Wer zuletzt lacht, lacht am besten. Die Antispektakel-Disco von Metro Area hat alle Filter-Diven-Exzesse siegreich ausgesessen. Mit ihrem Album manifestieren Morgan Geist und Darshan Jesrani die Überlegenheit von Understatement unter der Glitzerkugel. Alle Welt hat es gefressen - aber auch ihre Heimat New York?
Text: Felix Denk aus De:Bug 67

Was konnten wir Spätgeborenen nicht alles von Metro Area lernen: Disko ist nicht unbedingt nur extrovertiertes Halligalli, sondern kann auch nachdenklichere Momente vermitteln. House und Disko sind gemeinsam auch ohne Filter denkbar. Kick kommt nicht notwendigerweise von Kickdrum, sondern kann auch über langgezogene Melodiebögen erzeugt werden. Instrumentierungen müssen nicht daddelig sein und zuvorderst der Selbstverwirklichung des jeweilig ausführenden Musikers dienen (das Bobby Konders-Axiom gewissermaßen). Außerdem wurde man selten auf so deepe und funkige, sexy und persönlich-verbindliche Weise unterhalten wie von Morgan Geist und Darshan Jesrani. Kein Wunder, dass Metro Area nicht nur von DJs, Produzenten, dem Dancefloor vergöttert werden, sondern auch das liebste Kind der Musikpresse sind.

Zum nachhaltigen Nachvollziehen gibt es jetzt das Album zum Hype, das die entscheidenden Hits in leicht veränderten Edits kompiliert und vier neue Tracks im Geiste der bisherigen Maxis bietet. Das ist Zweitverwertung auf höchstem Niveau, als Format etwas für den Sonntag nach dem Samstag und das Archiv wichtiger Tonträger, anhand derer man den Enkeln eines Tages demonstrieren kann, wann und warum Oma und Opa das mit der Disko im House noch mal neu überdenken mussten.

Debug: Auch wenn auf eurem Album ein paar neue Tracks sind, wirkt es eher als Zusammenfassung des bisher Erreichten, weniger als ein Entwurf, der in die Zukunft weist.
Darshan Jesrani: Diese LP ist für uns auch mehr der Abschluss eines Kapitels als ein eigenständiges Albumprojekt, das auch als solches konzipiert wurde. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass wir schon an das Album dachten, als wir die dritte EP produzierten. Weil produzieren und veröffentlichen für uns ein langer Prozess war, hatten wir genug Zeit, um die Ideen reifen zu lassen. Außerdem geht es bei der LP auch darum, alte Stücke wieder zu veröffentlichen, was ihr einen retrospektiven Blickwinkel verleiht.

Debug: Euer Album ist auf Source U. K. herausgekommen und nicht auf deinem Label Environ. Warum?
Morgan Geist: Source vertreibt das Album in der EU, England und Irland. Environ veröffentlicht die CD und die 2×12“ unabhängig davon im Rest der Welt, inklusive USA und Japan. Zum Glück bekommt die Platte etwas Beachtung, so dass das, was ich zuerst für eine akademische Angelegenheit (die Platte in den Rock liebenden USA herausbringen) hielt, sich zu einer interessanten Sache entwickelt. Mal sehen. Wir haben das Album an Source lizenziert, weil Environ ein kleines Label ist, das Album aber großes Potential hat. Ich wollte dem gerecht werden und dem Album einen guten Vertrieb ermöglichen. Jeder, der das Album hören will, soll das auch tun können.

Debug: Metro Area ist mittlerweile ein gefragter Live Act. Hat dieses Live-Spielen auch die Perspektive auf die Studioarbeit verändert?
Morgan Geist: Eigentlich läuft das eher umgekehrt. Unsere Produktionsarbeit beeinflusst den Live Act. Wenn wir live spielen, ist das eine zugespitzte Version dessen, was zufällig und oft stundenlang im Studio passiert. So eine Live PA kann eine stimulierende Sache sein. Darshan und ich spielen ja eher in kleinen Clubs, was uns auch am besten gefällt. Das Problem ist aber, dass da dann leider nicht das Budget oder die technischen Rahmenbedingungen bestehen, eine richtige Live-Show aufzuziehen. In New York haben wir es einmal umsetzen können, da hatten wir einen Trompeter, einen Perkussionisten, ein Streichquartett und noch einen Sänger (für Miura) plus unser übliches Set Up. So etwas würden wir natürlich gerne wieder mal machen. Insgesamt fühlen wir uns im Studio trotzdem wohler. Natürlich ist es schön, für ein interessiertes Publikum zu spielen – das ist ein Fenster zur Außenwelt und motiviert weiter zu machen – aber unsere eigentliche Liebe ist es schon, neue Musik zu machen.

