Mit verständlicher Mission perfektioniert MF Doom eigenbrödlerischen Rap und ist dabei stets für einen Perspektivenwechsel bereit. Produktiv wie kein anderer, stehen nach “Madvillain“ in diesem Jahr wieder mehrere Projekte von dem maskierten MC an. Brillanz in reflektiertem Gewand.
Text: Clara Völker aus De:Bug 84

Der Zorro des Mikros
MF Doom

MF Doom ans Telefon zu bekommen, ist nicht einfach. Umso fokussierter und reaktionsschneller sind dann allerdings seine Antworten. Momentan ist der New Yorker zusammen mit Talib Kweli in Las Vegas, nicht etwa um sich dort im Casino zu vergnügen, sondern als Station einer kleinen US-Tour. 1989 tauchte Doom das erste Mal offiziell im HipHop-Spiel auf, als Feature-MC bei 3rd Bass. Damals noch unter dem Namen Zed Love X unterwegs, gab es ’91 dann das erste Album von KMD, einer Gruppe, der später bekanntlich nicht viel Gutes widerfuhr, was Doom allerdings nicht davon abhielt, Ende der 90er, nun in MF Doom transformiert (ja, da gibt es eine Comic-Referenz) seine charismatische und eigenwillige Art zu MCen auszufeilen, sich eine Maske als Markenzeichen zuzulegen und seitdem ein Release nach dem anderen in einer fast manischen Produktivität bei herausragender Qualität zu droppen. In letzter Zeit unter anderem als Madvillain zusammen mit Madlib oder als Viktor Vaughn bei Sound Ink. Dooms Spannweite reicht von altmodischen Hörspiel-Collagen über seltsame Großstadtlyrics zu futuristischen Weltraumraps, wie z.B. als King Ghidra bei Big Dada. Neben dem MCen produziert er auch und macht als Metal Fingers eine Instrumentalserie namens “Special Herbs“, die mittlerweile bei der achten Folge angekommen ist. Apropos “spezielle Kräuter“, das Lieblingskraut von MF Doom ist nicht etwa Gras, sondern Salbei. Denn “es hat eine Menge Geschmack und ist zudem ein Talisman, man kann es zur Meditation und verschiedenen Ritualen verwenden“. Er wirkt zwar nicht gerade wie ein besonders meditativer Typ, geschmackvoll jedoch schon.

