Miss Kittin legt in einem Münchener Wohnzimmer auf. Menschen hören über's Internet zu. Unter www.roemerstr31.com kann man sich Sonntag abends in die Party einloggen, ohne seine Hauspantinen ausziehen zu müssen.
Text: Konrad Lischka aus De:Bug 43

Melodien dank Wohnen

Passt ein DJ ins Wohnzimmer? Funktioniert Plattenauflegen zwischen gelben Quietscheentchen, Grünen-Wahlplakaten, Farbfernseher, Erniepuppe und tiefen, weichen Ledersesseln aus einem vergangenen Zeitalter der Gemütlichkeit? Im Wohnzimmer von Dani und Claus Wahlers (www.wahlers.de) schon. Da stehen auf einem Schwabinger Wohnhausparkettboden Bierflaschen, Redbulldosen, englische Videos – und ein DJ-Pult. Hell war hier, DJ Splank von Zombie Nation, Miss Kittin auch. Die sollten es doch nicht nötig haben, in einem Wohnzimmer aufzutreten, wo gerade mal zehn Leute reinpassen. Denkt man. Aber seit April machen sie das jeden Sonntag Abend für drei oder vier Stunden. Vielleicht liegt es daran, dass zwischen Ernie und Plattenspieler zwei Rechner mit Standleitung ins Internet stehen und die Sessions live übertragen. Vielleicht an den bis zu 28 Leuten, die Sonntags aus Brasilien, Jugoslawien oder sonst wo live dabei sind. Allein durch Mund-zu-Mund-Propaganda schauen sich jetzt täglich etwa 1000 Leute die archivierten Wohnzimmer-Streams an (www.roemerstr31.com). Das ganze funktioniert gleichzeitig in Wohnzimmer und Netz – der Manifestation zweier Ebenen, die ursprünglich im Club zusammengehörten. Da ist zum einen die party family: DJ und Tanzende schaffen zusammen Musik, Stimmung, den Abend. Das Wohnzimmer samt Ledersesseln zum Versinken ist die Potenzierung dieses Gefühls, als Gemeinschaft zu produzieren. Und wenn 20 Leute bei Apfelsaftschorle zusammenhocken, sind diese Produktionsbedingungen nun mal freier, als wenn es einen Club zu rocken gilt. “Die Leute können hier spielen, was sie wollen”, sagt Claus. Und wenn es auch einmal ein halber Abend 70er Jahre Disco ist. Nicht zufällig kommt der 32jährige aus der Undergroundszene und organisiert schon mal Parties außerhalb des herkömmlichen Clubsystems. Romantiker können roemerstr31.com als Rebellion einer Pop gewordenen Subkultur sehen.
Die andere Ebene – das Streaming ins Netz – löst ein anderes Problem, das mit Pop kam. Verkaufen sich Platten erst mal in den Charts hoch, wird der DJ schnell zum Künstler, Autor, Star der alten Schule. Auch wenn er im Club am Pult thront – er ist in der Dunkelheit unsichtbar. Die Tanzenden sind mit sich und der Musik allein. Niemand schaut gebannt zum Plattenteller hinauf, der DJ ist Schnittstelle zwischen den Reaktionen der Masse und einem Haufen Musik, die er mit dem Club zu etwas Neuem mischt. Popstars sind keine Schnittstellen, sondern Stars. Bei roemerstr31.com gibt es folgerichtig auch keine Videostreams. Wer da auflegt, bleibt weitgehend unsichtbar, allein die Musik geht mit 32 oder gar 128 Kilobits in der Sekunde ins Netz. Die legt man sich dann vom Rechner auf Boxen und fängt an zu tanzen.
Der Star ist zwar unsichtbar, als Schnittstelle wie im Club funktioniert er so aber nicht. Klar kann man chatten, aber es fehlt die Gemeinschaft, die dafür im Wohnzimmer umso größer ist. Aber warum sollte das Konzept nicht dennoch funktionieren? Sonntags ist in Clubs eh nichts los, und dass romantische Dinge wie Subkultur auch übers Netz funktionieren, haben die Wahlers schon vor roemerstr31.com bewiesen: Dani kommt aus Brasilien, Claus aus München. Seit zwei Jahren sind sie verheiratet, kennen gelernt haben sie sich im Netz – eigentlich wollten sie Party-Flyer tauschen.

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Elektronische Lebensaspekte.