Wenn man in einem Kanton mit 70.000 Menschen und 80.000 Kühen ein Technolabel zum Bergezerknirschen aufbauen will, hat man mit ganz eigenen Problemen zu kämpfen. Den Kühen zum Beispiel. "Mercurochrome"-Chef Ferlin singt uns den Alm-Senner-Brighton-Soundclash.
Text: Pat Kalt aus De:Bug 62

Da wummert die Kuh
Mercurochrome

Ob es im Schweizer Kanton Jura wirklich mehr Kühe gibt als Menschen, bleibt zunächst einmal dahingestellt. Zugegeben – 70.000 Personen bevölkern bei den Nachbarn auf der anderen Seite des Rheins gerade mal eine schnöde mittelgroße Regionalstadt. Und so wird ein unbedarfter Besucher des kleinen Kantons vor Ort auch mit ziemlicher Sicherheit den üblichen Klischees des kleinen Alpenstaates begegnen, inklusive Kühe. Ganz ähnlich muss es auch namhaften Technogrößen wie Neil Landstrumm, Dave Tarrida, Daniel Benavente, Marcin Czubala, Len Faki oder Eva Cazal ergangen sein, als sie zum ersten Mal auf einer der großen Parties des jurassischen Labels “Mercurochrome” auftraten. Landstrumms Live-Gig beispielsweise, so erzählt uns Label-Chef André “DD” Ferlin, fand fernab von Mensch und Dorf auf einer riesigen Wiese in einer rustikalen Holzhütte statt. Pech nur, dass Stunden vor dem Auftritt ein kurzes, aber um so heftigeres Gewitter tobte, das sämtliche Kühe aus der näheren Umgebung dazu trieb, eben genau in jener Hütte Schutz zu suchen. “Als wir auf der Wiese mit der gesamten Technik und den Getränken ankamen, standen da – wir haben sie gezählt – 130 Kühe und besetzten die Location!” In Windeseile wurde somit aus Partyveranstaltern, DJs und Labelbetreibern vorübergehend Alm-Senner und Kuh-Hirten. Pünktlich zum Beginn des Abends waren die stoischen Tierchen dann auch endgültig vertrieben und der Abend konnte seinen geplanten Lauf nehmen …

Mit dem Ziel eine Plattform für die Produktion heimischer Techno-Scheiben zu schaffen, mauserte sich das junge Kollektiv innerhalb der letzten zwei Jahre zu einem der wichtigsten Erzeuger für Electro- und Post-Detroit-Klänge à la Sativae, Scandinavia oder Predicaments in der französischsprachigen Schweiz neben “Mental Groove”. Der Startschuss für das Label fiel beim Event “millennium3” in der Kaserne Basel, bei dem die jetzigen Labelbetreiber zusammen mit Freunden von “chateausm” zu einer langen Nacht einluden, in der in drei unterschiedlichen Tanz-, Zeit- und Loungezonen über 1500 Besucher mit den Klängen von Jamie Lidell, Subhead, Justin Berkovi, Eva Cazal und Paul Langley den Beginn des neuen Jahrtausends feierten. Ferlin und seine Kumpels profitierten dabei von der Bekanntschaft mit Jason Leach (aka Subhead), der aufgrund seiner lokalen Verwurzelung (die Mutter kommt aus der Schweiz) schon seit längerem ein waschechtes Schweizer Techno-Label mit jungen einheimischen Produzenten gründen wollte. Und so tummelten sich schon auf der ersten EP “Putin de Merd” die bitterbösen Soundgewitter der Schweizer Acts Fugo, Michele Fasano und Audiotrash nebst einem Subhead-Stück von Leach.

Mittlerweile hat sich das Label einen festen Platz in der Schweizer Techno-Landschaft erobert – die regelmäßig stattfindenden Parties in der Diskothek “Le Golf” in Porrentruy, in den ehemaligen Kalkwerken des malerischen Mittelalter-Städtchens St. Ursanne oder auf den grünen Wiesen der jurassischen Freiberge genießen in Insider-Kreisen allerhöchste Anerkennung und die internationalen Headliner schätzen das Publikum vor Ort für seine uneingeschränkte und selten so intensiv erlebte Feierlaune – Vergleiche mit Deutschlands wildem Osten sind erlaubt… Auch wenn die Anzahl der Partygäste an manchen Orten die der Einwohner deutlich übersteigt, ist die Clubfrage noch kein Thema für den Label-Chef: “Für einen wöchentlich stattfindenden Club haben wir hier mit unserer musikalischen Linie einfach immer noch zu wenig potentielles Publikum.” Konzessionen an Musikstil oder Programm will Ferlin aber nur ungern machen, denn die Produktionen von “Mercurochrome” stehen für kompromisslose Sounds, bei denen die Bassdrum mächtig Dampf ablässt, bei der verzerrte Filter abgewetzte Synthesizer-Klänge kräftig durch die Mangel nehmen, während sich dunkel-düstere Basslinien mächtig und imposant durch weite Räume schieben. Der Einfluss angelsächsischer Post-Detroit-Rocker wie beispielsweise Tobias Schmidt, Neil Landstrumm oder Dave Tarrida wird bei “Mercurochrome” nicht verleugnet – im Gegenteil: Selbst der eine oder andere Track kann diesbezüglich ein Liedchen singen (“L’ombre de Dave”).

Vor kurzem erhielt das junge Label sogar Lorbeeren von höchster offizieller Stelle: So wurde das Kollektiv mit einem Preis des Kantons ausgezeichnet, der an die erfolgreichsten Jungunternehmer und Repräsentanten der heimischen Wirtschaft und Kultur verliehen wird. Ein Techno-Label als “pincement culturell”, als “kulturelles Heftpflaster” für den kleinen Kanton am Rande? Ferlin lächelt bei dem Gedanken und verweist dennoch auf veränderte Bedingungen: “Haben die Leute hier früher gedacht, wir würden nur wummernde Musik hören und uns besaufen, sehen sie nun, dass man mit dieser Art von Musik Erfolg haben kann – mittlerweile kommen zu unseren Parties sogar Leute aus der Techno-Hochburg Zürich und aus dem benachbarten Frankreich.” Es versteht sich von selbst, dass “Mercurochrome” auch an der Expo’02 auf dem mobilen Piratenschiff des Kantons Jura über die Schweizer Seen tuckerte, mit an Bord der europaweit einzige Auftritt von “Sugar Experiment Station” (aka Neil Landstrumm und Tobias Schmidt). Den oben erwähnten Kühen mag dies mit Sicherheit egal sein, und so, verrät uns Ferlin am Ende, werden sich Partygäste und DJs auch in Zukunft mitunter einen Weg durch manche Kuhfladen bahnen müssen, um auf die Tanzfläche zu gelangen.

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Elektronische Lebensaspekte.