Neben Flaming Lips stand keine Band so sehr für den Psychedelic-Rock der 90er wie Mercury Rev. Mit ihrem siebten Studioalbum behalten sie die Haltung bei, wechseln aber die Instrumente. Jetzt sind sie weitaus elektronischer – und voll in Trance ...
Text: Katharina Buess aus De:Bug 125

Psych Out

Mercury Rev
Natürliche Elektronik

Kann es Innovation oder überhaupt irgendwas Interessantes nach einem Best-Of-Album geben? Offensichtlich. Nachdem Mercury Rev vor zwei Jahren alle Hits seit ihrem Debüt von 1991 auf ein Album packten, drängte sich die Veränderung förmlich auf. Jedenfalls, wenn man der Selbstauskunft glauben darf.

Reduktion, so lautet das neue Paradigma. Während sich die Band bei ihrer Gründung Ende der Achtziger aus sechs Mitgliedern zusammensetzte, ist sie inzwischen auf ein Trio zusammengeschrumpft, bestehend aus Jonathan Donahue, Jeff Mercel und Sean Mackowiak, genannt Grasshopper. Verlassen hat die Gruppe unter anderem ihr Bassist, David Fridmann, der als Produzent nicht nur dem Rest der eigenen Band erhalten blieb, sondern auch mit Künstlern wie Mogwai, Sleater-Kinney und MGMT arbeitet – und den Flaming Lips, mit deren Sound Mercury Rev oft verglichen wurde und für die Mercury-Rev-Sänger Donahue auf zwei Alben Gitarre spielte.

Auch klanglich ist die neue Platte reduzierter und vor allem elektronischer, als eine Referenz nennt die Band Minimaltechno. Das überrascht, war doch in den Neunzigern zunächst das Neue an ihrem Sound die Verbindung experimenteller Rock-Elemente, die man von psychedelischen Rock-Bands der Sechziger wie The Doors, Pink Floyd oder Jimi Hendrix kannte, mit einer gefühlten instrumentalen Überbesetzung.
Verschiedene Streicher, Harfe und Hammond-Orgel sorgten für einen überbordenden, akustischen Orchester-Klangteppich, der Gitarrenriffs untermalte, die in experimentellen Noise ausbrachen oder sich minutenlang in scheinbar ziellosem, dunklem Wabern, Heulen und Ticken verlor.

Dazu passte, dass die Bandmitglieder bezeugen, Klänge in Farben zu denken und ihr erstes Demo auf einem 34-mm Film aufgenommen zu haben. Außerdem führen sie ein hippiesk anmutendes Leben in einem ländlichen Idyll, den Catskill Mountains bei New York. Faktoren, die dazu verleiteten, ihre Musik konsequent in die Schublade des Psychedelic Rocks zu stecken.

Ende der Neunziger entwickelte sich die Band hin zur straighten Melodie. Besonders auf “Deserter’s Songs” waren kompakte, klassische Rocksongs (z.B. “Goddess On A Hiway”) versammelt, die überhaupt nicht mehr verschachtelt waren, dafür umso eingängiger. Die dunkle, experimentelle Seite schien verschwunden, geblieben war ein leicht melancholischer Emo-Anstrich. Getragen wurde der vor allem von der charakteristisch-weinerlichen Stimme Donahues, der nach dem Ausscheiden des Sängers David Bakers den Gesangspart übernahm.

Offensichtlich eine gute Mischung, um in die Massenkultur einzugehen – prompt wurde das Werk vom NME zum Album des Jahres 1998 gewählt. Obwohl Trennungsgerüchte die Geschichte von Mercury Rev permanent begleitet haben und mehrere Male das Label gewechselt wurde (u.a. Mint Films, Rough Trade, V2), erscheint inzwischen das siebte Studioalbum. Thematisch in der Tradition der Bandgeschichte (es geht um Natursymbolik, Tiere, Gefühle, Eskapismus), schlagen die drei stilistisch neue Wege ein: Das Melodische der Rockphase bleibt erhalten, der experimentelle Charakter steht jedoch wieder im Vordergrund. Was auf den letzten Platten greifbar und konkret war, bleibt nun oft abstrakt, assoziativ und kühl, Ideen werden eher angerissen als explizit und konsequent ausgeführt.

Angedeutet wurde der Trend schon beim letzten Album, “Hello Blackbird”, dem atmosphärischen Soundtrack zu dem Film “Bye Bye Black Bird”.

Wie es zu dieser Entwicklung kam, erzählen Grasshopper und Jeff Mercel, entspannt und braungebrannt nach einer Interview-Tour durch Südeuropa.

Debug: Euer neues Album ist viel elektronischer geraten, weniger rockig.

