Mit "Snake Eater" geht die "Metal Gear Solid"-Trilogie zu Ende. Pünkltich kommt die Mutter aller Stealth-Spiele in der Postmoderne an. Nie war der Überlebenskampf im russischen Hinterland gefährlicher ...
Text: Nils Dittbrenner aus De:Bug 92

Krieg ist kein Spiel
Metal Gear Solid 3 – Snake Eater

Konamis “Metal Gear Solid” hat das Genre der Stealth-Spiele, in denen wir als unsichtbarer Spion möglichst unbemerkt die gegnerischen Schergen beseitigen, begründet. Ein Genre, das in den letzten Jahren durch Titel wie “Splinter Cell” immer beliebter wurde. Und wie seine Vorgänger markiert auch der dritte Teil von Hideo Kojimas Trilogie ein interessantes Beispiel, Geschichten multimedial und packend zu erzählen.
Mit Snake Eater wird sich Kojima selbst bei den letzten Metal-Gear-kritischen Spielern als Autor großer Videospielerzählungen empfehlen, so viel steht fest. Aber immer der Reihe nach. Auch der dritte Teil verzichtet nicht auf die von den Vorgängern bekannten Codec-Szenen, die der Kommunikation zwischen unserem Alter Ego und seinen Spezialisten dient und über die ein großer Teil der Hintergrundgeschichte vermittelt wird. Lange Videosequenzen ohne Eingriffsmöglichkeiten nehmen nach wie vor einen großen Part ein. Jedoch: Wurden die Kommunikations-Szenen bei den Vorgänger-Teilen noch häufig als übertrieben und ermüdend lang empfunden, kommen sie auf einmal kräftig entrümpelt und gar unterhaltsam daher. Und in einigen cineastischen Einlagen dürfen wir neuerdings über die Schultertaste des Helden Ego-Sicht genießen, was leider zu wenig genutzt wird, aber dennoch für Kurzweil sorgt. Eine Reihe von innovativen Neuerungen haben außerdem ihren Weg in das Spiel gefunden. Die intelligente Verwendung von verschiedenen Tarnungen, die Implementierung von Heilmitteln zur Behandlung erlittener Verletzungen und Nahrung zur Stärkung der Ausdauer lassen uns zwar häufig ins Menü klicken und den Held beinahe schon als eine Art Tamagochi erfahren; dennoch gibt es keinen Ausrüstungsgegenstand, der nicht an einem Punkt des Spiels von Nutzen wäre. Die abwechslungsreichen Szenarien und vor allem abgefahrenen Endgegner fordern uns geradezu heraus, mit dem Spiel zu spielen, sofern wir die Freiheit gerade besitzen und keine Cutscene anschauen. Neben allem Schnickschnack ist der gewählte Plot wohl das innovativste Spielelement: 1964, inmitten des Kalten Krieges, zwei Jahre nach der Kuba-Krise. Die Rahmenhandlung rund um ein geheimes Waffenprojekt, verschollene Wissenschaftler, Spionage und Gegenspionage verquickt mit dem Auftauchen verschiedenster Charaktere aus den anderen Teilen der MGS-Reihe und der Frage, welche der zwei oder doch drei Supermächte nun gerade bedient wird, macht aus Snake Eater das wohl virtuosest erzählende Stück Popkultur über jene Zeit. Anders als bei den vielen anderen mit Kriegsszenarien spielenden Vertretern des noch recht jungen Mediums wird vor allem gen Ende der Bruch spürbar, den die Hauptperson angesichts des politischen Irrsinns zwischen Ost und West verspürt. Wer für wen, aus welchen Motiven und für wessen Interessen mit welchen Mitteln kämpft, wird immer undurchsichtiger, das Soldatendasein an sich mit Nachdruck hinterfragt. Die Thematisierung von angerichtetem Leid und die vielen Brüche entlang der Geschichte machen aus der anfangs so trügerisch klaren Ausgangslage ein immer deutlich Position beziehendes Anti-Kriegsspiel mit einem großen Funken Humor, das den Spieler beständig in die große Verwirrung mit einbezieht. Nur die großen Emotionen nimmt man dem Helden nicht ganz ab, der ärgerlicherweise die ganze Geschichte über so gefühlsbetont wie drei Meter Feldweg bleibt. Vielleicht will uns Kojima damit aber auch nur zeigen, dass echte Gefühle in Spielen nichts zu suchen haben? Die unsägliche Liebesgeschichte darf neben dem Kantholz-Design des Helden auch als größter Kritikpunkt des verzaubernden Ganzen angesehen werden, selbst wenn der im Gedächtnis konservierte Titelsong mit der tiefgründigen Zeile “I give my life … not for honour … but for you“ spätestens bei der Jagd auf Nahrung im russischen Dschungel für die stark geschwächte Spionin, die wieder auf die Beine gebracht werden will, gewisse Hit-Qualitäten erreicht. Und trotz kleiner Inkonsistenzen im Spieldesign und gerade auch wegen den noch größeren im Bereich der abgefahrenen Geschichte muss letztendlich mal etwas gesagt werden: Bei der Virtuosität, mit der die Geschichte von Metal Gear Solid 3 – Snake Eater vom Ein-Mann-Auftrag im sowjetischen Hinterland über die wohl faszinierendsten Boxkämpfe ever bis zum großen Lehrmeister-Showdown im Endeffekt aufgezogen wird, darf das Medium Computerspiele dank Kojima-san endlich auch erzählerisch in bzw. nach der Postmoderne willkommen geheißen werden. Und das auch wenn oder gerade weil nach dem letzten Knöpfchendrücken noch eine gute halbe Stunde großes Patrioten-Kino angesagt ist, in der eigentlich alles wieder anders wird.

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Elektronische Lebensaspekte.