MENSCHLICHE TECHNOLOGIE
Seinen Geschmack erkennt man, neben der Musik natürlich, an seiner Vorliebe für Science Fiction. Diese wird nicht nur an den Covern der Instrumentalserie sichtbar (wobei sich da wohl vor allem trashige Samstag-Vormittags-Cartoons als Inspirationsquelle rausschälen ließen), sondern sie ist auch hörbar, insbesondere bei dem King-Ghidra-Projekt des gebürtigen Engländers. In jedem Fall ist das Genre ein großer Spaß für Doom, wobei er sich nicht so ganz entscheiden kann, ob er jene futuristischen Gedankenspiele lieber liest oder sich in bewegten Bildern zu Gemüte führt. “Ich mag ein bisschen von beidem. Allerdings kann Lesen von nichts geschlagen werden. Es gibt einem so eine einzigartige Perspektive auf Dinge, so als würde man gleichzeitig einen Film sehen und ihn selber machen.“ Und welches Lieblingsbuch läge da, neben Gene Roddenberrys Star-Trek-Basiswerken, näher als “The Doomsday Conspiracy“ von Sidney Sheldon, eigentlich kein Name, der für Science Fiction steht, von Doom aber trotzdem und für ihn selbst überraschenderweise hoch geschätzt, weil “es war zwar sciencfiction-mäßig, hatte dabei aber auch eine spannende Handlung“. Bei Filmen ist Doom die Handlung bzw. die Botschaft neben einer cleveren Machart auch sehr wichtig: “Fantastic Planet ist ein Streifen, den ich wirklich richtig gerne mag. Es ist ein animierter SciFi-Film mit einem wirklich außergewöhnlichen Animations-Stil, der eine Menge Einflüsse hat und noch heute einmalig ist. Die Botschaften in solchen Filmen sind auch stets ziemlich abgefahren, das gefällt mir immer. Oft geht es darum, inwiefern Technologie in vielen Fällen zu weit gehen kann. Es geht um wirkliche menschliche Botschaften, wie wir miteinander zusammenhängen und mit allen anderen Lebewesen außerhalb der Menschheit. Es zeigt uns, dass Menschen manchmal einen Schritt zu weit gehen aus Angst vor dem, was sie nicht kennen. Ich mag es, mir solche Sachen anzuschauen, aus dem einfachen Grund, dass es meinen Blickwinkel auf Dinge neu installiert. Wie ich mit anderen Leuten umgehe, das könnte sich damit für mich verändern.“ Doom selber ist von Technologie seiner Meinung nach nur “zu einem gewissen Grad” beeinflusst. “Ich habe Satelliten-Fernsehen, kann mir also eine Menge ansehen, was mich zum Schreiben anregt. Das ist natürlich gut. Aber ich bin mir sicher, dass wenn ich das nicht hätte, ich immer noch einen Weg zum Schreiben finden würde. Ich hab eigentlich nicht allzu viel mit Technologie zu tun. Ich versuche, mich von Computern und dem ganzen Kram fernzuhalten.“ Stattdessen greift er lieber auf kleinere und latentere elektronische Geräte zurück, zum Produzieren verwendet er “beschränkte Mittel. Ich benutzte nur Sachen, bei denen ich sehen kann, wie sie funktionieren. Ich bin da eher oldschool: Plattenspieler, Mixer, Sampler, die MPC2000. Ich habe mir gerade letztens die Boss-303-Maschine geholt, eine kleine coole Maschine. Sie ist ziemlich simplifizierend und lebendig, man kann da immer noch seine Hände verwenden. Ich finde, wenn man zu viele Computertools und –programme verwendet, der Computer alles für einen macht, verliert man oft das menschliche Gefühl der Musik.“
Nichtsdestotrotz ist Doom nicht technikfeindlich. Dem Internet steht er durchaus positiv gegenüber: “Es ist gut. Es ist ein Tool, dass für Gutes und Schlechtes verwendet werden kann. Was Musik betrifft, kann sie dadurch ausgebreitet werden, Fans bekommen Informationen über Künstler und das, was neu rauskommt. Gleichzeitig sind es aber viel zu viele Informationen für mich. Ich mag lieber den altmodischen Weg, schreibe lieber einen Brief.“ Für MF Doom sind Musik-Downloads keineswegs zu verteufeln. Im Gegenteil, der Schaden entsteht nicht durch die Verbreitung: “Ich denke, Musik wird dahin gehen, wohin sie gehen muss. Zu versuchen, das zurückzuhalten, ist zu viel Ärger. Etwas kontrollieren zu wollen, das solche Energie hat. Ich weiß nicht, ich benutze das Ganze eh nicht. Für mich ist das etwas, das außerhalb dessen liegt, was ich mache. Also wirkt es sich nicht wirklich negativ auf mich aus. Wenn jemand ein paar Songs runterlädt, interessiert er sich tatsächlich für die Musik und wenn sie ihm gefällt, wird er dann ohnehin zu meinem Konzert kommen und das nächste Album kaufen. Es ist also nur förderlich.“

