Bei dieser Sternschnuppe gehen alle Wünsche in Erfüllung. Die Meteorites ziehen Stöcke aus dem Arsch und lösen Knoten im Gehirn. Marcus Rossknecht dengelt den Dancehall und Max Turner toastet Vitamine fürs Leben dazu. Dieser cool infantile Charme weckt Nähe und Sofortvertrauen. Ihr Debut-Album "Dub the mighty dragon" auf Cristian Vogels "Rise Robots Rise" macht auf Tanzfläche und im Oberstübchen einen Riesenspaß – und kommt dabei völlig ohne Zynismus aus.
Text: Gerd Ribbeck aus De:Bug 73

Manchmal fällt ein Stern vom Himmel und zerplatzt in deinem Hirn

Es ist so schlicht wie ergreifend: Das Geschenk der Meteorites ist die Fantasie. Das ist weit mehr als die zu einem blinzelnden Feuerball am Himmel verdichteten Ideen von Marcus Rossknecht und Max Turner. Wer hier zuhört, wird belohnt und darf hoch oben selbst den Meteoriten reiten, dort, wo das Scheitern im Alltag schnell verglüht und die wahren Purzelbäume des Lebens am atmosphärischen Rand der Wirklichkeit Funken schlagen. Wer hier tanzt, genießt den Blick auf eine Welt, deren Umriss wir mit den Fingerfarben der eigenen Erfahrungen selbst ausmalen. 3, 2, 1, Einschlag. Tja liebe Dinosaurier, das war’s dann wohl. Es lebe die neue Brut – Roccness the Rhythm, Maxwell the Blues.

Freiwillig komisch
Die neue Brut zimmert sich ihre eigene Dancehall und schert sich nicht um alte Baupläne. In die Ruinen längst vergangener Styles schraubt Marcus Rossknecht aufgeräumte bis plakative Gerüste und passgenaue Verstrebungen überall dort hin, wo es gut klingt und gerne etwas spackig riecht, hoch bis in eiernde Echowände, rein in kleine Melodienwaben und tief in den basstriefenden Untergrund. Der digitale Dschungel aus Rhythmus & Tunes ist für Klettermaxe Turner und seine Bubenstimme maßgeschneidert – der schwingt sich frei und toastet allerlei possierliche Wesen und comicartige Szenen ins Leben. Diese Zusammensetzung ist freiwillig komisch. Beide wissen, dass bei ihren hyperenergetischen Live-Shows Lachen die erste Reaktion des Publikums ist. Lockerheit ist wohl noch die beste Verfassung, um Botschaften zu empfangen. Aber das wissen die Zuschauer zu diesem Zeitpunkt meist noch nicht.
Marcus: “Wir haben dieses Szeneding einfach ein bisschen aufgebohrt, allein durch die ganzen Stile, die auf dem Album vertreten sind. Alle Puristen haben da ein Problem mit, definitiv. Deswegen wird’s auch viele Leute geben, die dann ein Problem damit haben, dass man einfach so ein Rock-Stück nimmt wie ‘Don’t wait’ und dann ‘Meteorite’, was so Prince-mäßig ist, danach wieder ‘Number One’, so ein Ragga-Stück, das irgendwie nach vorne geht, und dann so ein Hiphop-Ding wie ‘Mystic Place’.”

Max Turner, Halbschotte, singt ausschließlich Englisch. Seine Texte drehen sich um die systemlosen Threads des Daseins, die so alltäglich wie die Milch im Kaffee und so generisch wie die Liebe sein können. Orientierungslosigkeit, Wahrnehmung, Selbstreflektion, all die komplizierten Nüsse knackt er ohne jedes Pathos und mit einer kindlich anmutenden Leichtigkeit. Selten wurde Tiefgang so gekonnt in vermeintlich naive Bilder und kauzig schnurrigen Humor verpackt. Humor, der dem allgegenwärtigen Zynismus diametral entgegengestellt ist und große Kulleraugen in fröhliche Falten legt. Maxwell erzählt von Grashüpfern in einer ruhelosen Welt, vom Milchmann, der dich versorgt, während du noch schnarchst, von selbstmitleidigen Blutsaugern, vom unausweichlichen Meteoriten, der dich eines Tages ereilen wird, von Egoisten, die für die Hälfte geben das Ganze verlangen, oder von diesem Typen namens Ernst Schwergewicht, der sein Leben lang auf das große Los wartet und wer weiß was alles machen würde, wenn er nur das Geld dazu hätte.
Max: “Wir haben das Album gemacht, ohne irgendwelche Menschen dabei anzuschauen. Es war so eine Bubble, die uns irgendwie was gesagt hat. Die ganzen klassischen Themen der Menschen, dies ganze Love, Versagen, Tod, Verlust, die flirten ja eigentlich total verstreut und orientierungslos in der Medienwelt rum und sind total verrührt worden. Mir geht’s darum, die Sachen wieder freizukämpfen, mit denen man sich sowieso auseinandersetzen muss. Einfach auf einen Punkt zu kommen, wo man mal wieder für sich selbst weiterkommt und auch für andere Leute eine Wahrhaftigkeit freisetzt, die nicht so fehlgesteuert ist. Ich hab halt irgendwie versucht, das in den Lyrics son bisschen butterkuchenmäßig wiederzugeben, damit man nicht in dieses eklige Pathos verfällt, das alle in den Medien wiederspiegeln. Ich möchte die Dinge direkt ansprechen, aber so, dass sie eine gewisse Fluffigkeit haben. Was hat denn sonst die Kunst für eine Identität, wenn man nur noch gegen etwas anprescht, was soviele heutzutage machen.”

