Während bei Firmen wie Korg, Roland oder Yamaha neue Geräte unter größter Geheimhaltung entwickelt werden, sitzt Manfred Fricke in seiner Werkstatt im Berliner Vorort Zehlendorf und erdenkt seit rund 25 Jahren preiswerte Drumcomputer, Synths, Sequenzer und Filter. Fans hat er ohne Ende, mit Techno kommt er aber überhaupt nicht klar.
Text: Fabian Dietrich aus De:Bug 92

Drumcomputer vom Hardrock-Fan
Manfred Fricke

Werfen wir einen kurzen Blick in die einschlägigen Kompendien und Bravos der elektronischen Musik, um uns zu versichern, dass die offizielle Geschichtsschreibung mehr als lückenhaft ist: Von ominösen Städten und Djs, legendären Partys und visionären Produzenten ist zur Genüge die Rede, wenn sich fabulierende Rave-Historiker auf die Suche nach den grauen Ursprüngen ihrer Gegenwart machen. Nur einer fehlt, der Missing Link in der Produktionskette: Diplom-Ingenieur Manfred Fricke aus Berlin-Zehlendorf. Ein Mann, der trotz großer Verdienste und verbrieftem Pionierstatus nach unserem Wissen noch nie eine Titelstory bekommen hat. Das könnte vielleicht daran liegen, dass er a) auf keiner wegweisenden Party der späten 80er hinter dem DJ-Pult gesichtet wurde und b) niemals Musik produziert hat, ja, sich c) als bekennender Hardrocker sogar überhaupt nicht sonderlich um Techno schert.
Was hat es also auf sich mit diesem Fricke, dem hier partout ein Plätzchen in der Musikgeschichte freigeräumt werden soll? Vermutlich dasselbe wie mit Tadao Kikumoto, dem Schöpfer von Rolands 303 und 909 (und damit ja wohl letztlich auch Techno). Fricke war genau genommen mit seinem Produktionshit sogar ein wenig früher dran als sein japanischer Ingenieurs-Kollege. 1976 gründete er im Alleingang MFB, Manfred Fricke Berlin, sein Label und Ingenieurbüro für Audio- und Videoequipment, und startete zunächst mit einfachen technischen Entwicklungen für Videospiele à la Pong. Für wirkliches Aufsehen sorgte er erst 1980, als ein wuchtiger, grauer Kasten namens MFB-501 das Licht der Welt (oder zumindest Deutschlands) erblickte. Dieser Drumcomputer war eine kleine Sensation, er verband “State of the art”-Technologie mit der Bedienbarkeit eines Kassettenrekorders, Drums und Rhythmen ließen sich schnell und einfach an einer von Kippschaltern gespickten Frontplatte einstellen. Hinzu kam ein Design, das einfach nur “Wissenschaft!”, “Forschung!” schrie und auch einer rumänischen Intensivstation gut gestanden hätte. Ein Design, das nichts, aber auch gar nichts mit dem stylischen Futurismus der Roland-Brüder gemeinsam hatte.

Teile aus dem Bastel-Shop
Um die Produktionskosten gering zu halten, wurden (und werden auch heute noch) nur konventionelle Bauteile verwendet, Conrad lässt grüßen. Aber das Entscheidende war natürlich der Preis, und da war MFB unschlagbar: Im Handel war die MFB-501 damals für schlappe 98 DM erhältlich. Das machte sie wohl auch zu so einem Verkaufsschlager, rund 5000 Stück gingen über den Ladentisch. Wem das jetzt nicht viel erscheint, zum Vergleich: Die Roland TR-909, von der rund 10.000 Geräte hergestellt wurden, kostete bei Erscheinen ca 1000 Dollar. Es ist also nicht ganz unglaubwürdig, wenn Manfred Fricke sich in seinem Zehlendorfer Büro rühmt, in Deutschland mehr als der Konkurrent Roland verkauft zu haben.
An dem Konzept der Anfangsjahre hat sich bis heute nichts geändert. MFB fertigt zum Kampfpreis und das Ingenieursbüro ist nach wie vor eine Ein-Mann-Show mit Bastelstube. Keine “Geheim!”-Schilder an der Tür, kein Sicherheitscheck auf versteckte Kameras, dafür aber Berge von Bauteilen, Lötzinn und stapelweise rätselhafter Technikkram. So wie es in Vatis Technikzimmer eben zugeht. Der Erfolg der MFB-501 konnte bis heute nicht übertroffen werden, die Verkäufe bewegen sich dieser Tage eher im dreistelligen Bereich. Statt Expansion und Markteroberung hat der deutsche Tadao Kikumoto es sich in einer Nische bequem gemacht: preiswertes Analog-Equipment. Neben Drumcomputern findet man im Produktkatalog kompakte Hardware-Sequenzer, Filter und Synthesizer, wobei die Letzteren in der Vergangenheit wohl die meiste Aufmerksamkeit erregt haben: Wo sonst bekommt man einen analogen Synthie für 245 Euro?! Eine große Fan-Gemeinde dankt es Fricke. Denn MFB ist nicht unbedingt underground, auch wenn das vielleicht den Anschein macht. Fachzeitschriften berichten regelmäßig über Frickes Neuerungen, auf der Frankfurter Musikmesse ist er auch dieses Jahr mit einem eigenen Stand. Dort wird der musikalische Part der Präsentation allerdings von einem Kollegen bestritten, der Grund? Ach, das hatten wir ja bereits: Hardrock. Doch … auch in Fricke steckt eine Raver-Seele. Beim Hausbesuch waren nur ein paar Handgriffe am seinem neuen Analogfilter nötig, ein bisschen Gefummel am integrierten Stepsequenzer, die Resonanz in den Anschlag – und wir haben mit eigenen Augen gesehen, wie sich ein Diplom-Ingenieur hinter weißen Gardinen in einen fiependen Daniel Bell verwandelte.

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Elektronische Lebensaspekte.