Was denkt wohl Michael Mayer morgens vor dem Badezimmerspiegel? Aljoscha Weskott hat sich mit aller Kraft seiner Empathie in diese Situation versetzt und das folgende Stück besonnener Fiktion niedergeschrieben.
Text: Aljoscha WesKott aus De:Bug 87

The Mayer Fiction
Produktionsplitter von Touch

“Köln im Herbst 2004. Man zwingt mich zu einem Vorhaben, das mir nur schwer einleuchten will. Fälscher sind am Werk. Ein Tagebuch wurde nicht geschrieben. Keine Zeit. Was hätte ich dem Geschriebenen auch abgewinnen können? Ich fahre erst mal nach Paris. Ich will allein darüber spekulieren, wie mich die drei Wochen verändert haben. Alle Spuren sind verwischt. Der Computerterminal in meiner Wohnung atmet gleichmäßig. Aber das Album ist da. Ich erinnere mich einzig an eine von mir verfasste SMS, die nur aus einem Wort bestand: ‘Regen’. Einer der wenigen Außenkontakte während der Produktionsphase des Albums. Regentropfen begleiten ‘Touch’. Sie werden zur meditativen Erfahrung einer Zeit, die ich als Schlafwandeln in Erinnerung behalten werde: Just in touch with music. And the key? It’ s me.
Touch ist allerbester Populär-Techno geworden und hier und dort mit kleinen Ausreißern in eine Minimalschlagerwelt versehen, weil jeder Golfabschlag Howard Carpendales als weltgeschichtliches Ereignis markiert werden sollte. Denn jeder Abschlag ist anders. Jeder ist besonders. Kurzum: Mit jedem Abschlag verliert die Musikindustrie Geld. ‘Funky Handicap’ habe ich den 7. Track genannt, der ganz vorzüglich durch die Clubs wirbeln wird.
Justus Köhnke nennt mein ganzes Unterfangen Maximaltechno. Das ist schön. Denn Heroinhouse war einmal. Nicht wenige haben einen radikaleren Wurf von mir erwartet. Doch der glamouröse Kirmes-Techno-Sound wird auch weiterhin ungeschrieben bleiben: Bierzelt-Acid, Scooter-Mutationthrill, bebendes Bergisch-Gladbach etc. – Ist nicht! Alles wandelt sich unaufhörlich. Aber das ist eine andere Geschichte. Zurück zu mir.
Kurz vor Touch war eine Stufe erreicht, wo der neo-neoliberale Flexibilisierungswahn selbst mir etwas zu viel wurde. Auf ganz sonderbare Weise vergegenwärtigte mir der Arbeitsalltag einen alten, längst aus dem Programm genommenen Hypovereinsbank-Spot: Hong Kong, Autobahn-Kulissen, Air-Musik, eine zarte Männerstimme – ich glaube, die erste sprechende, so popmäßig rüberkommende melancholische Ich-AG im TV überhaupt: “Muss denn alles immer so schnell gehen? Können wir die Welt nicht für einen kurzen Moment anhalten?“ Das habe ich getan. Ich wollte den Touch nicht verlieren. Die eigene Musik ist manchmal so weit entfernt. Ich wollte sie zurückholen, mir Orientierung schaffen im unendlichen Klangraum der Kompaktwelt, die ich mein eigen nenne.

Little Rumors
Um allen Spekulationen ein Ende zu bereiten: Es ist ja nicht wahr, dass ich die durchgedrehte Arbeitsbiene der Technolandschaft bin. Wer glaubt, dass ich den Zusammenbruch der New Economy einfach durch noch mehr Arbeit kompensiert hätte, der irrt. Auch ich mache Pausen. Vielleicht nur weniger als andere. Der Vater von Alfred Herrhausen hat einmal zu seinem Sohn gesagt: “Wenn aus dir etwas werden soll, dann musst du mindestens eine Stunde länger arbeiten als alle anderen.” Wir wissen, wo das hinführte. Das hat mich schockiert.
Bad Homburg im November 1989. Da beginnt vieles. Die ganze Arbeit. Die ganze Musik. Die ganzen Überlegungen. Und auch der Diskurs vom Popstandort Deutschland. Mittlerweile sind wir weltberühmt. Neil Tenannt (Pet Shop Boys) mag uns. Die ganze Welt liegt uns deswegen aber nicht zu Füßen. Kompakt ist kein atonales Projekt, liebe MusikliebhaberInnen.

