Metal Gear Solid 2, der Sequel zu einem der renommiertesten und erfolgreichsten Titel der PSOne, ist bis jetzt der Game Hype des Jahres: zwei Millionen Vorbestellungen europaweit (die meisten), Prime Time Werbespots in der Formel 1 (die teuersten) und RTL 2 Nachrichtenmeldungen (die dümmsten). Zudem zählt das amerikanische Nachrichtenmagazin Newsweek den japanischen Chiefdirector und -produzenten Hideo Kojima zu den "10 wichtigsten Personen, die unsere Zukunft gestalten werden". Was steckt dahinter?
Text: nils dittbrenner, heiko gogolin aus De:Bug 59

Wo bitte geht’s hier zum Film?

Metal Gear Solid 2

Mit fantastischen Effekten garniert

Metal Gear Solid 2 (MGS2) ist ein Spionage-Action-Adventure, das sich mit seinen epischen, dem Pathos selten abgeneigten Zwischensequenzen dem Medium Film derart annähert, das man sich fragen muss, ob man eigentlich noch spielt. Konträr zu herkömmlichen Shootern geht es hier auch nicht um eine möglichst hohe Gegner-Kill-Rate, sondern in erster Linie um taktisches Unentdecktbleiben. Wer den ersten Teil kennt, darf das Ableben dessen Helden Solid Snake in einem Prolog auf einem Tanker nachspielen, der mit fantastischen Wettereffekten garniert ist. Ansonsten beginnen wir in der Rolle des Raiden, einem Rookie, der Kampfeinsätze bisher nur aus VR-Simulationen kennt. Die Terrororganisation “Sons of Liberty”, die MGS2 ihren Untertitel leiht, hat eine Industrieanlage unter ihre Kontrolle gebracht, auf der zudem der amerikanische Präsident auf Inspektionstour weilt. Eigentlich wollen wir das Staatsoberhaupt als Spieler vielleicht gar nicht retten, aber die Wahlmöglichkeit gibt es leider nicht. Also navigieren wir Raiden durch die äußerst detailverliebten Gänge, hantieren mit stark paramilitärischem High-Tech Spielzeug herum und harren der politischen Verwicklungen, die da kommen mögen.

Zahlreiche Instruktionen werden uns per Kommunikator mitgeteilt. Leider ist die Ansicht dieser Gespräche auf zwei Thumbnails der Gesprächspartner in dunkelgrün reduziert, was nicht nur den Flow harsch und ständig unterbricht, sondern zugleich arg auf Kosten der Immersion geht. Neben dem exzellenten Sounddesign und der stets grandiosen Grafik, die alles bis jetzt Gesehene auf der XBox leicht in den Schatten stellt, fällt besonders die überzeugende K.I. der Gegner auf. Die Feinde reagieren selbst auf Schatten, Blutspuren oder Geräusche, lassen sich aber relativ gut foppen, indem man sich z.B. unter Kartons oder in Spinden versteckt. Der Gebrauch des Schießeisens ist laut Stardesigner Kojima zwar nur in Notsituationen empfehlenswert, in der Praxis stellt sich gezieltes Geballer jedoch häufig als einfache Lösung heraus, um effizient durch die Level zu gelangen.

Darf ich bitte auch mal?

Speziell die ersten Spielstunden werden von Zwischensequenzen und den beschriebenen Gesprächen mit den Koordinatoren dominiert. Fallen in vergleichbar filmischen Spielen wie z.B. Shen Mue (Dreamcast) die Zwischensequenzen neben den Spielpassagen auf, ist bei MGS 2 das Verhältnis umgekehrt. Man freut sich regelrecht, nach Cut-Scenes, die durch Sprünge von Vorgerendertem zu den drögen Kommunikationsscreens und zurück locker mal 10 Minuten dauern können, das Pad wieder in die Hand nehmen zu dürfen. Die stets nicht unproblematische Relation zwischen statischem Film und Gameplay wird erfahrene Zocker eher enttäuschen. Zu viel der Geschichte scheint ohne aktives Zutun zu geschehen oder schon passiert zu sein. Shen Mue lockert das Geschehen wenigstens durch die (natürlich nur relative) Freiheit auf, durch kleine Geschicklichkeitstests den erfolgreichen Ausgang einer Sequenz vermeintlich mitbestimmt zu haben. Sowohl diese Mitarbeit als auch den Spielraum, wie ihn z.B. GTA3 (PS2) oder der Genre-Primus Legend of Zelda (N 64) bieten, in den Grenzen des Erlaubten zu tun und zu lassen, was man möchte, lässt MGS 2 durch das ständige Kommunikator-Piepen ebenso vermissen wie eine im Spiel selbst evolvierende Story. Das haben die alten Lucasfilm-Adventures besser vorgemacht.

Game vs. Film

Eines wird deutlich: Die breit vorherrschende Feierlaune aufgrund filmisch werdender Games seitens der nahezu kompletten Presse sollte langsam aber sicher vermehrt hinterfragt werden. Zu schnell kann aus dem Spieler nur ein Zuschauer und das Spiel zur mäßig interaktiven Story-Präsentation werden. Für MGS2 trifft dieses zum Glück noch nicht wirklich zu, dafür ist die ästhetische Qualität zu hoch. Wenn man denn mal spielen darf, kommt es zweifelsohne fett. Auch über kleine Unstimmigkeiten in der Steuerung darf hinweggeblickt werden. Unter dem Strich bleibt einer der grafisch bisher sehenswertesten Titel und ein neuer Diskussionsbeitrag zum Thema Games und Filme, der sich ob der zwiespältigen Präsentation aufdrängt. Für das angedachte Add-On wünschen wir uns mehr Fluss durch angemessene Funktionalität, bitte.

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Elektronische Lebensaspekte.