TRICKTÜTE VOLLER ROLLEN
Wegen den sich daraus ergebenden Artikulations-Vorsprüngen verwendet MF Doom neben gerne verschiedene Pseudonyme: “Es ist wie bei jedem anderen Autor, der verschiedene Charaktere verwendet, um eine Botschaft zu übermitteln. Man kann zwar in gewisser Weise eine Geschichte nur mit einer Figur schmeißen, verschiedene Figuren mit je eigener Ansichtsweise machen das Ganze für den Zuhörer aber zugänglicher. Wenn es nur eine Figur gäbe, die ununterbrochen seine oder ihre Meinung ändern würde, wäre das vergleichsweise schräg. Also verwende ich verschiedene Charaktere, um verschiedene Mitteilungen rüberzubringen, sie haben unterschiedliche Ideen oder Ähnliches. Doom ist mehr ein alter Hase, er ist wie ein Veteran, ein HipHopVet, aber gleichzeitig ein ausgesprochen wissenschaftlicher Typ mit einer mechanischen Neigung. Er beschäftigt sich nicht so sehr mit dem, was den durchschnittlichen Rapper so kümmert. Er steht da ein bisschen drüber, beschäftigt sich vielleicht etwas mehr mit Weltanschauungen, ist aber nicht zu sehr politisch engagiert. Er ist älter, also kümmert es ihn mehr, was so passiert. Vik (Viktor Vaughn) ist dagegen der typische Junge-Spund-MC. Er ist vielleicht so 18, 19 Jahre alt und mag sich selbst mehr als alles andere, interessiert sich für Frauen und eben das, was gerade so läuft. Er ist wirklich sehr jung. Dann gibt es da noch Ghidra (King Geedorah). Ghidra, extraterrestrisches Wesen, den beiden anderen völlig unähnlich. Er kommt mit seinem Punkt und macht seinen Punkt. Straight. Wen habe ich sonst noch in der Tricktüte? Das ist es eigentlich, das sind die hauptsächlichen drei.“
Oft hört man Beschwerden darüber, dass HipHop nicht mehr so ist, wie er mal war und durch die steigende Kommerzialisierung alles den Bach runtergeht. Was hat sich für MF Doom in den letzten Jahren verändert? “Eine Menge. Es wird sich immer wandeln. Was passiert, das passiert. Das ist der natürliche Gang der Dinge. Es liegt an uns, den Leuten, die wirklich gute Musik machen, damit weiterzumachen und das Ganze nicht zu einem großen auseinander fallenden, ausbeuterischen, schwachsinnigen Genre werden zu lassen, das den Bach runtergeht. In allem, was populär ist, wird es immer solchen mehr als niedrigen Stuff geben, aber das ist einfach nur Business, die Leute müssen Geld verdienen, um ihre Familien zu ernähren oder was auch immer. Ich glaube, solange die wahren Artists weiterhin den realen Shit machen, wird es für die Leute eine Möglichkeit geben, das Ungeschliffene zu bekommen, wenn sie es brauchen.“ Da passt es perfekt ins Bild, dass MF Doom sein Gesicht nicht der Öffentlichkeit zeigt, sondern hinter einer Maske und damit hinter der Musik zurücktreten lässt. “Die Maske steht dafür: Es ist egal, wie ich aussehe, es ist egal, was ich anhabe – es geht nur darum, wie es sich anhört.“

Voraussichtlich wird es im Oktober ein neues Album von KMD namens “Mental Illness” auf Metal Face Records geben, MF Dooms 1999 zwecks unabhängiger Veröffentlichungs-Möglichkeit gegründetes Label. “Ich finde nicht, dass sich ein Artist auf ein Label beschränken sollte. Ich habe so viel Arbeit, ich könnte hundert Label machen und gleichzeitig noch immer andere meiner eigenen Sachen rausbringen, ich brauche eine große Kapazität.” Umtriebig, wie MF Doom ist, gibt es in diesem Sommer auch den Nachfolger zu “Operation Doomsday” namens “MF Food”. In den Kinderschuhen steckt momentan noch ein Album von MF Doom zusammen mit Devin von Nature Sounds namens “The Professor meets the Super Villain”, zudem arbeitet er mit Danger Mouse an einem Projekt, dass “really really dope” wird, und hat sich mit Madlib bereits für ein zweites Madvillain Album zusammengesetzt. Ein neues King Geedorah Album wird seitens Big Dada wohl noch etwas auf sich warten lassen: “Das Label schuldet mir ein bisschen Geld, und jetzt wollen sie nicht mehr mit mir reden. Sobald ich ein neues Budget habe, ist es da. Ich arbeite ständig an neuem Stuff.” HipHop hat dabei keinen allzu großen Einfluss auf ihn, außer vielleicht BDP’s Klassiker “Criminal Minded”, ansonsten hört MF Doom neben der Madvillain gerne Jazz, es geht ihm mehr um die Musik als um das Genre: “Ich höre mir eigentlich nicht allzu viel HipHop an, ich mache ihn einfach.” Dass das HipHop mehr als gut tut, daran besteht kein Zweifel.

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Elektronische Lebensaspekte.