Touch of Class – Middleclass?
Während der Produktionsphase von Touch habe ich viele Arbeiten an meinen Praktikantenstab übergeben. Das fiel mir nicht leicht. Gutes Personal findet sich heute nur noch selten. Als wir vor Jahren 100.000 Platten in ein neues Office bringen mussten, sind von zwölf Arbeitern fünf ausgefallen. Man muss aber auch mal loslassen können. Schließlich sind wir soeben 100 geworden. Alle Phasen unserer Kompaktwelt sind mir noch präsent. Nichts ist vergessen. Ich habe alle Entwicklungslinien mitbekommen. Würden wir alle 100 Platten parallel erklingen lassen, wäre das eine Soundinstallation von heroischem Ausmaß.
Seit ich denken kann, sind in meinem unmittelbaren Umfeld ca. 50 Alben entstanden. Jedes war auf seine Art besonders. Ich muss zugeben, dass ich nicht jedes Album gut fand. Nein. Ein anderes Missverständnis: Auch jede releaste 12″ finde ich nicht gleich gut. Aber ist das wichtig? Nie haben wir uns als Geschmacksdezernat definiert, auch wenn dadurch jede Flasche glaubte, uns ein Tape zuschicken zu müssen. Was ich sagen will: Die von außen projizierte Machtfülle der Kompaktinhaber ist ein großes Märchen. Auch wir sind nur Rädchen in einer viel größeren Maschinerie, die nicht mehr zu benennen ist. Im Zentrum der Macht geht es bekanntlich sehr gemächlich zu. Das Zentrum ist vielmehr eine Leerstelle, auch wenn alle auf ihren Posten sind. Das neo-neoliberale Popreden des Herrn Renner hat mir schon eher schlaflose Nächte bereitet. Kein Touch, der Gute. Auf Seite 271 seines neuen Buchs lese ich: “Wenn heute Bands wie Rammstein den Studioraum betreten, ist der größte Teil ihrer Aufnahmen schon fertig. Zu Hause am Prenzlauer Berg entsteht die Platte auf eigenem Pro-Tools-Equipment. Den größten Teil der Produktionskosten beansprucht danach die Mietvilla, in der die Band ihre musikalischen Versatzstücke schließlich zusammenbaut.“ Hm, okay. Das muss man nicht kommentieren. Ich denke, dass das Ausspannen sehr teuer ist. Kaito wollte zum Beispiel eine Woche Urlaub auf einer Yacht in Saint Tropez machen, um einer möglichen Schaffenskrise entgegenzuwirken. Es gab noch gar keine Schaffenskrise! Unglaublich. Da haben wir gesagt: Okay, na gut, mach es.
Es gibt lästige Umarmungsgesten, gerade von Seiten der neuen Nationalliberalen, die von Management statt Plattenfirmen reden. Erbärmlich irgendwie. Nichts verbindet uns. Klar, auch wir müssen auf der Überholspur bleiben, sind permanent unter Zugzwang und organisieren daher auch Welttourneen. “Abteilungen, die sich um Markenpflege und Firmenkultur kümmern, werden zu den wichtigsten im jeweiligen Hause zählen.“ Das ist wieder Renner. Und nicht aus dem Hause Kompakt und auch nicht aus den Hinterzimmern des Debug-Offices, wo eifrig Mediadaten erstellt werden.

Neue Luthersche Fraktur
Zurück zur Musik. Mir wurde schlecht, nachdem ich Mel Gibsons Film “Passion“ gesehen hatte. Über Wochen verspürte ich regelrechte Trümmerkopfschmerzen. Ich verfluchte zwischenzeitig das ganze Abendland. Ich verstand den Einschnitt in das Alttestamentarische als eine Fraktur! Eine Fraktur verunstaltet, dachte ich. Diesen Einschnitt wollte ich musikalisch übersetzen, in kleine atheistische Passagen überführen. Denn auch der Protestantismus ist eine Qual. Das sagte ich mal im Kompaktladen, als ich Platten einsortierte. Da haben mir viele Leute recht gegeben. Gerade hier im Rheinland, im schwarz-grünen Modellversuch Köln, ist mir der Arbeitsethos der Neuen Mitte immer ein Dorn im Auge gewesen. Auch deswegen haben wir uns nie der maroden Marke Berlin unterworfen. Die Krise der kapitalistischen Stadt zur Quelle der Kreativität zu stilisieren, langweilt mich entsetzlich. Köln hat den gewissen Touch of Class. Man schaue sich nur mal die Menschen dieser Stadt an. Konrad Adenauer, Heinrich Böll, Karl-Heinz Stockhausen.
Manchmal wünschte ich mir eine etwas andere Milieustudie über die Kompaktwelt. Nichts Soziologisches oder Kulturwissenschaftliches. Nein. Nichts was den Netzwerkgedanken zum Ausgangspunkt nimmt. Die Netzwerk-Fetischisten von heute sind nicht mehr vergleichbar mit denen von damals. Es wäre eher ein filmischer Forschungsversuch. Ein an Godard angelehntes Verfahren, wie sein Film “Notre Musique“. Gerne würde ich dafür Dominik Graf gewinnen, der mit seinem Film “Hotte im Paradies“ zu überzeugen wusste. Aber vielleicht ist das eine private Obsession und hat an dieser Stelle nichts verloren. Was ich sagen will: Horcht in euch hinein. Verliert nicht den Touch. Dann wird alles gut.”

Aufgezeichnet von Aljoscha Weskott

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

Köln Kompakt geht nicht ohne Michael Mayer. Nirgends hin. Nicht zum Minimalschlager, nicht zum Styletrance, nicht zu all den unerforschten und unerwarteten Gebieten zwischen Norwegen und Demo-Abwegen, die Mayer als Produzent, DJ und Ladenmitbesitzer mit Sinn für Programm und Konzept abwandert. Eine Zentralfigur spricht.
Text: Anett Frank aus De:Bug 64

Filter auf zwei Beinen
Michael Mayer

Michael Mayer ist neben Wolfgang Voigt und Jürgen Paape Inhaber der Kompakt GbR. Wolfgangs Bruder (Sweet) Reinhard zählt ebenfalls mit zu den Gründungsmitgliedern. Auch wenn er jetzt seinen eigenen Kram macht und geschäftlich unabhängig ist. Dazu gehören weiter Gesine und M.I.A. (Sub Static), Geo, Peta und Oli, die den Vertrieb den ganzen Tag rocken. Oder einer der Technikpäpste wie Olaf Dettinger. Auch Riley Reinhold (Trapez) und dann eben noch Tobias Thomas und Aksel (Superpitcher), die natürlich mit das kreative Umfeld bilden, ohne dass sie gleich direkt beim Label mitarbeiten. Soweit wären wir personell im Klaren und aufgefrischt. Nun, ich blieb am Hörer und lauschte mir im Fall (freier mit) Mayer ein Ohr ab, was dem “sexiest DJ behind the decks” u.a. gerade musikalisch beeindruckt und wie es sich so eingespielt hat mit Dj-Ehefrau Tobias.

