich bin persönlich beim besten Willen nicht bereit, wieder damit anzufangen.

EE: Warum?

SK: Ich habe noch nicht eine Rockband gefunden, die mit Gitarren in irgendeiner Art und Weise etwas macht, was ich nicht bis zum Erbrechen schon gehört habe. Ich weiß also nicht, was mich daran interessieren sollte.

Die Küchentür geht auf. Mercedes Bunz tastet sich durch Zigarettenrauchschwaden vorwärts und balanciert an Laptops und Weingläsern vorbei, um einen Teller Kartoffelsuppe zu holen und sich kurz einzumischen.

MB: Vielleicht, Jungs, weil es um etwas anderes geht? Rock spielt einfach in einem anderen Genre. Hier geht es nicht um gedehnte Zeit, sondern um die Konzentration auf einen Moment. Und nur weil Rock Musik ist, die auf den Moment hin produziert wird, kann man sie nicht ablehnen.

SK: Stell eine Rockband zehn Stunden auf die Bühne und die Leute schlafen ein.

EE: Ich brauch nur zehn Minuten.

MB: Und ich gehe wieder, Maximo Park hören.

SK: Nimm mal Sven Väth. Vielleicht geht man auf eine Party noch wegen Sven Väth hin, aber es ist erstens eine körperlich andere Zeit – das sind nicht anderthalb Stunden, sondern zehn bis zwölf. Und in diesen Stunden wird das Verhältnis zu demjenigen, der da Musik macht, ein ganz schön anderes. Wenn du Glück hast, aber auch nur dann, wissen die Leute am Ende noch, dass das ein Abend mit Sven Väth war, aber es interessiert sie überhaupt nicht mehr.

EE: Keine Gnade?

SK: Broken Social Scene ist zurzeit vielleicht die einzige Rockband, die ich echt mag. Warum? Ich mag sie nicht nur, weil sie alle aussehen wie aus Magnum, sondern weil es so viele Leute sind. Es ist dadurch ein Soundbrei, in dem sehr viel zusammenkommt. Die The-Bands sind das Gegenteil davon.

EE: Strukturkonservativ?

SK: Ja, denn der schlimmste Horror in den 80ern und zu Punkzeiten war mit Sicherheit die Vorstellung, auf der Bühne zehn Leute zu haben. Das ist dann so ”Progressive” – im Gegensatz zu progressiv. Das klingt so wie ”Progressive Trance“. So übervoll. Konzeptrock.

EE: Vom Laptop-Geek in die Überkomplexität und das Dazwischen möchte man nicht?

SK: Genau. Abgesehen von der Gitarre, die ja bei Broken Social Scene auch nicht neu klingt. Broken Social Scene hatten übrigens Stress mit ihrem neuen Album, weil die Instrumente auf jedem Track anders klingen. Das Schlagzeug zum Beispiel, viele Leute fanden das merkwürdig. Auch ein Grund, warum man Rock wirklich hassen muss. Für mich ist der unterschiedliche Klang dagegen die Rettung. Wenn ich den gleichen Schlagzeugsound 60 Minuten lang anhören muss, dann drehe ich durch. Da weiß ich nicht mehr, was die von mir wollen.

EE: So wie du jetzt redest, muss es also nach dem so genannten Techno einen Unterschied geben. Was hat sich musikhistorisch geändert? In den letzten zehn Jahren ist ja anscheinend sehr viel passiert.

Fortschritt

SK: Das stimmt, alleine in den letzten fünf Jahren ist soundmäßig schon wahnsinnig viel passiert. Wenn ich mir das Minimal Highlight aus dieser Zeit anhöre und es mit einer aktuellen Platte vergleiche, da falle ich um. Die ältere Musik klingt im Vergleich zu jetzt sehr eindimensional. Zugleich ist dieser Fortschritt, den man hört, heute sicher nicht mehr so einfach festzustellen. Früher ist er jedem aufgefallen, denn den Unterschied zwischen einem 8-Bit-Sampler und einem 16-Bit-Sampler, den merkt man sofort. Jetzt sind diese Unterschiede feinteiliger und in der Musik eingebettet.

EE: Die Entwicklung des Sounddesigns betrifft ja fast jede Musik.

SK: Würde man erst mal so sagen, aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass das leider nicht so ist.

EE: Muss man nicht gerade bei Musik von Software als etwas Politischem reden?

