Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 19

Melodie 2000 Kein Revival, keine Rückkehr. Nur ein Umzug ins Wohnzimmer Thaddeus Herrmann thaddi@de-bug.de Natürlich hat es nichts mit dem heranrückenden Jahrtausendwechsel zu tun. Es hätte genauso bereits vor fünf Jahren geschehen können, nur waren wir da noch nicht so weit. Wir blicken auf die Entwicklung der elektronischen Tanzmusik zurück und wissen: Strömungen brauchen Zeit, um zu entstehen, verfeinert, übertrieben und vergessen zu werden. Dann läßt sich der Mensch nicht länger von den kurzlebigen Verführungskünsten der Maschinen in die Irre führen, gehorcht nicht länger dem Diktat der Dummköpfe im Nachbarstudio, sondern holt den Schraubenzieher und läßt gewisse Lötstellen auf dem Motherboard gnadenlos erkalten, gießt sich einen hinter die Lampe und erzählt seinem Kopf, was er früher so alles gemacht hat. Ravesignale sind keine Melodien Natürlich ist unser Musikerfreund dann sehr schnell ganz früher angekommen und summt. Melodien für Millionen. Das Lieblingslied seiner Sandkastenfreundin, die Titelmelodie der Hörspielcassetten, die er immer nachts im Bett gehört hat, eine verkorkste Hommage an die Eurovisionshymne. Erinnerungen an eine Zeit, die aus der zurückblickenden Perspektive in den schönsten Gummibärchenfarben schimmert. Auch möchte ich nicht behaupten, daß Musiker, die wieder verstärkt auf Melodien setzen, sich damit an ihre Sandkastenbekanntschaften erinnern wollen. Es ist nur eine mögliche, natürlich zum Scheitern verurteilter, Erklärung, warum uns wieder vermehrt Melodien durch die Ohren kriechen. Ein quantitativer Sprung bei Erzeugern und Erzeugnissen. Alles Quatsch! werden da einige behaupten, Melodien waren nie weg. Stimmt. Habe ich auch nicht behauptet. Nur ist ein über 248 Takte stehender C-Moll Dreiklang noch keine Melodie, genau wie Deng-De-Deng-De-Deng-De-Deng noch kein Techno ist. Ein Hinweis, für den ich Eddie FlashinÔ Fowlkes noch heute sehr dankbar bin. Mit anderen Worten: Die Minimaleskapaden und -experimente machten Melodien fast obsolet, verbannten sie in die Abstellkammer. Hip war knarztrocken, hipper waren Breakfrickeleien auf Makroebene. Nicht unsoulig das, aber von greifbar nahem Verfallsdatum, jedenfalls was die Glücksgefühle engagierter Plattenfreunde angeht. Eine Sinnkrise jagt jetzt die nächste. Die Gewinner sind die, die nicht hinhören und das tun, was sich sonst niemand traut. Etwas Warmes braucht der Mensch Wunder von Karaoke Kalk ist der Konsens des Jahres. Musik für den Waschsalon, die Kuschelecke, die Tanzfläche genauso wie für das konzentrierte Hinhören. Doch ob nun Wunder auf dem Cover steht oder Turner drin ist, die Boards Of Canada gemixt haben oder der Aphex Twin mal wieder den Kindern beim Buddeln zugeschaut hat, ist eigentlich völlig egal. Melodien sind wieder in aller Ohren. Sie sind die bestimmenden Elemente der Stücke, die das blanke Track-Sein lange hinter sich gelassen haben und keine Momentaufnahmen verschwitzter Clubnächte mehr sind. Es geht um Geschichten, Erinnerungen, Grübeleien, verquaste Theorien mit Mut zur Offensichtlichkeit. Hier wird einem keine gramgebeugte Konzeptkunst zugemutet. Die Platten sind eine musikalische Unterschriftenliste für das, was sich jeder persönlich am meisten wünscht. Hört man zu, unterschreibt man, taucht ein und unter für die kurze Zeit eines Albums. Der Rückzug hat längst begonnen. Und er geht weiter. Aus großen Clubs in kleinere. Von da in die Bars und weiter in die Hörlounge, aus der Hörlounge ins Private. Die Discokugel hat man mitgenommen. Die Rückkehr ins Wohnzimmer ist vollbracht. Die Zukunft ist vorbei Vielleicht ist das ja eine Erklärung. Die nahe Jahrtausendwende läutet nicht etwa die vielbeschworene technische Revolution oder den elektronischen Wohlfahrtsstaat ein, den es sich lohnen würde mit einer wie auch immer gearteten Robotermusik zu begleiten. 2000 ist nur ein weiteres gottverdammtes Jahr mit Gewittern, Schokoeiern und abgestürzten Flugzeugen. Die Zukunft ist ein alter Hut. Das Interesse gilt nicht mehr den Ufos. Die sind eh Realität. Wichtiger ist sind die Geschichten, die die Crew zu erzählen hat. In dem Moment, wo die Technik Alltag wird, ist jede Auseinandersetzung mit ihr zweitrangig und kann getrost auf morgen verschoben werden. Daß die Maschinen Soul haben, wissen alle. Ab sofort hat alles seine Berechtigung, erlaubt ist, was gefällt, Persönlichkeit spielt eine ebenso große Rolle wie Geschichte und Geschichten, die wieder erzählt werden können. Pop als ein sachter Schulterklopfer steht wieder neben einem, ist plötzlich nicht mehr klebrig, sondern irgendwie irre gut in Form und summt uns ins Gesicht. Und wenn Mr. Pop summt, dann freut man sich, weil man für einen kurzen Moment die Welt so begreift, wie sie nie war. ZITAT: 1999: Pop als ein sachter Schulterklopfer steht wieder neben einem.

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Elektronische Lebensaspekte.