Die Eckpunkte der Kulturgeschichte kennt jedes Kind, das gehört zum erzieherischen Kapital dieser Gesellschaft. Das Wissen um die Naturwissenschaft ist dagegen meist mager bis nicht vorhanden. Der französische Philosoph Michel Serres hat jetzt zusammen mit Nayla Frouki und anderen fleißigen Helfern ein Nachschlagelexikon erstellt, damit wir besser mit den Naturwissenschaften mithalten können. Und 'Wer wird Millionär?" beim nächsten Mal gewinnen.
Text: sascha kösch aus De:Bug 47

Babylon rult
Neo-Enzyklopädisches von Michel Serres & Nayla Farouki
Die gute Nachricht zuerst. Man weiß mehr, als man dachte. Beim Lesen eines “Thesaurus der exakten Wissenschaften”, diesem gewichtigen Werk voller Worterklärungen aus Astrophysik, Physik, Chemie, Biochemie, Genetik, Geowissenschaften, Informatik und Mathematik ist man nicht sonderlich überrascht, sich dennoch als Testbed der Vorbereitungscastings für “Wer wird Millionär” zu fühlen. Nur dass hier nicht streberhaft das Wissen der richtigen Antwort zwecks Erfüllung einer Chance im Vordergrund steht, sondern die gute, alte Tradition der Aufklärer und Enzyklopädisten. Ausgangshypothese bzw. Claim des Buches ist, dass die Naturwissenschaften 80 Prozent aller neuen “Wortschöpfungen in den europäischen Umgangssprachen” hervorrufen. Dieses “gesicherte” Wissen soll nun in mehr oder weniger handlicher Buchform dem breiten Publikum zugänglich gemacht werden, damit es nicht verdummt oder eines Tages nicht mal mehr von Gabi Bauer bzw. ihrer Nachfolgerin Anne Will kapiert wird. Die exakte Wissenschaft möchte also verstanden werden. Die Menschen sollen nicht mehr bei jedem zweiten Fremdwort nach dem Galgen dafür rufen. Ein Buch gegen den Mob also. Und Mob muss hier quer durch alle sozialen Schichten verstanden werden. Der Kultur-Mob, also nach wie vor eher der Kultur-Bücher-Lesende oder Wagner-Opern-Schauende, muss aufgeklärt werden. Der kennt natürlich Diderot sowieso eher als Serres, von dem hier keiner eine philosophische Geste erwarten sollte. Die Mission ist eine andere. Auch unter dem Kultur-Mob ist bekanntlich Halbwissen der beste Weg zum sozialen Aufstieg, weil es ein Gemisch aus im richtigen Moment die Klappe halten und im rechten Moment wissen, wo man grade ist, bedeutet. Der Mob darf nun anhand nicht zu kurzer Happen durch und durch angenehm lesbar geschriebene, historisch analytische Kommentare zu Dauerbrennern wie “Klon”, “Kybernetik” oder “Kryptographie” neue Fundamente in der Ordnung seines Systems zwischen Wissenschaftsglaube und bürgerlichem Mystizismus suchen. Da sich Abkürzungen aus Ingenieurswissen (nicht exakt), Mobiltelefonie und Computerfachwissen in einer Menge anderer Lexika finden, sollte man in Serres und Faroukis Buch den Umschlag und Claim nicht zu ernst nehmen und lieber nach solide durchgesickerter offiziöser Wissenschaft des letzten Jahrhunderts suchen. Man kann aber z.B. als Quereinsteiger und Sciencefiction-Roman-Verschlinger mehr als ein Phänomen klären, auf dessen Klärung man eigentlich schon immer, wenn auch nie dringend, gewartet hatte.
Die Grenzen eines solchen Buchs zeigen sich darin, dass der erwähnte Artikel über Kryptographie nicht mal halb so systematisch und logischerweise nicht halb so ausführlich ist wie z.B. der Kryptographie-Part im üblichen “Linux für Anfänger”-Handbuch. Stellenweise wird mit Selbstverständlichkeiten aufgewartet, die keine mehr sind. Manchmal darf sogar richtiggehend skurril verkürzter Unsinn auftauchen: Hacker z.B. seien Computerfreaks, die zwar virtuos mit dem Computer umgehen, aber Sklaven der Maschine seien. Aber wer schließlich liebt nicht eigentlich auch genau das an der großen Welt der enzyklopädischen Literatur?

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Elektronische Lebensaspekte.