Debug: Als ihr angefangen habt zu produzieren, kam das eher aus einer experimentellen Nische. Mittlerweile seid ihr ja im Mittelpunkt des Interesses, die DJs spielen eure Platten. Aber auch viele neue Produktionen orientieren sich an eurem Stil. Wie fühlt man sich denn als Trendsetter?
Morgan Geist: Darshans Antwort ist da vielleicht eine andere, aber meine Produktionsphilosophie hat sich nicht geändert. Ich kann auch nicht wirklich sagen, wie wir zu Trendsettern geworden sind, und mache mir nicht so viele Gedanken darüber. Sicherlich werden alle in sechs Monaten irgendjemand anders lieben und wir werden wieder in unserer Nische sein.
Darshan Jesrani: Bis jetzt hatte ich immer den Eindruck, dass die Aufmerksamkeit, die uns entgegengebracht wird, keine Wirkung auf meinen eigenen kreativen Bereich, meine Ideen und Inspirationen hat. Ich fühle mich kreativ marginal und mag das so auch gerne. Ich beachte, wie Morgan auch, den Rummel nicht besonders. Ich bin auch nur einmal im Monat im Plattenladen und gehe nicht ständig aus. Aus meiner Perspektive hat sich da nicht viel geändert.

Debug: Euer Projektname Metro Area spielt auf einen urbanen Raum an. Seht ihr eure Musik eigentlich als ein New York Ding?
Darshan Jesrani: Nur insofern, dass wir von einigen großartigen Platten und Radioshows aus New York beeinflusst sind, aber nicht in Anspielung auf das Nachtleben oder die Musikgeschichte an sich. Der Name ist eher eine Referenz auf das Leben in der Gegend einer Metropole, aus der man seine Einflüsse bekommt, auf den Großraum einer Stadt. Er spielt also auch auf die Außenperspektive an. Wir beide haben eine Menge NYC Radio gehört, das sich schon immer auf NYC und die Umgebung wie das südliche New York, das nord-östliche New Jersey und das südliche Connecticut als ”Metro Area“ bezieht. In diesen Gegenden, in denen wir aufwuchsen, war der Sound aus NYC immer präsent. Freestyle, HipHop, Dance Pop, New Wave oder Rock. Im Radio lief auch R&B und Boogie, man konnte allerhand frühe Mix Shows hören und Undergroundmusik. Der Name kann aber auf jeden urbanen Raum bezogen werden und die jeweiligen kulturellen und sozialen Möglichkeiten, die sich aus diesen Bedingungen ergeben.

Debug: Bekommt ihr Feedback von Leuten, die zu Disko-Zeiten schon dabei waren? In New York müsste es davon ja einige geben?
Morgan Geist: Ich glaube, dass wir in NYC nicht gerade von Gegenliebe überschüttet werden. Was die ältere Generation angeht, ist es schwer zu sagen. Ich glaube allerdings, dass viele den ”Glory Days“ nachhängen – etwas, von dem wir glücklicherweise völlig frei sind, auch wenn wir deshalb einige fantastische Clubs und DJs verpasst haben. Wir haben Francois Kervorkian mal in Paris getroffen und er meinte, dass er unsere Sachen gerne möge. Zu dem Zeitpunkt haben Darshan und ich aber schon vier Jahre zusammen produziert. Unsere erste gemeinsame Maxi haben wir in der ganzen Stadt verteilt. Ich kann mich nicht erinnern, dass auch nur einer sie gespielt hätte. Ich glaube, dass die meisten Leute vor der vierten EP nichts von uns gehört haben – außer den wundervollen Leuten, die uns von Anfang an unterstützt haben natürlich.

Debug: Ihr habt mittlerweile auch eine eigene Clubnacht in NYC. Was passiert denn da so?
Darshan Jesrani: Natürlich eine Menge guter Musik. Wir hatten schon großartige Gäste wie den mysteriösen Count Porkchopulous, Pal Joey, natürlich Daniel Wang oder auch Theo Parrish. Die Musikpolitik ist einfach: gute Platten spielen. Gerne Club-Klassiker, House, Techno, R&B und Disko. Hauptsache der Mix bleibt in Bewegung. Die Crowd ist immer so ein bisschen unterschiedlich, einige Leute kommen regelmäßig, ansonsten schauen allerlei Musikfreaks und Party People vorbei, manchmal verirren sich auch ein paar schickere Leute und Fashion Victims in den Laden. Wir versuchen, einen netten Abend mit Freunden zu haben und Lieblingsplatten zu rocken, so dass eine offene und unaffektierte Atmosphäre entsteht. Wir bekommen jetzt auch ein neues Sound System und ein größeres Budget, also noch mehr Spaß in Zukunft.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.