DeBug:
Es gibt zu deiner letzten Solo-VÖ auf Kompakt, der Mix-CD “Immer” ein gespaltenes Meinungsspektrum. Um nur mal zwei herauszugreifen: Einerseits wird diese als der typische Köln-Sound proklamiert, der mit dubbig minimalem House und Techno-Click-Elementen nicht geizt und andererseits beschwört da jemand, dass der Köln-Sound an sich passé wäre und diese CD eine einzige Zelebrierung minimaler Gelassenheit sei. Wie stehst du dazu?

MM:
Ich würde mich eher der zweiten Meinung anschließen, zumal wenig Kölner Produktionen drauf zu finden sind. Nur auf dem Köln Thema rumzureiten, das ist nicht meine Sache. Ich bin ja auch im Club nicht derjenige, der nur Köln Platten spielt, sie aber natürlich gerne einstreut. Mein Ansatz war, etwas mehr als eine Stunde, meiner Auffassung nach, gute Clubmusik sinnvoll ineinander zu mixen, ohne zwangsweise ein clubbiges Ambiente zu erzeugen, sondern diese Musik auch zu Hause hörbar zu machen. Das ist doch auch der Ort, an dem Mix CDs funktionieren müssen. Da ist weniger die hohe Kunst des Clubmixens, also cutten, scratchen und das Tempo anziehen bis zum geht nicht mehr usw gefragt, als der erzählerische Moment. Mir ging es auch darum, bestimmte Produzenten und Stücke ins Licht zu rücken, meine persönlichen Lieblingsplatten behutsam aneinander zu reihen. Deswegen auch die Unterbrechung, dass es eben nicht so knallhart durchgemixt klingt, sondern auch Zäsuren geben darf.

DeBug:
Die Unterbrechung vor Phantom Ghosts “Perfect Lovers” Remix von Tobias Thomas und Superpitcher” war dann auch noch mal so eine kleine Hommage an Ladomat, das Label von Phantom Ghost?

MM:
Nein, eigentlich mehr an das Stück, an diesen Remix, den ich extrem mutig und gelungen finde. Ich wollte ihn auf jeden Fall drauf haben. Und dann das ganze Intro wegzumixen, wäre total widersinnig, das ist ja als Ganzes gedacht. Der Mix kommt nur dann richtig gut, wenn sich dieses schwere Klassikintro allmählich in Techno auflöst.

Die singende, klingende Wohngemeinschaft

DeBug:
Wie sieht es mit der Kombination Mayer, Thomas, Voigt aus? Ist da noch mal was denkbar als “Forever Sweet” oder wie auch immer?

MM:
Die Kombination findet eigentlich immer wieder statt. In Dreierkombination nur eben nicht. Wir haben diese Band auch immer als etwas begriffen, was diese Freundschaft bzw. Wohngemeinschaft damals ausmachte und als Projekt auch ganz gut auf den Punkt gebracht hat.

DeBug:
Sind derartige NTA (New Trans Atlantic) Produktionen, wie bspw. damals die Frost-EP mit ihrem skurrilen Text-Charme noch mal von dir in Eigenproduktion zu erwarten? Ähnliches, bspw. “W.I.R.” war ja ein Wassermann-Remix von dir.

MM:
Frost ist eine ganz klassische, naive Debut-Platte, in der eben noch diese ganz ursprüngliche Unbedarftheit und Unverfrorenheit steckt. So was macht man nur einmal im Leben. Die Frost ist schon knapp 6 Jahre her … mittlerweile bin ich an einem ganz anderen Punkt angelangt.

DeBug:
Ja, wo bist du denn jetzt?

MM:
Ich bin in der Forschungsphase. Ich habe sehr viel mit Technik gekämpft in den letzten Jahren und hab mich da weiterentwickelt.

DeBug:
Was heißt das konkret?

MM:
Das heißt konkret Atari weg, dafür mit G4 und Logic die Vorzüge des digitalen Zeitalters entdecken.

DeBug:
Was kommt beim momentanen Produktionsprozess von außen rein, was wird umgesetzt?

MM:
Ich fange bei jedem neuen Track komplett bei null an. Es gibt kein Soundrepertoire, keine von mir angelegten Archive, auf die ich zurückgreifen könnte. Das ist so eine Art Selbstschutz, um serielle Abläufe zu vermeiden. Lieber immer neu, immer anders. Einfluss ist alles um mich herum. Vor allem aber die Clubnächte und die Menschen, die man da trifft. Ziel beim Produzieren ist es immer, der Nacht einen guten Moment zu schenken. Einen, den man bestenfalls auch tagsüber schätzen kann.

DeBug: Was gibt’s gerade Spannendes da draußen? Wer rockt, was schockt?

MM:
Es gibt ja bekanntermaßen keinen wirklich neuen Trend, auch wenn z.B. die Engländer jede Woche einen neuen zu erfinden glauben. Elektroclash & Bastard Pop sind durch und jetzt wird eben alles absorbiert, was auch nur annähernd in diese Schublade passt. Es ist schon lustig, dass die meine Speicher 2-Nummer “Love is stronger than pride” als absolute Elektroclash-Hymne abfeiern, obwohl das nicht das Geringste mit Elektro zu tun hat. Das ist purer Techno – nichts anderes, aber was soll’s. Das ist deren Problem.

DeBug:
Ich glaube, mit dem Branding verkauft sich einiges immer noch ganz gut.