Sean Mackowiak a.k.a. Grasshopper: Es war eher eine natürliche Entwicklung. Manchmal kommt man im Leben an einen Punkt, an dem sich alles um einen herum verändert. Paare trennen sich, Freunde bekommen Babys und solche Sachen. Das ist wie ein Zeichen, man spürt es einfach …1998 haben wir bei den “Deserter’s Songs” mit elektronischen Mitteln gearbeitet, auch bei unserem Chemical-Brothers-Remix. Aber man könnte sagen, wir haben den Stil jetzt wiederentdeckt und auf eine neue Weise eingesetzt. Der Spaß an der neuen Platte war, dass wir uns quasi neu erfunden haben, wie ein Reboot. Ich war schon als Kind so, dass ich jeden Tag nach der Schule einen anderen Weg nach Hause laufen wollte. Das liegt einfach in meiner Natur, und auch in Johns (Donahue) und Jeffs.

Ich habe gelesen, die Aufnahmen seien in einer Art Trance entstanden.

Jeff Mercel: An den guten Tagen, ja. Wir haben uns zusammen hingesetzt und spontan gespielt. Und wenn man 30, 40 Minuten eine sehr einfache Idee spielt, kommt man in einen Trance-artigen Zustand. So wussten wir, dass es eine gute Idee sein muss, wenn sie uns so lange faszinieren kann. Auch wenn man sie dann wieder auf drei oder vier Minuten runterkürzt. Das war unser Auswahlkriterium.

Ihr habt gesagt, Einflüsse waren unter anderem die Chemical Brothers und auch Minimal. Das hab ich nicht wirklich rausgehört.

Grasshopper: Wir haben uns eher deren Philosophie angeeignet. Zum Beispiel spiele ich auf diesen Aufnahmen zwar Gitarre, aber auf eine andere Art und Weise. Es war wie ein kindlicher Zustand, wenn man das erste Mal zur Gitarre greift, intuitiver, irgendwie unschuldig. Obwohl wir durch solche Sachen inspiriert waren, haben wir eine eigene Sprache geschaffen.

Würdet ihr dieses Album noch als Psychedelic Rock bezeichnen?

Jeff: Wir verwenden diesen Begriff eigentlich sowieso nicht. Ich verstehe, dass Leute es so nennen. Psychedelica hat irgendwie die Konnotation der 1960er, von Jefferson Airplane und solchen Sachen. In dem Sinne passt die Bezeichnung nicht. Wenn man es aber so versteht, dass die Musik andere sinnliche Reaktionen auslöst, wie zum Beispiel Visualisierung, dann passt es eher. Wir verbinden Musik auf jeden Fall mit visuellem Ausdruck.

Könnt ihr aus eurem Alltag erzählen – und wie er eure Musik beeinflusst?

Jeff: Wir leben auf dem Land. In den Catskill Mountains leben zwar viele Menschen, aber sehr verteilt. Die Berge, die Bären oder die Flüsse haben wahrscheinlich keinen direkten Einfluss auf unsere Musik. Aber das Tempo unserer Umgebung erlaubt uns zu tun, was wir tun. Wir leben in einem Umfeld, das uns Zeit zur Reflexion erlaubt.

Grasshopper: Der Titel des Albums, “Snowflake/Midnight”, bietet sich zwar als Metapher an. Aber vieles davon wurde wortwörtlich unter verschneiten Bedingungen aufgenommen. Wir saßen in unserem Studio und draußen tobte der Schneesturm. Unbewusst hat dieses Gefühl Eingang in die Musik gefunden.

Welche Instrumente habt ihr für das neue Album verwendet, woher kamen die Ideen für die Samples?

Grasshopper: Im frühen Stadium haben wir viel mit Reaktor von Native Instruments gearbeitet. Es ist unglaublich organisch, man kann sehr kreativ damit arbeiten. Jeder schafft darauf etwas komplett anderes.

Habt ihr alle damit gearbeitet?

Jeff: Ja, immer abwechselnd. Weil das von so vielen Nutzern weiterentwickelt wird, gibt es eine enorm breite Auswahl an kleinen Programmen … Manche haben eine so genannte Random Note Generation Software, die haben wir oft als Ausgangspunkt benutzt: Man programmiert bestimmte Parameter und der Computer beginnt sein eigenes Denken, er spuckt Noise und Klangtexturen aus. Das hat was sehr Spielerisches. Es gibt auch ein paar traditionelle Instrumente auf der Platte wie Schlagzeug und Bass. Aber wir haben uns von dem Klavierlastigen und den akustischen Gitarren der Vergangenheit entfernt, damit Raum zum Experimentieren entsteht.

Ihr fühlt euch freier ohne die akustischen Instrumente?

Jeff: Ja, diese Richtung gibt viel Freiheit. Manche Leute, die uns seit Jahren hören, erwarten von jedem neuen Album eine Art Sprung – das gibt uns das Selbstvertrauen, in verschiedene Richtungen zu gehen. Das ist es, was uns motiviert, Platten zu machen: die Idee, dass es immer wieder anders sein kann.

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Elektronische Lebensaspekte.