Klischeeverweigerer
Dass die beiden sich im letzten Jahr am Strand ihrer Wahl-Heimatstadt Barcelona getroffen haben, ist vielleicht so zufällig wie eine Sternschnuppe am Himmel, erstaunlich aber doch durch die Tatsache, dass Maxwell und Roccness zumindest über einige Jahre in parallelen Bahnen gelaufen sind, denn beide teilen die Stationen Hamburg, Berlin, Barcelona. Doch was sich wie ein urbaner Werdegang anhört, stellt sich weder für Max noch für Marcus so dar. Keiner von ihnen würde behaupten, man müsse nach Barcelona gehen, um eine solche Platte zu machen. Sie glauben nicht an städtespezifische Befindlichkeiten, die dem Künstler kreativen Input leisten, und sind damit, wie auch in ihrer Musik, Klischeeverweigerer im besten Sinne. Unbestritten hat jeder seine Zeit genutzt. In Hamburg hat Roccness zusammen mit Freund und Haudegen Andreas Dorau an Remixen geschraubt, war ein gefragter House DJ nicht nur im Golden Pudel Klub, hat in Berlin und Hamburg seine Produzentenkapazitäten in die Parfüm-Kollaboration eingebracht. Nach Barcelona hat ihn schließlich das Angebot für eine DJ-Residenz im Club Nitsa gelockt. Max Turner verewigte seine “amorphe Lyrik” schon 2001 auf Felix Kubins Gagarin Label auf der Platte “Matchbox Jump & Jeep Beats” und arbeitete in Berlin mit Gonzales und Schneider TM. Nach Barcelona ist er gegangen, “weil ich eigentlich irgendwo hin wollte, wo gar nichts abgeht. Dann war da Marcus und hat am Strand ne 7″ aufgelegt, die sich für mein Ohr irgendwie so nach Kraftwerk Autobahn angehört hat, war aber ne Ragga 7″ mit so einer kraftwerkmäßigen Analog-Synth-Line, und ich fing dann an so Slogans wie ‘fahren fahren fahren auf der Autobahn’ durch die Kopfhörer drüber zu toasten, was ja auch zutreffend ist, wenn man irgendwo ankommt, und dann haben wir bei ihm weitere 7″ gehört und ich hab versucht, eigene Beats zu basteln, aber Marcus kannte sich da besser aus.”
Marcus: “Und plötzlich haben wir in nur drei Wochen elf Stücke gemacht, wow, es war definitiv so, dass wir abends glücklich Wodka getrunken und Kasatschok getanzt haben in soner kleinen Bar und tagsüber haben wir ein Stück gemacht, so alle 1-2 Tage, so war das wirklich.”
Max: “Ja, und die Lyrics sind alle in den Momenten entstanden. Das war der mighty dragon, da geht’s irgendwie um die Kraft, die einen immer wieder einholt, wenn man mal Verluste gemacht hat und dann aber neu auftischt.”

Immediate Rise of the Meteorites
Die drei Wochen sind schon lange her und Marcus und Max sind nicht die Typen, die sich im Glanz ihrer Leistung sonnen. Treibend ist der Meteorit, der sie dazu bringt, für einen Moment auf den Punkt kommen, erst dann geht’s zurück ins Chaos. Spaß ist nicht das, was sie im Leben treibt, sondern das, was es machen sollte. Deshalb quälten sich die beiden auch nicht mit mühseliger Labelsuche. Zwar spielte Marcus einigen Leuten in Deutschland das Demo vor, die zögerlichen Reaktionen und gut gemeinten Ratschläge konnten ihn nur wenig überzeugen, hier weiterzugraben. Max lernte Cristian Vogel kennen, der ebenfalls in Barcelona lebt, und die Sache war geritzt.
Max: “Rise Robots Rise ist Rettung. Cristian ist ein super Musiker, es ist eine Ehre, auf seinem Label was rauszubringen. Irgendwie standen die Sterne da einfach gut.”

Marcus: “Cristian war auf Anhieb überzeugt von den Stücken und wollte das gleich so rausbringen, wie es war. Wir teilen die gleichen Interessen und es ist ein Gefühl für das da, was man erzeugt hat, und nicht für irgendwelche Moden oder aufgesetzten Dinge. Einfach das Ding rausbringen, ohne das einem irgendwelche Hanswürste erzählen, das man lieber auf Deutsch singen oder mehr Elektro machen soll.”

Super_Collider als Labelmates ist gewiss nicht verkehrt und obgleich musikalisch grundverschieden, macht es sogar irgendwie Sinn. Deshalb stellte Vogel den Meteorites auch umgehend zwei Pässe für Nerdistan aus und führte sie in die bemerkenswert alerte Internet-Community rund um No Future und RRR ein. Dort haben sie sich zwar bislang nicht blicken lassen, da sie beide dem Medium Internet eher gleichgültig gegenüberstehen, aber mit Nerdistan können die Meteorites etwas anfangen. Für Max ist Nerdistan, bei Marcus abzuhängen, und für Marcus, mit Max abends auszugehen.

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Elektronische Lebensaspekte.