MM:
Ja mag sein. Aber was mir momentan ganz gut gefällt, sind diese Norweger, das “Tellé”-Label, auf dem beispielsweise auch Röyksopp starteten. Da kommen gerade völlig unbedarfte, teilweise auch sehr naive, aber extrem spannende Produktionen her. Ein anderes wäre z.B. “Musik Krause” (Sublabel von Freude am Tanzen) aus Jena, da gibt es zwei Platten bislang, die auch beide total frisch aus der Hüfte kommen. Oder Pom Pom! Da hab ich immer ein Auge drauf. Diese jungen Labels, die einem immer wieder die Woche retten können. So was feature ich dann so gut ich kann über den Kompakt Vertrieb: Immer alles checken, wach sein, auswerten, einkaufen und über den Vertrieb weltweit anderen zugänglich machen. Es gibt immer was zu entdecken. Was mir auffällt, kriegt Rückenwind. Ich bin ein Filter auf zwei Beinen.

DeBug:
Man hört ja auch immer wieder, dass ihr beiden, du und Tobias, unheimlich gern zusammen auflegt. Was macht denn diese Kombi so unwiederstehlich?

MM:
Also Tobias ist ja so was wie meine DJ Ehefrau.

DeBug:
Hihi, genau.

MM:
Wir feiern bald schon silberne Hochzeit oder so. Wir sind schon so lange eine Paarung, bei der eigentlich nichts schiefgehen kann, die sich aber auch immer wieder gegenseitig überrascht. Das ist einfach eine gewachsene Verbindung, die ich immer gerne in Anspruch nehme.

DeBug:
Das Kompakt-Umfeld wird ja des öfteren als kleiner elitärer und gemütlicher Familienklüngel dargestellt. Wie verhältst du dich dazu?

MM:
Elitär? Gemütlich? Beides Adjektive, die ich nicht auf uns beziehen kann. Elitär, keine Ahnung woher das kommt. Gemütlich ist allenfalls das Ambiente. Bestimmt nicht der Arbeitstag. Es hat nun mal seine Vorzüge, in überschaubaren Gruppen zu arbeiten, da bleibt der Wahnsinn menschlicher. Die Konsistenz ist bei uns so, dass wir uns seit über zehn Jahren kennen und dass es auch immer noch funktioniert, ohne dass wir uns die Köpfe einhauen, ohne dass man jede Woche eine Grundsatzdiskussion vom Zaun brechen muss… Das empfinde ich als sensationell. Das ist die Basis, das Gerüst, der Nukleus, aus dem sich das Gesamte speist: Die etwa 30 Exklusivlabels im Kompakt-Vertrieb, befreundete DJs und Produzenten, die Total Confusion Clubnacht, usw… Es ist schon verdammt wichtig, dass da eine Konstante ist, die das ganze zusammenhält.

Der Kompakt-Kahn nimmt eine neue Kurve

DeBug:
A propos Anspruch. Hast du das Gefühl, dass Kompakt will sich verändern?

MM:
Unbedingt, ja. Kompakt ist im steten Wandel begriffen. Und das soll auch immer so bleiben.

DeBug:
Lässt sich das schon greifen?

MM:
Nö, dafür passieren auch viel zu viele überraschende Dinge z.B. in Form von Demos, die vom Himmel fallen. Kaito war so ein Fall. Wir hatten tatsächlich so etwas wie eine Vorstellung von neuer Trance Musik, wie sie wieder ganz toll funktionieren kann und Spaß machen kann, und ein paar Tage später lag tatsächlich dieses Demo aus Japan auf dem Tisch. Das war ein einzigartiger Glücksfall. Aber ansonsten kann man wenig vorhersehen, man weiß ja auch nie, wie sich die einzelnen Künstler entwickeln und ob Superpitcher als nächstes eine Hardrockplatte macht oder so. Wir sind immer darauf bedacht, dass die Musik so unterhaltsam wie möglich bleibt, nie langweilig wird, so dass wir uns auch immer wieder an unseren eigenen Platten hochziehen können, uns daran erfreuen können. Musik nicht inszeniert durch Marketingstrategien, sondern tatsächlich echt und gelebt.

Debug:
Ach, das Mayer-Soloalbum ist auch noch ein ungelegtes Ei, das noch darauf wartet, Freiraum zu kriegen.

MM:
Der Moment muss stimmen, muss schon alles richtig sitzen und aus einem Guss kommen. Ich mach mich da mittlerweile locker und bin auch nicht ungeduldig. Es läuft mir nicht weg … Bis zu meiner Rente werde ich das schon noch gebacken kriegen, hehe. Ich warte den richtigen Zeitpunkt ab. Dann schlag ich zu, bestimmt.

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Elektronische Lebensaspekte.


Text: riley reinhold aus De:Bug 04

Michael Mayer – “Köln groovt anders”

Riley Reinhold
rrr@buzz.de

Wer einen so unspektakulären DJ-Namen trägt, will nicht auffallen, denkt man sich und man liegt richtig. Michael Mayer gehört zu den wenigen DJs und Produzenten in Deutschland, die ihre Arbeit in völliger Unabhängigkeit schätzen und meist im Sinne einer höchst möglichen Selbstbestimmung agieren. Vielleicht hat er gesehen, was alles falsch laufen kann, wenn man sich Leuten anvertraut, die nicht hinter der gleichen Sache stehen. Vielleicht ist es auch die Angst, nach jahrelanger Arbeit wieder vorne anfangen zu müssen und so seine Energie grundlos zu verplempern. Auf jeden Fall verfolgt er konsequenter als viele andere genau eine Linie und hat damit Erfolg.

