Zwei Neue Alben, zwei neue Facetten aus dem Dubstep-Empire
Text: Bianca Heuser aus De:Bug 154

Foto: Thomas Cooksey

Hier wird am nächsten Dubstep-Feuerwerk gezündelt: SBTRKT und Zombie überraschen mit zwei Alben ganz unterschiedlicher Machart. Der eine stellt sich in den Schatten der Klassiker und lässt Bleeps flattern, der andere liefert lupenreinen Pop mit Synth-Zuckerguss.

Zomby und SBTRKT demonstrieren mit ihren neuen Releases zwei Spielarten von Dubstep, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Zomby arbeitet auf seinem zweiten Album Dedication mit regelrecht klassischen Einflüssen: “Basquiat” beispielsweise, eines der letzten Stücke seines “Where Were U In 92?”-Nachfolgers, ist ein reines Klavierstück. Ohne Beat, Bass oder Bleeps. Viele überraschend kurze Tracks, einige Stücke reißen am Ende abrupt ab und dazu Melodien, die ebenso gut bei Erik Satie vorkommen könnten. In “Jimmy Best” beispielsweise, das in seiner Kürze eher wie ein Interlude als ein voller Track wirkt, werden die zentralen Streicher lediglich von ein bisschen Hall und tiefen Synthesizer-Klängen, die ein wenig an ein vorbeirasendes Auto erinnern, begleitet. Trotz dieses Klassizismus ist es unwahrscheinlich, Zomby künftig mit Monokel und Melone zu begegnen: Die frühen 90er und deren musikalische Radikalität, auf die sein Debüt sowohl in der Namensgebung als auch seinem Sound anspielte, sind auf Dedication immer noch deutlich zu hören. Da ist das bleepige Geflatter, von irgendwo weit unten kommt immer noch der Bass, ab und zu ertönt eine Sirene und den Beat zu knacken, versucht man immer noch vergebens. Aber er gibt Dubstep, dem Genre des beständigen Wandels, wieder einmal eine neue Wendung: Das ist kein Skins-Soundtrack, sondern etwas für einen düsteren Spielfilm über Nikola Tesla oder Bas Jan Ader. Ein verkannter Wissenschaftler, ein verschwundener Künstler – das sind die Gestalten, denen Zombys zweites Release in Albumlänge gewidmet zu sein scheint.

Rummelplatz-Dubstep
SBTRKT hält den Ball auf dieser Ebene bedeutend flacher. Im Gegensatz zu Dedication wimmelt es auf seinem Debüt nur so vor Vocals, die vorrangig von Sampha, einem Freund aus Schulzeiten, stammen und sehr R&B-lastig daherkommen. “Hold On”, der großartige zweite Track des Albums, weiß aber gerade mit seiner Bodenständigkeit und dem Bekenntnis zum Pop zu überzeugen. Das melancholische, aber freundliche Hintergrundklingeln vermag es, Ohren und Hirn von allem frei zu spülen, was die Stimmung trüben könnte. Passend also auch, dass SBTRKT gegen Ende des Albums mit “Pharaos” und dem Gesang von Roses Gabor endgültig das Dubstep-Handbuch über Bord schmeißt: Das ist lupenreiner Pop mit Synth-Schmetterlingen im Bauch und mehr als nur dem Potential zu einem – tscha – Sommerhit. Vor Überzuckerung muss man sich dank cleverer Arrangements dennoch nicht fürchten. Und wem bei so viel guter Laune doch schlecht wird, bekommt zum Ausgleich Tracks wie “Wildfire” geboten, der durch schrägere Vocals und “klassischere” Instrumentalisierung dieses Genre-Hybrid glänzt. Ein bisschen geht es auf dem schlicht SBTRKT betitelten Album wie auf dem Rummelplatz zu. Da blinkt und dreht sich alles, große Liebesdramen finden statt, es gibt Zuckerwatte und kein zu viel, wenn man kurz mal die Augen zumacht.

Foto: Kate Garner


Unbekannt verzogen

Was dieser Rummelplatz und Zombys nasskaltes Klanglabor gemeinsam haben, ist jedoch die Attitüde, mit der die Musik der Öffentlichkeit entgegentreibt. Beide bevorzugen es anonym zu bleiben, stehen ganz im Zeichen von Dubstep gar nicht so auf Reden und treten nie ohne Masken auf die Bühne. Letztere sind in SBTRKTs Fall stets in traditionell afrikanischem Design gehalten (schließlich sei dies eine tanzende Kultur, wie er betont), können über Zombys Kopf gestülpt aber etliche Formen annehmen: Ein Dreieck mit Auge, ein Bösewicht mit Spitzbart, selbiger bunt angeschmiert, ganz nach Belieben. Und wer sein Gesicht nicht zeigen mag, dem ist auch sein Alter nicht aus dem Kreuz zu leiern. SBTRKT lässt sich immerhin noch in London lokalisieren – Zombys aktuellen Aufenthaltsort kennen nicht mehr als seine Konzertbesucher. Und selbst die tappen im Dunkeln, wenn er sich, wie vor Kurzem bei Animal Collectives All Tomorrow’s Parties Festival, einfach mal nicht blicken lässt. SBTRKT, dem eigentlich die “Subtraktion” seiner Person von seiner Musik schon im Namen inbegriffen ist, verhält sich etwas berechenbarer; lädt sich für seine Live-Shows die Sänger ein und lernt sogar wieder Schlagzeug spielen. “Um mehr Dynamik reinzubringen”, wie er sagt. Auch deshalb wirkt sein Sound um etliches organischer als Zombys Schlaflieder für Androiden.

I’ve seen things…
Zombys düsterer, moderner Klang darf sich wenig überraschend in der Modewelt einiger Anerkennung erfreuen: Seine Tracks liefen auf etlichen Modeschauen und auch Lady Gaga outete sich auf ihrer Monster Ball Tour als Fan. Ein Interlude, in dem zunächst eine Asiatin Türkises auf ihr Kleid spie und sich danach widerstandslos zu einer Vogelscheuche zusammenschnüren ließ, wurde wummernd von “Tears In The Rain” begleitet. Wie der Titel vermuten lässt, wird hier der sattsam bekannte Monolog des Replikanten aus “Blade Runner” bemüht, während sich Gagas “Little Monsters” durch den knietiefen Bühnennebel ihren Weg ins Dunkel und die Sicherheit hinter der Bühne bahnen. Währenddessen antwortet SBTRKT auf die Frage nach seinem derzeitigen Lieblingsfilm ohne groß zu zögen mit “The Life Aquatic”. Wes Andersons bizarre Komik, Bill Murray und ein Soundtrack voller Seu-Jorge-Coverversionen diverser David-Bowie-Songs tun sich zu einer heißen Schokolade von einem Film zusammen und dienen, ähnlich wie der Sound des Londoners, großartig zu leichten Formen der Rehabilitierung. Die Kombination beider Alben hat dann im Prinzip alles im Gepäck, was man sich von Dubstep erwarten darf: Ein bisschen Brutalität, ein bisschen Pop, überraschende Rhythmen und das Wissen darum, wann es besser ist, die Klappe zu halten.

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