In Hamburg vermischen sich die Szenen und die Musiker zwischen Soli-Techno und Style-Punk wie sonst nirgends. Immer vornweg in Jesuslatschen und wehendem Schwangerschaftskittel (zumindest auf der Goldies-Gala) Mense Reents, Tänzer auf vielen Tänzen. Jetzt macht er "Aus freien Stücken" den Eintänzer.
Text: Sami Khatib aus De:Bug 69

Philip Glass für Prolls
Mense Reents geht auch solo

Berlin, SO36, “Die Goldenen Zitronen” laden zur glamourösen Geburtstagsgala für das nun 18-jährige Flaggschiff des Politpunks. Mit von der Partie Mense Reents, seit einiger Zeit Bassist und Keyboarder bei den Goldies. Der in Hamburg fast überall mitmischende Mense hat neben seinen Hauptaktivitäten bei Egoexpress, Stella und den Goldies zur Zeit noch ein neues Projekt am Start: die Solokarriere. Anlässlich seines diesen Monat erscheinenden Albums “Aus freien Stücken” (Ladomat 2000) stand er DEBUG zwischen Soundcheck und Abendgarderobenwechsel Rede und Antwort.

DEBUG:
Als ich neulich während einer Autofahrt dein Album “Aus freien Stücken” flüchtig durchhörte, freute ich mich schon, endlich mal einen exzellenten Radiosender gefunden zu haben, sogar ohne Werbung. Die Stücke klangen alle recht unterschiedlich.

MENSE:
Eigentlich wollte ich ja mal eine Platte machen, bei der alle Stücke einen Sound oder eine “Seele” haben. Aber am Ende der Produktion habe ich gedacht, “Scheiße, das hat ja wieder nicht funktioniert.“ Vom Sound her ist das Album sehr analog gehalten, ich habe also nicht so viele präzise reine Sounds benutzt. Das war anfangs auch die Linie, die ich rein soundästhetisch verfolgt habe. Anscheinend sind die Stücke trotzdem sehr unterschiedlich geworden.

DEBUG:
Nun ist es ein im besten Sinne ein Hamburger Indie-Album mit Rock- bis Elektronik-Einflüssen geworden?

MENSE:
Für mich gehören diese beiden Einflüsse zusammen. Mit den Stimmungen wollte ich weiter gehen als beispielsweise bei Egoexpress. Ich habe ursprünglich mit kleineren, eher unambitionierten Liedchen wie “Dacia” (das 2000 auf Hamburg 1/Dial erschienen ist) angefangen, ohne mir groß Gedanken zu machen, was ich eigentlich genau will.

DEBUG:
Warum hast du erst jetzt ein erstes Solo-Album produziert?

MENSE:
Für mich war einfach erst jetzt der Zeitpunkt. Ich bin nicht so einer, der jedes Jahr ein Egoexpress- oder Stella-Album machen kann. Außerdem hat es sich zeitlich so ergeben, da Jimi (von Egoexpress) etwas anderes zu tun hatte. Es gab immer einige Sachen, die ich mal machen wollte. So ist das Album recht eigenwillig geworden, ein Mense Reents-Album eben. Ich glaube, ich werde noch mehrere machen.

DEBUG:
Also doch die Solokarriere?

MENSE:
Mich haben einige gefragt, was denn meine Ambitionen sind, ein Solo-Album zu machen. Ich bin halt Musiker, da ist es für mich das Normalste der Welt, einfach Platten zu machen. Meine anderen Projekte laufen aber weiter. Mit Stella haben wir schon die Hälfte des neuen Albums aufgenommen. Mit Egoexpress sind wir schon eher in der heißen Phase der Produktion, obwohl es mir mittlerweise schwieriger fällt, von meinem Album, das letzten Oktober fertig wurde, wieder zu Egoexpress und diesem Club-Ding umzuschalten, das einem nicht so viel Spielraum lässt.