Michael Mayer hat sich seine Position über die Jahre hart erkämpft und ist mittlerweile, nicht zu unrecht, einer der bekanntesten und populärsten House DJs von Köln. Er arbeitet im Delirium, dem Zuhause von so bekannten Labeln wie Profan, Studio1, NTA und Eat Raw und hat auf Evosonic seine wöchentliche Radio Sendung.
Mit seinen zwei, auf dem Kölner Label NTA erschienenen, Platten “Frost” und “Heaven” hat er nun seine persönliche Version von Housemusik abgeliefert und zählt zum Kreis derer, die sich explizit um eine deutsche Variante der Schnittstelle zwischen House und Techno kümmern. Von einer reinen Bewunderung für Kölner Produktionen aus dem Profan, Studio 1 und NTA Umfeld inspiriert, ist er zum selbst agierenden Producer geworden. Bewundernswert dabei ist nicht nur die Radikalität mit der er einen Teil seiner musikalischen Vergangenheit “beiseitegeschoben” hat, nein, seine Erstlingswerke klingen aufregend, zeigen Mut und Entschlossenheit und dürften Newcomern vielleicht sogar ein Vorbild sein.

DE:BUG: Du hast seit Mai hier in Köln deine eigene Radiosendung auf Evosonic, “Freier Fall”. Angefangen hast du schon einmal mit einer Radiosendung in deiner Heimatstadt Offenburg.

MM: Damals habe ich bei einer Lokalstation, einem Minisender mit einem Senderadius von 500 Quadratkilometern, in Offenburg gearbeitet. Am Tag wurden fünf Stunden gesendet, wo man automatisch Redakteur, Musikredakteur, Moderator, Techniker, alles in einer Person war und dementsprechend machen konnte, was man wollte. Ich hatte eine Mixsendung noch vor der H3 Clubnight!

DE:BUG: Wann war das?

MM: Das war so 1990/91, zu Zeiten von KLF. Zu dieser Zeit hatte ich gar keinen Zugang zu den ganzen Import Geschichten und habe immer nur das bekommen, was es in unserem Plattenladen gab. Klassische Dancefloorsachen, den frühen Frankfurter Trance und Techno, wie z.B. New Zone etc. Der Sound Of Frankfurt war sozusagen mein erster Zugang zu Techno überhaupt.

DE:BUG: Du hattest da eine Chance, dich auszudrücken die nicht jeder hat. Dafür kannst du dankbar sein, oder?

MM: Gut, es blieb mir auch nicht erspart, mich durchschlagen zu müssen. Angefangen habe ich mit Schuldiskos, ganz klassisch und später der erste Diskotheken Job in einer Großraumdisko, Samstag Abend.

DE:BUG: Wie lang hast du dich da gehalten?

MM: Ein halbes Jahr, dann wollten die mich nicht mehr. Ich hätte es weiter gemacht, weil ich die ganze Zeit einen klaren Kompromiß gesucht habe, nicht nur die Sachen spielte, die ich unbedingt spielen wollte. Es war ganz klar ein Job mit dem ich meine Platten finanziert habe, aber ich habe dadurch auch Erfahrungen gesammelt, konnte z.B. acht Stunden am Stück auflegen, was eine gute Schule war zu verstehen, daß Auflegen nicht nur mit dir selbst, sondern vor allem mit dem Publikum zu tun hat und daß man dann schauen muß, wie man da herauskommt.

DE:BUG: Was hast du damals konkret aufgelegt?

MM: Ich habe Hip Hop, House und Techno aufgelegt, habe in die Techno Control der Spex geschaut, bis ich irgendwann selbst den Durchblick hatte.

DE:BUG: Du bist in Köln bekannt geworden mit deinem Soundsystem Friends Experiment. Wann hast du damit begonnen?

MM: Begonnen haben Tobias und ich 1991 in meiner Heimatstadt Offenburg. Ursprünglich mit Armin und Mitch, die dann nach Berlin gezogen sind. Armin gehört dort der Plattenladen Meltingpoint und Mitch arbeitet als DJ. Musikalisch sind wir uns immer noch einig und zu Mitch hat Toby einen guten Kontakt.

DE:BUG: Warum bist du nach Köln und nicht nach Berlin gezogen?

MM: Ich war damals vor der Entscheidung schon öfter in Berlin gewesen, aber nie in Köln und ich habe instinktiv eine Entscheidung für Köln getroffen. Ich fand Berlin faszinierend, um die Stadt mal zu besuchen, aber ich konnte mir nie vorstellen, da zu leben. Der Spirit und die Lebenskultur waren mir dort nicht so angenehm. Darauf lege ich nach wie vor viel Wert. Ich weiss das Überschaubare in Köln zu schätzen, die Konzentration, die einem lange Wege erspart. Ich bin praktisch blind nach Köln gezogen, wusste das vorher nicht und ein Grund war sicherlich auch noch, daß Toby schon vorher nach Köln gezogen war.

DE:BUG: Reine Friends Experiment Veranstaltungen gibt es in Köln nur noch selten. Was war und ist für dich das Besondere daran?

MM: Friends Experiment haben schon immer einen freigeistigeren Umgang mit House betrieben. Wir waren nie wirklich abhängig von New York, nie wirklich abhängig von Chicago. Wir haben meistens immer die andere Seite der Platten gespielt, als alle anderen DJs. Wir haben oft die B2 Instrumental Version aufgelegt, die wir wesentlich interessanter fanden als den Hit. Friends Experiment hat sich immer zurückgehalten, nie wirklich auf die Kacke gehauen, immer versucht, mit eher unauffälligeren Dingen eine Atmosphäre zu gestalten und somit einen Kontrapunkt zu dem Wahnsinn der so abgeht zu setzten. Wir haben immer eine alternative Variante der Housemusik gesucht. Im Kölner IZ hatten wir dann die Chance dies richtig auszuformulieren, dadurch daß wir jede Woche den Freitag hatten und haben festgestellt, daß es wirklich funktionieren kann, auch wenn man vielleicht für andere Leute langweilige Musik spielt, in der nicht so viel passiert. Musik die von Basslauf, Bassdrum und Snare lebt. Solche Musik kann für sich alleine leben, weil die Leute sensibeler dadurch werden.