SK: Ja, ein Programm wie ”Live“ ist Politik. Das fällt den Leuten im Club auch auf. Die denken sich: ”Ach, schon wieder.“ Oder genauer, die Älteren denken: ”Waren das noch schöne Zeiten, als die Leute noch an der 303 gedreht haben!“ Und die Jüngeren denken sich: ”Was legt denn der da für Platten auf?“

EE: Also ein Softwareentwicklungsproblem? Geht es auch weiter darum, noch autarker zu werden? Denn das war ja immer ein Moment von Techno. Autarkie: die Demokratisierung der Produktionsmittel, weg vom bezahlten Studio und hin zur Selbstorganisation, zur Partizipation.

SK: In anderen Bereichen geht die Entwicklung immer noch in diese Richtung. Die Netzlabelszene verabschiedet sich beispielsweise von Vertrieben, vom Plattenladen, vom Geld. Sie haben das gesamte kulturelle Kapital ins Netz verlagert. Da ist nichts mehr, was mal klassisch Musikindustrie war.

Das Ende von Vinyl

EE: Gut, das ist sicher stärker als Technomaxis pressen, die einem Kackvertrieb in die Hand drücken und am Ende Miese machen und dann Pleite.

SK: Was schon stark genug war im Vergleich zu: Du musst erst mal zu einem Major laufen und der muss deine Platte machen. Bei Netzlabeln geht das eben noch weiter. Die kennen sich mit neuen Technologien aus, entwickeln viel selber und kaufen also kaum ein Programm. Sie legen digital auf, fahren einen Konfrontationskurs mit der GEMA bzw. dem Urheberrecht generell und lizenzieren fast alle unter Creative Commons. Das ist für die wichtig, sie wollen, dass man Sachen tauschen darf. Sie wollen also ihre Rechte selbst beanspruchen und das ist Urheberrechtspolitik.

EE: Und es ist nicht nur dadurch zugänglicher. Wenn z.B. ”Thinner“ Netlabel des Jahres in der Debug wird, kann man auf deren Seite gehen und sich alles anhören. Das ist etwas völlig anderes, als wenn ein neugieriger Werbegrafiker, der natürlich wenig Ahnung hat, zu Hardwax laufen müsste.

SK: Einige Label haben tatsächlich mehr Hörer, als ein Technolabel jemals bekommen wird. Vinyl könnte wirklich langsam zum Auslaufmodell werden, viel mehr Platz habe ich auch in meiner Wohnung nicht mehr.

EE: Was ändert sich damit für die Musik?

Mehr Unübersichtlichkeit, weniger Hegemonie

SK: Viel. Als ich ganz klein war, da wurden irgendwann diese Magnettonbänder durch Kassetten ersetzt. Es gab plötzlich kleine Kassettenrecorder, mit denen ich auf eine Taste drücken und Radio aufnehmen konnte. Schnitt nach vorn: Wer sich heutzutage einen iPod kauft, was ja nun echt nicht selten ist, der macht sich das Ding mit so viel Musik voll, wie er noch nie in seinem ganzen Leben gekauft hat. Natürlich haben die einen größeren Überblick, als Generationen vor ihnen jemals haben konnten. Das finden im Moment zwar einige Leute scheiße, vor allem die, die in den 80ern mal geglaubt hatten, sie hätten den Diskurs total in der Tasche. Und jetzt müssen sie feststellen: Scheiße, es gibt eine neue Unübersichtlichkeit und ich kann nicht mehr hegemonial sprechen. Alle anderen, die sich den iPod voll laden, haben sich daran gewöhnt, immer nur in Ausschnitten sprechen zu können und zur Not dem anderen den Track einfach vorzuspielen.

EE: Ich möchte an dieser Stelle noch einmal auf Musik und Identitätspolitik hinaus. Denn mit Techno hat sich ein Identitätsentwurf entwickelt, den ich für eine große Errungenschaft halte. Auf der einen Seite gibt es jetzt feinere Unterscheidungen als je zuvor, etwa zwischen Minimal ABCDE. Auf der anderen Seite konnte man sich bei Techno sehr frei entwickeln, ohne zu sagen: Ich bin Fan von XY. Das macht es doch einfach, Geschmack zu entwickeln. Es ist egal, was andere sich rauspicken, denn auch wenn man unterschiedliche Sachen hört, ist man trotzdem miteinander bekannt und findet sich gut. Gleiches Prinzip, andere Verfeinerung. Und dadurch auch eine Verfeinerung von Welt und Kunstwahrnehmung. Das hat Techno geschafft. Das hat es in Rock selten gegeben.