DEBUG:
Gibt der Titel deines Albums, “Aus freien Stücken” bereits die Marschroute vor? Der umtriebige Troublemaker Mense gibt Einblick in seinen vielschichtigen Musik-Kosmos?

MENSE:
Vielschichtig ist das Album zwar schon, aber nicht so vielschichtig, wie viele meinen. Das hat mit den verschiedenen Hörgewohnheiten zu tun. Z.B. Leute, die wie ich viel elektronische Musik hören, empfinden, dass etwas, das über 130 oder unter 100 bpm geht oder gar Gesang mit dabei hat, etwas vollkommen anderes ist. Geht man stattdessen von einer ganz stumpfen Rocktradition aus, ist es völlig normal, dass es auch mal eine Ballade oder die “Abgehnummer” gibt. Dadurch, dass ich immer in Bands gespielt habe und mit Egoexpress erst Anfang bis Mitte der 90er zu elektronischer Musik gekommen bin, habe ich vor allem Indie-Einflüsse.

DEBUG:
Aber musikalisch bezeichnest du dich als “Philip Glass für Prolls”?

MENSE:
Da ich die Musik von Philip Glass erst vor zwei Jahren für mich so richtig entdeckt habe und nur einiges sehr an ihm schätze, hatte ich keine Lust auf die ”Ja, der Mense, der verarbeitet jetzt auch seine Philip Glass- und Steve Reich-Einflüsse“-Masche. Deshalb nur für Prolls. Es gibt zu einfach viele Leute, die sich mit dieser Art von Minimalismus schmücken oder damit angeben wollen. Ich schätze an Glass vor allem die urbane Hibbeligkeit seiner frühen Alben (North Star, 1977), die mich an Jeff Mills erinnert haben, nur viel pathetischer und harmonischer. So etwas wollte ich schon immer mal machen.

RavePolitik in der Hansestadt

DEBUG:
Du spielst ja bei den Zitronen genauso wie bei Stella und hast ein Stück auf der Dial/Hamburg 1 gemacht. Sprich du bewegst dich musikalisch in einem originär linken Kontext. Die vermeintliche Inhaltsleere elektronischer Musik wird oftmals als Argument eingeführt, warum elektronische Musik nicht politisch sein kann.

MENSE:
Die Inhaltsleere elektronischer Musik finde ich erstmal ganz geil, weil sie dadurch so frei ist. Man kann erstmal mit ihr machen, was man will. Es kommt vor allem auf den Kontext an, in dem man etwas mit ihr machen will. Wenn in der Roten Flora in Hamburg ein Dial-Abend ist, ist das schon richtig und irgendwie politisch.

DEBUG:
Dass solche Polit-Raves dort möglich sind, liegt vermutlich an Hamburg und der linken Tradition seiner Musikszene?

MENSE:
Ja, in Hamburg wissen die Leute einfach, wenn sie Musik machen, dass sie sich in einer bestimmten Traditionslinie politischer Musik befinden. Deshalb kann sich auch jemand, der elektronische Musik macht, auf Inhalte beziehen, die sonst mit einem Rockumfeld verbunden wurden. Es gab nie das Gefühl, die neue Generation zu sein, die jetzt alles anders macht, es gab einfach zu viel vorher. Was bei Dial zum Beispiel interessant ist, ist die Tatsache, dass es ein explizit politisches Techno-Label ist. Es steht nicht in einer bestimmten Traditionslinie von Polit-Musik. Pete und Dave von Dial sagen aber einfach oder – besser – tun so, als wenn es das schon immer gegeben hätte, dass elektronische Musik politisch ist. Das Viva-Video (Politkrawalle mit linken Parolen im Lauftext) von Dave (aka Carsten Jost) kommt ästhetisch so fest rüber, als sei es das Selbstverständlichste der Welt inhaltslose elektronische Musik mit politischen Inhalten zu verknüpfen, auch wenn mir einige Dial-Sachen zu sehr auf diese radical chic-Linie setzen.

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Elektronische Lebensaspekte.