DEBUG: Glaubst du, daß Köln für diese Art von Musik einen guten Nährboden hergibt?

MM: Wenn man die Anfangseuphorie in kleineren Städten, wo das Thema noch nicht so breitgetreten ist, abzieht, ist Köln als alter Hase in Sachen Clubkultur sicherlich der beste Boden. In Köln hat sich eine Art von Treue unseren Parties gegenüber entwickelt. Es gibt Leute die seit 3-4 Jahren zu unseren Parties kommen. Man hat etwas womit man arbeiten kann, worauf man aufbauen kann und muß nicht wieder mit Grundsätzlichem anfangen. Es hat mich auch sehr gefreut, daß innerhalb der letzten beiden Jahre bei der Delirium Familie eine musikalische Annäherung stattgefunden hat, die es mir ermöglicht, auch Stücke von Mike Ink zu spielen. Eigentlich hat er dann die Musik gemacht, die ich immer von ihm hören wollte. Nenn es die späte Einsicht, daß die Stücke bis 130 BPM am meisten grooven und letzten Endes am meisten Sex haben.

DE:BUG: Wenn man über Friends Experiment spricht, muß man unweigerlich auch über Wild Pitch sprechen. Auch Basic Channel Platten gehen auf DJ Pierre zurück.

MM: Die Q1,1, von Basic Channel war “Pierre as Pierre can be”. Das war das erste Mal, daß ich wieder ein Technolabel Spitze fand. Als ich die gehört habe, bin ich vom Glauben abgefallen. Endlich waren keine Strings und Vokal Loops mehr dabei, die ich bei Pierre schon immer überflüssig fand. “Generate Power” und “Rise From Your Grave” waren die Stücke, die mich zum House DJ gemacht haben, definitiv. DJ Pierre kannst du hier erwähnen. Auch als DJ hat er mich fasziniert. Auf der Joint Venture Party (Cosmic Orgasm vs Spex) 1992 in der Farina Factory bin ich, bis er aufgehört hat, nicht aus dem Raum herausgekommen. Das ist das einzige Mal, wo ich geheult habe. Der hat mich dermaßen mitgenommen, in der Weise wie er Vokalhouse und straighte Acidsachen im Wildpitch Mix verknüpft hat. Die Arbeitsweise, wie er mit Wild Pitch gearbeitet hat, mit Bässen raus und rein, war eine neue Dimension für mich. Ich denke auch für Pierre war das eine Sternstunde. Ich habe ihn danach noch des öfteren gehört, aber an diesen Abend reichte es nicht heran.

DE:BUG: Was sagt du eigentlich zu dem Vorwurf, daß alle Platten, die aus dem Delirium Köln Umfeld kommen, sehr ähnlich klingen und wenig überraschen.

MM: Das kann ich nachvollziehen, weil es mir mit anderen Musikstielen auch so geht. Für mich klingt eine Progressiv House Platte wie die andere. Ich formuliere daraus keinen Vorwurf. Wir teilen eine gewisse Vorliebe. Vor zwei Jahren hat sich das ineinandergepitcht. Wir mochten früher die gleichen Sachen, wie z.B. die frühen Warp Platten. Das ist etwas, worauf ich mich auch mit Mike Ink und Jörg Burger noch immer einigen kann. Minimale Musik, die zu einem großen Teil aus Bassläufen besteht, ähnelt sich zwangsläufig, wobei meines Erachtens doch sehr große Unterschiede bestehen. Leute die von außen kommen und nicht so richtig drin sind im Thema, die halten das eben nicht so, aber das ist auch ihr gutes Recht.

DE:BUG: Inwiefern hat dich Mike Ink beeinflußt?

MM: Klar, Mike hat mich sehr beeinflußt, als er dann solche Musik gemacht hat (Studio1, etc..), bin ich meiner Vorstellung von Musik automatisch auch nähergekommen. In meiner speziellen Sichtweise verstehe ich Studio 1 noch immer als House Musik mit gerader Bassdrum, Bassläufen und Housestrukturen, die aber eben anders gehen. Plötzlich war da jemand der das Gleiche meinte und an einem ähnlichen Strang zieht, das hat mich gekickt.

DE:BUG: Welche Funktion hat deine Musik für dich?

MM: Die Musik die ich produziere ist Musik, die ich als DJ kombinieren kann, was für mich ein wichtiger Ausgangspunkt zum Produzieren ist. Meine Musik ist Musik, die mir sozusagen fehlt im Koffer. Musik die Zwischenräume und Defizite ausfüllt und variiert. Meine Platten werden auf der einen Seite meiner Warmup-Leidenschaft gerecht, die dezent ist, keine ausschließliche Tanzmusik darstellt und gleichzeitig auch dem Dancefloor Rechnung tragen soll. Daß das Warmup genauso wichtig ist wie die Prime Time am Abend, ist eine Friends Experiment Tugend. Ich finde es fatal, wenn man seine guten Platten für die Prime Time aufhebt.

DE:BUG: Der Housesound befindet sich schon seit längerer Zeit in einer Krise und man könnte sich darüber streiten, ob das was du machst House zu nennen ist. Warum glaubst du ist der House Sound, der momentan wieder etwas präsenter ist, so untergegangen?