SK: Ja, einerseits gibt es diese Feinheit, genau sein zu können. Und dann gibt es noch den Dancefloor. Wenn man auflegt, ist das für einen ein Korrektiv. Man kommt nie in die Gefahr, hinterher dazusitzen und sich die generative Grammatik der Doppelprozessorgranularsynthesen-Zwölftonmusik selbst aufzuschreiben. Man lässt die Leute nie draußen.

EE: Das Argument, dass jemand keine gute Musik findet, kann man deshalb für abwegig halten. Können wir uns darauf einigen, dass Musik heute mehr vermittelt ist als jemals zuvor?

SK: Ja, wenn einem heute irgendwas prinzipiell entgeht, muss man sich blöd wie ein Schaf anstellen.

EE: Das stimmt. Man muss sie zwar mitnehmen, denn man soll nett sein zu Schafen, das sind nette Tiere, aber man kann den Schafen nicht sagen: Seid keine Schafe. Manchmal habe ich allerdings das Gefühl, die Debug wäre nicht eine Zeitschrift über Musik, sondern über die Freunde der Debug.

SK: Ja, das ist wahr. Nächste Frage.

Musikjournalismus

EE: Kann man Debug als Fanzine bezeichnen?

SK: Am Anfang hat man uns vor allem als Fanzine wahrgenommen. Tatsächlich sind wir damals aber viel weniger ein Fanzine gewesen als heute. Heutzutage nehmen uns dagegen viel mehr Leute als Musikzeitung wahr, aber wir sind im Musikteil viel mehr ein Fanzine als damals. Beispielsweise suchen die Musikartikel viel weniger Anschluss an außermusikalische Dinge.

EE: Fast autistisch.

SK: Autistischer, aber gleichzeitig auch viel verständlicher. Autistisch in dem Sinne, in dem jeder heutzutage autistisch sein muss: seinen Weg gehen, keine große Linie sehen, große Koalition, alles prima. Früher dagegen wurden auch in Musikartikeln große Fragen aufgeworfen.

EE: Interessiert man sich also für die Weiterentwicklung von Musik oder möchte man nur noch machen, was der Dancefloor erwartet?

SK: Dem Dancefloor ist das scheißegal. Der kümmert sich um so was doch nur peripher und auch nur in ausgesuchten Hipsterclubs. Ich meine, finde mal einen Club, in dem jemand Detroit auflegt. Da musst du schon vorher fünfmal vom Auto überfahren worden sein, bevor dir das passiert. Und das ist für mich Fanzine. Gut, die Leute wollen sich jetzt für historische Betrachtungen auch mal die Zeit nehmen. Kann man verstehen, finde ich aber trotzdem konservativ.

EE: Ich möchte noch einmal zurück zur Musik, denn ehrlich gesagt: Früher war die Debug immer supra-informiert, jetzt hat man oft das Gefühl, alles schon zu kennen. Über großartige Platten wie Nôze erfährt man eher aus dem Accelerator oder GroovesMag oder The Wire. Ist Debug zu monothematisch?

SK: Na, kommen wir doch mal zum Grundproblem Nummer eins. Ich bin der Meinung, dass Debug von Anfang an keinen Musikjournalismus machen wollte und dass sie jetzt eher zuviel davon hat als zu wenig. Der Musikjournalismus sollte eigentlich auf Teufel komm raus ausgetrieben werden.

EE: Warum gab es bei Debug von Anfang an die Verbindung von Musik und technologischen Entwicklungen? Auch damals waren ja schon neben dem Computer Gadgets, Spiele, Netzkunst, etc. mit dabei.

Mercedes Bunz (steckt den Kopf zur Tür rein): Weil wir Marxisten sind!

SK: Wir denken tatsächlich ausgehend von den Produktionsmitteln. Anstelle unseres Wappentiers, dem Drachen, hätte auf unserer Zeitung eigentlich das lächelnde Macsymbol sein sollen, das man beim Hochstarten sehen kann. Das hätte besser zusammengefasst, worum sich diese Zeitung dreht: Es dreht sich alles um Computer. Die Schnittstelle, von der alles ausgeht, ist der Rechner, mit dem man alles machen kann. Das ist unser Thema, das ist unsere Ausgangsbasis, das ist unser Arbeitsmaterial. Es gilt immer noch: Niemand auf der ganzen Welt überschätzt das genug, was Computer und Maschinen alles tun, leisten und verändern werden.

EE: Das gilt also nach wie vor. Beruhigend. Danke für das Gespräch.

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Elektronische Lebensaspekte.