MM: Es gibt nur ein paar wenige Leute die bei House momentan überhaupt den Durchblick behalten. Nun warum es mit House so weit gekommen ist, liegt, glaube ich, an der entscheidenden Phase als Strictly Rhythm total nach vorne gegangen ist, House populär wurde und sie mit ein paar anderen New Yorker Houselabeln alles mit durchschnittlichen Produktionen und Anbiederungen an Euro House zubetoniert haben. Zu diesem Zeitpunkt haben sie sich selbst verraten und sich den Boden unter den Füßen weggezogen. Hätten sie so weitergemacht wie Mood 2 Swing, die heute noch gute Platten machen, dann wäre es vielleicht anders ausgegangen. Aber so hat man Deephouse den Nährboden entzogen. Strictly Rhythm war als finanzieller Vater enorm wichtig für die frühe Houseszene, hat Wild Pitch als erster groß gemacht, hat sich aber auch immer als Wirtschaftsunternehmen verstanden, das mit Underground Musik Geld verdient. Als die ersten Hits kamen und Pizarro nicht mehr A&R Mann bei Strictly war, hat etwas wie ein Generationswechsel stattgefunden und die alten Hasen, die für die ganzen Deephouseplatten in der Vergangenheit verantwortlich waren, mußten auf total unwichtigen kleinen Labeln durchkommen. Auf Strictly wurde dann ein Mainstream Sound geprägt.

DE:BUG: Bist du ein Kind von Acid?

MM: Ich habe Acid in einer gefilterten Form mitbekommen, zu einer Zeit wo es in Offenburg noch keine Importe gab. Klar, Dee-Mob und ein paar Sachen wie Dr. Acid & Mr. House waren dann für mich Acid House, daß wurde mir so beigebracht. X-Express war z.B. auch Acid House. Das waren Sachen in die ich mich damals extrem verliebt habe. Da bin ich zum ersten Mal ziemlich auf der Tanzfläche ausgerastet und habe festgestellt, daß man viel mehr als die gerade Bassdrum gar nicht braucht. Und ich bin ja selber auch Tänzer. Ein DJ der nicht tanzt, kann zwar ein guter DJ sein, aber dem wird ein bißchen abgehen.

DE:BUG: Wie häufig kannst du selbst bei anderen Parties tanzen?

MM: Mittlerweile ist es etwas rarer geworden. Es gibt leider Gottes momentan selten Parties, wo ich selber tanze. Ich tanze auch beim Auflegen, in Bewegung sein ist auch wichtig. Am liebsten tanze ich auf den eigenen Parties, wenn ich nicht auflege.

DE:BUG: Jeff Mills hat mal gesagt, eine von zehn Parties ist nach seinem Geschmack, wie siehst du das?

MM: Es ist weniger oft, daß es ein komplett guter Abend wird. Ich finde jeder Abend, auch wenn die Location noch so schlecht sein sollte, hat einen Reiz, den man ihm abgewinnen kann. Man kann überall versuchen, was daraus zu machen. Ich seh das eher als Herausforderung, anstatt daß ich mich davon abturnen lasse. Ich denke man ist das der Sache schuldig.

DE:BUG: Du magst es zu arbeiten. Deine beiden Platten sind auch in dem Sinne arbeitsintensiv und sehr durchdacht. Man merkt, daß eine Menge Gedanken eingeflossen sind.

MM: Ich mag halbe Sachen nicht gerne. Beim Produzieren war das für mich eine echte Offenbarung, daß ich mich acht Stunden am Stück echt konzentrieren, reingehen kann. Bei dem Job den man hat, wie z.B. im Plattenladen, kann man das auch verlernen. Ich habe das vermißt. Es bietet sich einfach nicht die Möglichkeit, sich auf irgendwas über einen längeren Zeitraum zu konzentrieren. Alleine etwas zu erarbeiten, daß habe ich für mich neu entdeckt. Alleine verantwortlich zu sein. Ob die Ergebnisse wirklich so gut sind, daß sei dahingestellt. Ich selber halte mich noch für einen Anfänger

DE:BUG: Du hast zwei Platten auf NTA veröffentlicht, einmal Frost und dann Heaven. In welcher Beziehung stehen die Platten zueinander?

MM: Zuerst kam die Frost, die ziemlich kühl und reduziert geraten ist und ich wußte schon als sie fertig war, daß die zweite anders werden muß und sich ganz klar aus dem Minimal Kontext herausbewegen soll. Ich komme von House und bin ein House DJ. Gerade auch harmonischere und atmosphärischere Dinge wollte ich bei meiner zweiten Platte umsetzen. Es war aber nicht so daß Heaven von vornherein das Motto war, es hat sich dann ergeben. “Heaven” war das erste Stück das fertig war und hat dann ganz klar auch die Marschrichtung angegeben.

DE:BUG: Heaven war das Soundtrack Thema von Erasurehead. Bist du ein Fan des Films oder nur des Soundtracks?

MM: Ganz klar auch des Films. Ich mag David Lynch meistens sehr gerne. Ich mag diese atmosphärische Dichte bei ihm, daß er unglaublich gut mit sehr wenigen, platten, profanen Dingen Atmosphäre erzeugen kann. Die Musik spielt bei den Filmen auch immer eine wichtige Rolle. Bei Erasurehead hat er selbst die Musik gemacht, was für ’76 ein verdammt experimenteller Soundtrack ist. Später dann kamen die Sachen von Angelo B., der auch das Twin Peaks Thema geschrieben hat, was ich echt spitze fand, weil es extrem gut mit den Bildern harmoniert hat. Er hat unter anderem auch, und da habe ich gestaunt, für Pet Shop Boys String Arrangements gemacht. Der große Vorteil wenn man anfängt ist, daß man sich sehr frei bewegen kann. NTA ist auch ein Label wo alles mögliche passieren kann, was nicht so unter einer Erwartungshaltung steht wie z.B. Profan. Diesen Zustand nutze ich auch aus und diverse Verbote Vocals, Harmonien oder richtige Bassläufe benutzen zu dürfen, können mir egal sein, weil ich erst jetzt dabei bin, mich zu definieren.

DE:BUG: Deine Stücke bestehen neben Harmonien zu einem großen Teil aus auffälligen Bassläufen und vielleicht hast du es in dieser Hinsicht mit “Heaven” auch auf die Spitze getrieben. Auf jeden Fall ist alleine die Tatsache, daß so viele tiefe Bässe auf der Platte sind, eine kleine Meisterleistung bzw. ein Geheimnis für sich.

MM: Sagen wir mal so, ich war sehr froh, als ich auf die Idee gekommen bin, wie ich den Baß den ich haben möchte, hinbekomme. Es war eine ziemlich unorthodoxe Arbeitsweise, die ich jetzt auch nicht erklären will. Auf der nächsten Platte werde ich auf keinen Fall einen solchen Bass benutzen. Für mich ist das Thema jetzt abgeschlossen. Es gab mal einen Titel von Renegade Soundwave, der hieß: “Women respond to bass”! Aber mal im Ernst ich stehe total auf Bass und es kann auch sein, daß es etwas zu viel geworden ist auf der neuen Platte. Ich würde mich sehr ärgern, wenn man die Platte nicht auflegen könnte, nur weil der Bass so stark ist. Aber was ich an dem speziellen Bass, den ich auf der Platte habe, zu schätzen weiss (und das war eine bewußte Entscheidung) ist, daß man ihn auch mit kleinen Boxen und Ghetto Blaster hören kann. Im Grunde ist das gar kein Sub-Bass. Er ist relativ hoch, obwohl er nicht so klingt. Mike hat die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und ich habe mich dagegen durchgesetzt, weil ich es so haben wollte.

DE:BUG: Was war überhaupt das erstes Stück, das du produziert hast?

MM: Ich habe 1993 mit Reinhart Voigt zusammen “One Thousand Miles And Running” für die Ethik II CD gemacht und daraus ist dann Forever Sweet entstanden, mit gerader Bassdrum. Tobias Thomas ist dann dazugestoßen, es hat direkt harmoniert und daraus ist dann das Projekt gewachsen.

DE:BUG: Seit kurzem ist deine eigene Radio Show auf Evosonic jeden Sonntag 13.00-15.00 Uhr. Welchen Charakter hat die Sendung?

MM: Die Sendung hat jetzt einen Frühstückscharakter bekommen. Die ursprüngliche Idee war eine ganz andere, aber da ich den Sendeplatz Sonntag von 13.00-15.00 bekommen habe, was definitiv keine Zeit ist wo man experimentelle, abgründige Sounds hören will, hat es sich so ergeben. Ich spiele dort hauptsächlich entspannte Musik aus dem House und Techno Bereich, auch viele Deephouse Sachen, die ich heute in meinen Sets nicht mehr spiele. Ich mache zudem viele Abstecher in die 80ger und versuche da Schnittstellen zu finden. Meine eigentliche Sozialisation war nicht Pop im eigentlichen Sinne, sondern die Dance Variante davon. Ich habe Pet Shop Boys und ABC immer mehr als Dance empfunden als Pop Musik. Ich habe deshalb auch eine ziemlich große Sammlung von Italo-House über 80ger Dance Sachen.

DE:BUG: Als nächstes erscheint von dir ein Remix von Matthias Schaffhäusers Platte auf Blaou Records Berlin und ein Remix von Blazes “Lovely Dae” auf Playhouse. War es nicht schwierig, diesen Sommerhit zu remixen? Was habt ihr daraus gemacht?

MM: Ja, es war schwierig. Ich hätte gerne einen Instrumental Mix gemacht, weil es schon einen mit Stimme gab, aber es standen Toby und mir nur die Vocals zur Verfügung, keine Beats oder Sounds die man sampeln hätte können. Im Vergleich zum Original klingt unserer Remix fast theoretisch. Wir habe versucht, das Stück etwas abstrakter zu machen, die Grundnettigkeit beizubehalten, die Glückshormone nicht völlig rauszuwerfen und etwas “um die Ecke zu gehen”.

DE:BUG: Du veröffentlichst in Kürze zusammen mit einem Freund eine Platte auf Ladomat, die nicht unter deinem Namen erscheint. Um was geht es dabei?

MM: Ein Freund von mir hat mir letztlich ein Tape vorgespielt, das er auf einem 8-Spur Gerät aufgenommen hat, wo er alles selbst gesungen hat, die Bassdrum die Hi-Hat etc., also eine komplette Komposition. Es hat allerdings erbärmlich schlecht geklungen aber hatte diese unschlagbare Melodie, die ich danach im Ohr hatte. Ich habe mich darauf hin angeboten, es zu produzieren. Ich vestehe mich dabei als Produzent und nicht als Autor. Die Melodie war derart poppig, daß es wenig Sinn machte, auf Biegen und Brechen etwas völlig Abgefahrenes zu machen. Wir wollten ganz klar die Poppigkeit weiter ausbauen. Wir waren drei Tage im Studio, es ging alles ganz schnell und problemlos. Es wird zwei Versionen von Matthias und mir geben, eine trashige mit Bass im Off und eine opulentere Houseversion, die ursprünglich total kommerziell hätte sein sollen, aber anders endete und einen Remix von Jürgen Paape aka Reval.

DE:BUG: Abschließendes Statement?

MM: Ich bin nach wie vor in erster Linie DJ, das ist etwas wovon ich wirklich behaupten will, daß ich es kann. Beim Produzieren befinde ich mich noch im Anfängerstadium und freue ich mich, wenn es jemanden interessiert, aber ich habe nicht den Anspruch eines Künstlers, der etwas total Irres zu sagen hat und ich will auch nicht, daß der Anspruch an mich gestellt wird.

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Elektronische Lebensaspekte.